Ein­kom­mens­an­rech­nung des "unech­ten" Stief­va­ters bei Hartz IV-Leis­tun­gen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die sich gegen eine Rege­lung zur Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­an­rech­nung bei den Leis­tun­gen zur Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de rich­tet, wegen Unzu­läs­sig­keit nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Ein­kom­mens­an­rech­nung des "unech­ten" Stief­va­ters bei Hartz IV-Leis­tun­gen

Anlass für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war ein Fall aus Hamm: Die 1993 gebo­re­ne Beschwer­de­füh­re­rin leb­te mit ihrer Mut­ter, deren neu­em Part­ner und des­sen Toch­ter zusam­men. Der neue Part­ner der Mut­ter gewähr­te der Beschwer­de­füh­re­rin freie Kost und Logis. Zudem waren der Beschwer­de­füh­re­rin Leis­tun­gen nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch (SGB II) bewil­ligt wor­den.

Mit Wir­kung zum 1. August 2006 wur­de § 9 Abs. 2 Satz 2 SGB II neu gefasst: Nun­mehr sind bei unver­hei­ra­te­ten Kin­dern, die mit einem Eltern­teil in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben und die ihren Lebens­un­ter­halt nicht aus eige­nem Ein­kom­men oder Ver­mö­gen beschaf­fen kön­nen, nicht nur das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des Eltern­teils, son­dern auch das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des mit dem Eltern­teil in Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den Part­ners zu berück­sich­ti­gen.

Der Leis­tungs­trä­ger hob auf­grund die­ser Neu­re­ge­lung die Bewil­li­gung auf und ver­wies zur Begrün­dung auf die man­geln­de Bedürf­tig­keit der Beschwer­de­füh­re­rin wegen des Ein­kom­mens des Part­ners der Mut­ter. Der hier­ge­gen erho­be­ne Wider­spruch blieb eben­so erfolg­los wie nach­fol­gend die Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Dort­mund 1 und dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt 2. hier­ge­gen blie­ben erfolg­los. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich gegen die­se Ver­wal­tungs- und Gerichts­ent­schei­dun­gen sowie mit­tel­bar gegen § 9 Abs. 2 Satz 2 SGB II.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de als unzu­läs­sig und nahm sie nicht zur Ent­schei­dung an:

Zur not­wen­di­gen Begrün­dung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gehört die sub­stan­ti­ier­te Dar­le­gung, dass der Beschwer­de­füh­rer durch den ange­grif­fe­nen Hoheits­akt in einem eige­nen Grund­recht oder grund­rechts­glei­chen Recht ver­letzt sein könn­te 3. Liegt die Ver­let­zung des Grund­rechts nicht auf der Hand, ist dies anhand der ein­schlä­gi­gen Maß­stä­be im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen 4. Rich­tet sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen gericht­li­che Ent­schei­dun­gen bedarf es einer Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Ent­schei­dun­gen und deren kon­kre­ter Begrün­dung 5. Es reicht nicht aus, den Erwä­gun­gen der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung nur die eige­ne Sicht­wei­se ent­ge­gen­zu­stel­len 6.

Die­se Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de sind hier nicht erfüllt.

Eine Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit (Art. 2 Abs. 1 GG) der Beschwer­de­füh­re­rin ist nicht schlüs­sig behaup­tet. Es ist bereits nicht ersicht­lich, inwie­fern in § 9 Abs. 2 Satz 2 SGB II ein Ein­griff in die­ses Grund­recht lie­gen könn­te. § 9 Abs. 2 Satz 2 SGB II legt der Beschwer­de­füh­re­rin kei­ne Rechts­pflicht auf. In der Nicht­ge­wäh­rung einer staat­li­chen Leis­tung liegt kein Grund­rechts­ein­griff, weil nicht die abwehr­recht­li­che Dimen­si­on der Grund­rech­te betrof­fen ist 7. In Rede steht viel­mehr das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums, für des­sen Aus­ge­stal­tung aus grund­recht­li­cher Sicht allein Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art.20 Abs. 1 GG maß­geb­lich ist 8.

Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin eine Ver­let­zung ihres Grund­rechts auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG behaup­tet, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert.

Die Beschwer­de­füh­re­rin hat nicht dar­ge­legt, inwie­weit ihr men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum wäh­rend des streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raums nicht gesi­chert gewe­sen war. Nach den im August 2006 gel­ten­den und nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 09.02.2010 anzu­wen­den­den 9 gesetz­li­chen Rege­lun­gen betrug die Regel­leis­tung nach § 28 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II a. F. in Ver­bin­dung mit § 20 Abs. 2 SGB II a. F.207 Euro je Monat; Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung wur­den nach § 22 Abs. 1 Satz 1 SGB II a. F. geson­dert erstat­tet. Es fehlt vor­lie­gend an den zur Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung nach § 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG not­wen­di­gen Aus­füh­run­gen dazu, inwie­weit eine Regel­leis­tung trotz der Zah­lung von Kin­der­geld und der Gewäh­rung von "Kost und Logis", die in Abzug zu brin­gen waren, zur Deckung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums noch erfor­der­lich gewe­sen wäre.

Ob der Schutz­be­reich des Art. 6 Abs. 5 GG, des­sen Ver­let­zung die Beschwer­de­füh­re­rin eben­falls rügt, hier betrof­fen ist, kann vor die­sem Hin­ter­grund offen blei­ben.

Auch eine Ver­let­zung des Art. 3 Abs. 1 GG ist nicht plau­si­bel dar­ge­tan. Die Beschwer­de­füh­re­rin ist inso­fern der Ansicht, dass ihr Grund­recht auf Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums ver­letzt wer­de, wäh­rend Kin­der in ehe­li­chen Bedarfs­ge­mein­schaf­ten nach §§ 1360, 1360a BGB ihr Recht auf Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums gegen­über dem leis­tungs­fä­hi­gen Unter­halts­ver­pflich­te­ten durch­set­zen könn­ten.

Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin damit unter einem ande­rem recht­li­chen Gesichts­punkt aber­mals rügen will, dass ihr Exis­tenz­mi­ni­mum nicht gesi­chert sei, geht die Rüge schon des­we­gen ins Lee­re, weil Art. 3 Abs. 1 GG für die Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums kei­ne wei­te­ren Maß­stä­be zu set­zen ver­mag 10. Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin damit hin­ge­gen eine Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der zivil­recht­li­chen Unter­halts­vor­schrif­ten behaup­ten will, bewegt sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de außer­halb des fach­ge­richt­li­chen Streit­ge­gen­stan­des.

Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin schließ­lich rügt, dass der Part­ner ihrer Mut­ter hin­sicht­lich der nach § 9 Abs. 2 Satz 2 SGB II zu berück­sich­ti­gen­den Leis­tun­gen nicht nach § 32 Abs. 6 Satz 7 EStG a.F. steu­er­lich pri­vi­le­giert wer­de, macht sie nicht die Ver­let­zung von eige­nen Rech­ten gel­tend.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 29. Mai 2013 – 1 BvR 1083/​09

  1. SG Dort­mund, Urteil vom 12.11.2007 – S 32 AS 428/​06[]
  2. BSG, Urteil vom 13.11.2008 – B 14 AS 2/​08 R[]
  3. vgl. BVerfGE 89, 155, 171[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.08.2010 – 1 BvR 1584/​10; Magen, in: Umbach/​Clemens/​Dollinger, BVerfGG, 2. Aufl.2005, § 92 Rn. 48[]
  5. vgl. BVerfGE 88, 40, 45; 101, 331, 345; 105, 252, 264[]
  6. vgl. BVerfGK 2, 22, 24; BVerfG, Beschluss vom 05.01.2010 – 1 BvR 2973/​06[]
  7. vgl. auch LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 23.01.2007 – L 13 AS 27/​06 ER[]
  8. vgl. BVerfGE 125, 175, 227; BVerfGK 17, 375, 377[]
  9. BVerfGE 125, 175, 259[]
  10. vgl. BVerfGE 125, 175, 227[]