Eltern­geld wäh­rend der Inhaf­tie­rung

Auch wäh­rend der Inhaf­tie­rung hat eine Mut­ter Anspruch auf Eltern­geld, wenn sie im Gefäng­nis zusam­men mit ihrem Kind lebt und für die­ses tat­säch­lich und wirt­schaft­lich sorgt. Die Richt­li­ni­en des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend, wonach Mut­ter und Kind in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt kei­nen gemein­sa­men Haus­halt begrün­den könn­ten und des­halb auch kein Anspruch auf Eltern­geld bestehe, wider­spre­chen dem Gesetz.

Eltern­geld wäh­rend der Inhaf­tie­rung

Das Urteil des Sozi­al­ge­richts Ber­lin betrifft eine Frau aus Ber­lin-Fried­richs­hain, die im Okto­ber 2007 eine Toch­ter gebar. Acht Mona­te spä­ter, im Juni 2008, muss­te sie eine mehr­mo­na­ti­ge Haft­stra­fe in der Ber­li­ner Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt für Frau­en antre­ten. In Abspra­che mit dem sozi­al­päd­ago­gi­schen Dienst des Bezirks­am­tes nahm sie ihr Baby mit. Zusam­men mit dem Kind leb­te sie in der Anstalt in einer zwei­räu­mi­gen Mut­ter-Kind-Zel­le mit Kin­der­zim­mer, Wickel­kom­mo­de, eige­nem Bad und der Mög­lich­keit zur Mit­be­nut­zung einer Küche. Für die Ver­sor­gung und Pfle­ge des Säug­lings war sie allein ver­ant­wort­lich. Den Bedarf des Kin­des deck­te sie durch das Kin­der­geld und einen Unter­halts­vor­schuss. Zur Erle­di­gung not­wen­di­ger Besor­gun­gen erhielt sie Frei­gang.

Das Bezirks­amt Fried­richs­hain-Kreuz­berg von Ber­lin hat­te der Klä­ge­rin im Janu­ar 2008 noch für die ers­ten zwölf Lebens­mo­na­te ihrer Toch­ter Eltern­geld in Höhe von 300 Euro monat­lich bewil­ligt. Im August 2008 hob es dann den Bewil­li­gungs­be­scheid für die Dau­er der Haft wie­der auf. Aus­weis­lich Zif­fer 1.1.2.2 der Richt­li­ni­en des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend zum Eltern­geld­recht, an die man als Behör­de gebun­den sei, könn­ten Mut­ter und Kind in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt kei­nen gemein­sa­men Haus­halt begrün­den. Nach § 1 Abs. 1 Bundes­el­tern­geld- und Eltern­zeit­ge­setz (BEEG) hat Anspruch auf Eltern­geld hat, wer

  • einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land hat,
  • mit sei­nem Kind in einem Haus­halt lebt,
  • die­ses Kind selbst betreut und erzieht und
  • kei­ne oder kei­ne vol­le Erwerbs­tä­tig­keit aus­übt.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts sei­en kei­ne sach­li­chen Grün­de erkenn­bar, der Klä­ge­rin das Eltern­geld für ihre Toch­ter vor­zu­ent­hal­ten. Auch wäh­rend der Inhaf­tie­rung habe die Mut­ter mit dem Baby in einem gemein­sa­men Haus­halt gelebt, denn es habe eine gemein­sa­me Wirt­schafts­füh­rung und häus­li­che Gemein­schaft gege­ben. Die Klä­ge­rin habe ihr Kind in tat­säch­li­cher und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht selbst ver­sorgt. Der Lebens­mit­tel­punkt des Kin­des sei ein­deu­tig bei der Mut­ter im Gefäng­nis gewe­sen. Auch die emo­tio­na­le Zuwen­dung habe das Kind wäh­rend der gesam­ten Haft­zeit von sei­ner Mut­ter erhal­ten. Für die Wei­sungs­la­ge des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums gebe es kei­ne gesetz­li­che Recht­fer­ti­gung. Das Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat den Auf­he­bungs­be­scheid auf­ge­ho­ben.

Sozi­al­ge­richt Ber­lin, Urteil vom 21. Okto­ber 2011 – S 2 EG 139/​08: