Heil­päd­ago­gi­sche Reit­the­ra­pie als Maß­nah­me der Kin­der ‑und Jugend­hil­fe

Ein An­spruch auf Ge­wäh­rung heil­päd­ago­gi­scher Leis­tun­gen (hier: heil­päd­ago­gi­sche Reit­the­ra­pie) kann Kin­dern oder Ju­gend­li­chen als ju­gend­hil­fe­recht­li­che Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Teil­ha­be am Leben in der Ge­mein­schaft auch dann zu­ste­hen, wenn sie ein­ge­schult sind und eine ihrer Be­hin­de­rung ent­spre­chen­de För­der­schu­le be­su­chen.

Heil­päd­ago­gi­sche Reit­the­ra­pie als Maß­nah­me der Kin­der ‑und Jugend­hil­fe

Der Anspruch auf Über­nah­me der ver­aus­lag­ten Auf­wen­dun­gen für das heil­päd­ago­gi­sche Rei­ten folgt in einem der­ar­ti­gen Fall aus § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII.

Die­se Vor­schrift ver­leiht einen Anspruch auf Über­nah­me der erfor­der­li­chen Auf­wen­dun­gen für selbst beschaff­te Hil­fen. Das sind Hil­fen, die – wie hier – vom Leis­tungs­be­rech­tig­ten abwei­chend von § 36a Abs. 1 und 2 SGB VIII selbst beschafft wer­den, ohne dass eine Ent­schei­dung des Trä­gers der Jugend­hil­fe oder eine Zulas­sung durch die­sen vor­an­ge­gan­gen ist. Der Über­nah­me­an­spruch setzt nach § 36a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII vor­aus, dass der Leis­tungs­be­rech­tig­te den Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe vor der Selbst­be­schaf­fung über den Hil­fe­be­darf in Kennt­nis gesetzt hat (Nr. 1), die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung der Hil­fe vor­la­gen (Nr. 2) und die Deckung des Bedarfs kei­nen zeit­li­chen Auf­schub gedul­det hat (Nr. 3).

Die Betei­lig­ten gehen, wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Senat erör­tert, zu Recht über­ein­stim­mend davon aus, dass der Klä­ger den Beklag­ten mit sei­nem unter dem 16.11.2009 gestell­ten "Fol­ge­an­trag für För­der­ein­hei­ten der heil­päd­ago­gi­schen Reit­the­ra­pie ab 1.01.2010" recht­zei­tig 1 vor Beginn des Zeit­raums, für den die Über­nah­me der Auf­wen­dun­gen bean­tragt wur­de, von dem Hil­fe­be­darf in Kennt­nis gesetzt hat. Des Wei­te­ren steht zwi­schen den Betei­lig­ten zu Recht nicht im Streit, dass beim Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe der vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zuer­kann­te Bedarf von einer wöchent­li­chen The­ra­pie­ein­heit heil­päd­ago­gi­schen Rei­tens unauf­schieb­bar war. Zu ent­schei­den ist allein dar­über, ob dem Klä­ger in dem in Rede ste­hen­den Zeit­raum gemäß § 35a Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 SGB VIII i.V.m. § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 55 Abs. 1 SGB IX ein Anspruch auf Gewäh­rung heil­päd­ago­gi­scher Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft zustand. Das ist der Fall.

Nach § 35a Abs. 1 Satz 1 SGB VIII haben Kin­der oder Jugend­li­che Anspruch auf Ein­glie­de­rungs­hil­fe, wenn ihre see­li­sche Gesund­heit mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te von dem für ihr Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht (Nr. 1) und daher ihre Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist oder eine sol­che Beein­träch­ti­gung zu erwar­ten ist (Nr. 2).

Im Rah­men der vom Klä­ger erho­be­nen Ver­pflich­tungs­kla­ge (§ 42 Abs. 1, § 113 Abs. 5 VwGO) ist dage­gen nicht zu prü­fen, ob der Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe sei­ner ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­pflich­tung nach § 35a Abs. 1a SGB VIII nach­ge­kom­men ist und hin­sicht­lich der Abwei­chung der see­li­schen Gesund­heit nach Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 die Stel­lung­nah­me eines der dort in Nr. 1 bis 3 abschlie­ßend bezeich­ne­ten Ärz­te oder Psy­cho­the­ra­peu­ten ein­ge­holt hat. Denn über das Vor­lie­gen des ein­ge­klag­ten Anspruchs ist ange­sichts des Streit­ge­gen­stan­des der Ver­pflich­tungs­kla­ge ohne Rück­sicht auf etwai­ge Män­gel des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens zu ent­schei­den 2.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Rechts­streit lagen die mate­ri­el­len Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 35a Abs. 1 Satz 1 SGB VIII – unstrei­tig – vor.

Nach den Fest­stel­lun­gen wich die see­li­sche Gesund­heit des seit sei­ner Geburt an klas­si­schem früh­kind­li­chem (Kanner-)Autismus lei­den­den Klä­gers län­ger als sechs Mona­te von dem lebens­al­ter­ty­pi­schen Zustand ab. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat sich im Rah­men sei­ner aus § 86 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 113 Abs. 5 Satz 1 VwGO fol­gen­den Ver­pflich­tung zur Spruch­reif­ma­chung inso­weit auf die bei den Akten befind­li­chen ärzt­li­chen Beschei­ni­gun­gen gestützt und sich die dor­ti­gen Fest­stel­lun­gen zu Eigen gemacht. Dies ist, auch unter Berück­sich­ti­gung des Umstan­des, dass die­ser Arzt nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts nicht zu den in § 35a Abs. 1a Satz 1 Nr. 1 bis 3 SGB VIII bezeich­ne­ten Ärz­ten oder Psy­cho­the­ra­peu­ten gehört, revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Die Ver­fah­rens­vor­schrift des § 35a Abs. 1a SGB VIII ver­pflich­tet allein den Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe, die Stel­lung­nah­me eines ent­spre­chen­den Arz­tes oder Psy­cho­the­ra­peu­ten ein­zu­ho­len. Des Wei­te­ren hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass dem Klä­ger auf­grund sei­nes früh­kind­li­chen Autis­mus mit schwe­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung und dem feh­len­den Sprech­ver­mö­gen der Zugang zur Gesell­schaft in erheb­li­chem Umfang ver­sperrt ist. Die genann­ten Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts sind man­gels zuläs­si­ger und begrün­de­ter Ver­fah­rens­rügen für den Senat gemäß § 137 Abs. 2 VwGO bin­dend.

§ 35a Abs. 2 SGB VIII ord­net an, dass die Hil­fe nach dem Bedarf im Ein­zel­fall in ambu­lan­ter Form, in Tages­ein­rich­tun­gen für Kin­der oder in ande­ren teil­sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen, durch geeig­ne­te Pfle­ge­per­so­nen und in Ein­rich­tun­gen über Tag und Nacht sowie sons­ti­gen Wohn­for­men geleis­tet wird. Auf­ga­be und Ziel der Hil­fe, die Bestim­mung des Per­so­nen­krei­ses sowie die Art der Leis­tun­gen rich­ten sich gemäß § 35a Abs. 3 SGB VIII nach § 53 Abs. 3 und 4 Satz 1 sowie den §§ 54, 56 und 57 SGB XII, soweit die­se Bestim­mun­gen auch auf see­lisch behin­der­te oder von einer sol­chen Behin­de­rung bedroh­te Per­so­nen Anwen­dung fin­den.

Das heil­päd­ago­gi­sche Rei­ten ist im kon­kre­ten Fall der Art nach eine Leis­tung zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft (§ 35a Abs. 3 SGB VIII i.V.m. § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 55 SGB IX) und kei­ne Leis­tung zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on 3. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist bei der Abgren­zung die­ser bei­den Leis­tungs­ar­ten von einem zutref­fen­den recht­li­chen Maß­stab aus­ge­gan­gen. Die­sen Maß­stab hat es auch rechts­feh­ler­frei ange­wandt.

Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft, d.h. zur sozia­len Reha­bi­li­ta­ti­on, und Leis­tun­gen zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on sind anhand der Bedürf­nis­se, die mit der Leis­tung befrie­digt wer­den sol­len, von­ein­an­der abzu­gren­zen 4. Ent­schei­dend ist, wel­ches kon­kre­te Ziel mit der frag­li­chen Leis­tung in ers­ter Linie ver­folgt wird, d.h. wel­cher Leis­tungs­zweck im Vor­der­grund steht 5. Dies ist auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung der Bedürf­nis­se und Hei­lungs­chan­cen des ein­zel­nen Behand­lungs­fal­les zu bestim­men, wobei die Art der Erkran­kung und ihr Bezug zu den ein­ge­setz­ten Mit­teln sowie die damit ver­bun­de­nen Nah- und Fern­zie­le eine Rol­le spie­len 6.

Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft nach § 55 Abs. 1 SGB IX set­zen an den sozia­len Fol­gen einer Krank­heit bzw. Behin­de­rung an und die­nen deren Über­win­dung 6. Sie sol­len die Aus­wir­kun­gen der Krank­heit bzw. Behin­de­rung auf die Lebens­ge­stal­tung auf­fan­gen oder abmil­dern 7. Ihr Ziel ist es einer­seits, den Men­schen, die auf­grund ihrer Behin­de­rung in (Teil-)Bereichen des gesell­schaft­li­chen Lebens aus­ge­grenzt sind, den Zugang zur Gesell­schaft zu ermög­li­chen, ande­rer­seits aber auch den Per­so­nen, die in die Gesell­schaft inte­griert sind, die Teil­ha­be zu sichern, wenn sich abzeich­net, dass sie von gesell­schaft­li­chen Ereig­nis­sen und Bezü­gen abge­schnit­ten wer­den. Dem behin­der­ten Men­schen soll der Kon­takt mit sei­ner Umwelt, nicht nur mit Fami­lie und Nach­bar­schaft, sowie die Teil­nah­me am öffent­li­chen und kul­tu­rel­len Leben ermög­licht und hier­durch die Begeg­nung und der Umgang mit nicht­be­hin­der­ten Men­schen geför­dert wer­den 8. Des Wei­te­ren zie­len die Leis­tun­gen der Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft dar­auf, den behin­der­ten Men­schen soweit wie mög­lich unab­hän­gig von Pfle­ge zu machen (vgl. § 55 Abs. 1 SGB IX).

Leis­tun­gen der medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on nach § 26 SGB IX knüp­fen an der Krank­heit selbst und ihren Ursa­chen an. Sie die­nen dazu, Behin­de­run­gen, ein­schließ­lich chro­ni­scher Krank­hei­ten abzu­wen­den, zu besei­ti­gen, zu min­dern, aus­zu­glei­chen, eine Ver­schlim­me­rung zu ver­hü­ten (Abs. 1 Nr. 1) oder Ein­schrän­kun­gen der Erwerbs­tä­tig­keit und Pfle­ge­be­dürf­tig­keit zu ver­mei­den, zu über­win­den, zu min­dern, eine Ver­schlim­me­rung zu ver­hü­ten sowie den vor­zei­ti­gen Bezug von lau­fen­den Sozi­al­leis­tun­gen zu ver­mei­den oder lau­fen­de Sozi­al­leis­tun­gen zu min­dern (Abs. 1 Nr. 2). Für die Ein­ord­nung als medi­zi­ni­sche Behand­lung ist nicht ent­schei­dend, ob die gestell­ten Zie­le objek­tiv erreich­bar sind 9.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat in Anwen­dung die­ser recht­li­chen Maß­stä­be auf der Grund­la­ge sei­ner tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen zu Recht eine Leis­tung zur Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft bejaht. Das heil­päd­ago­gi­sche Rei­ten knüpft nach den Fest­stel­lun­gen im kon­kre­ten Fall an die sozia­len Fol­gen des früh­kind­li­chen Autis­mus (z.B. Abkap­se­lung und Bezie­hungs­ar­mut) an. Es soll dem Klä­ger vor­ran­gig den Zugang zur Gesell­schaft, der ihm wegen sei­nes Autis­mus mit schwe­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung und feh­len­dem Sprech­ver­mö­gen in erheb­li­chem Umfang ver­sperrt ist, ermög­li­chen bzw. – soweit vor­han­den – sichern. Ziel des heil­päd­ago­gi­schen Rei­tens ist es, den Klä­ger über den Kon­takt zum Pferd und die non­ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mit die­sem emo­tio­nal zu befä­hi­gen, sich zuneh­mend auch auf ande­re Per­so­nen, etwa die Heil­päd­ago­gin, Kin­der auf dem Rei­ter­hof oder sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den ein­zu­las­sen und mit ihnen zu kom­mu­ni­zie­ren.

Der Anspruch auf Gewäh­rung des heil­päd­ago­gi­schen Rei­tens als Leis­tung zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft ist nicht des­halb gemäß § 35a Abs. 3 SGB VIII i.V.m. § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 55 Abs. 2 Nr. 2 SGB IX aus­ge­schlos­sen, weil der Klä­ger in dem in Rede ste­hen­den Zeit­raum ein­ge­schult war und eine sei­ner Behin­de­rung ent­spre­chen­de För­der­schu­le besuch­te.

Nach § 55 Abs. 2 Nr. 2 SGB IX sind Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft nach § 55 Abs. 1 SGB IX ins­be­son­de­re heil­päd­ago­gi­sche Leis­tun­gen für Kin­der, die noch nicht ein­ge­schult sind. Die Vor­schrift ist ent­ge­gen der Ansicht des Beklag­ten nicht dahin zu ver­ste­hen, dass sie die Gewäh­rung heil­päd­ago­gi­scher Leis­tun­gen als jugend­hil­fe­recht­li­che Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft für ein­ge­schul­te Kin­der oder Jugend­li­che aus­schließt. Die gram­ma­ti­ka­li­sche Aus­le­gung zwingt nicht zu einem der­ar­ti­gen Norm­ver­ständ­nis. Die Anwen­dung der ande­ren Aus­le­gungs­kri­te­ri­en weist ein­deu­tig in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung.

Dem Wort­laut des § 55 Abs. 2 SGB IX kann nicht aus­schließ­lich oder zumin­dest hin­rei­chend deut­lich ent­nom­men wer­den, dass es sich bei dem in Nr. 2 genann­ten Leis­tungs­tat­be­stand um einen in der Wei­se spe­zi­el­len Tat­be­stand han­delt, dass er den Rück­griff auf die all­ge­mei­ne Rege­lung des § 55 Abs. 1 SGB IX ver­sperrt.

Aus der Ver­wen­dung des Wor­tes "ins­be­son­de­re" ergibt sich, dass § 55 Abs. 2 SGB IX von einem bei­spiel­haf­ten, offe­nen Leis­tungs­ka­ta­log aus­geht 10. Die Stel­lung des Wor­tes "ins­be­son­de­re" ist auch für eine Aus­le­gung dahin offen, dass es sich auf die in Absatz 2 aus­drück­lich genann­ten Maß­nah­men in ihrer Gesamt­heit bezieht mit der Fol­ge, dass sich die Bei­spiel­haf­tig­keit nicht nur auf die in Nr. 2 genann­ten heil­päd­ago­gi­schen Leis­tun­gen, son­dern auch auf den dort bezeich­ne­ten Per­so­nen­kreis ("Kin­der, die noch nicht ein­ge­schult sind") erstreckt.

Für eine Aus­le­gung, dass der Anspruch ein­ge­schul­ter Kin­der oder Jugend­li­cher auf Gewäh­rung heil­päd­ago­gi­scher Leis­tun­gen als jugend­hil­fe­recht­li­che Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft dem Anwen­dungs­be­reich des § 55 Abs. 1 SGB IX unter­fällt, spricht vor allem die Geset­zes­sys­te­ma­tik, die zugleich die Ziel­set­zung der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe wider­spie­gelt.

Nach der gesetz­ge­be­ri­schen Kon­zep­ti­on ist das Leis­tungs­sys­tem der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe auf Offen­heit und Lücken­lo­sig­keit ange­legt, da anders eine wirk­sa­me Erfül­lung der in § 35a Abs. 3 SGB VIII i.V.m. § 53 Abs. 3 Satz 1 und 2 SGB XII nor­mier­ten Auf­ga­be der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe nicht mög­lich und sicher­zu­stel­len wäre. Die­se Auf­ga­be besteht dar­in, eine dro­hen­de see­li­sche Behin­de­rung von Kin­dern oder Jugend­li­chen zu ver­hü­ten oder ihre see­li­sche Behin­de­rung und deren Fol­gen zu besei­ti­gen oder zu mil­dern und die betrof­fe­nen Kin­der oder Jugend­li­chen in die Gesell­schaft ein­zu­glie­dern, wozu ins­be­son­de­re gehört, ihnen die Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft zu ermög­li­chen oder zu erleich­tern. Aus dem sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Bedarfs­de­ckungs­grund­satz, der im Bereich der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe in § 35a Abs. 2 SGB VIII (vgl. "Die Hil­fe wird nach dem Bedarf im Ein­zel­fall … geleis­tet") ver­an­kert ist, folgt, dass grund­sätz­lich der gesam­te im kon­kre­ten Ein­zel­fall anzu­er­ken­nen­de Hil­fe­be­darf see­lisch behin­der­ter oder von einer sol­chen Behin­de­rung bedroh­ter Kin­der oder Jugend­li­cher abzu­de­cken ist 11. Das erfor­dert, dass sich der Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe bzw. im Fall der selbst­be­schaff­ten Hil­fe der Leis­tungs­be­rech­tig­te der Art und Form nach aller Leis­tun­gen und Hil­fen bedie­nen kann, die zur Deckung des kon­kre­ten und indi­vi­du­el­len ein­glie­de­rungs­recht­li­chen Bedarfs geeig­net und erfor­der­lich sind.

Die Offen­heit des Leis­tungs­sys­tems hat in der Norm­struk­tur des § 55 SGB IX inso­weit ihren Nie­der­schlag gefun­den, als die Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft in Absatz 1 gene­ral­klau­sel­ar­tig umschrie­ben und in Absatz 2 anhand eines nicht abschlie­ßen­den Bei­spielska­ta­logs kon­kre­ti­siert wer­den. Die sys­te­ma­ti­sche Gesamt­schau mit den wei­te­ren von § 35a Abs. 3 SGB VIII in Bezug genom­me­nen Leis­tungs­tat­be­stän­den unter­stützt die­sen Befund. Die­se ent­hal­ten eben­falls in der Regel – wie sich aus der jewei­li­gen Ver­wen­dung des Wor­tes "ins­be­son­de­re" ergibt – bei­spiel­haf­te Auf­zäh­lun­gen (vgl. § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII, § 26 Abs. 2 und 3 SGB IX, § 33 Abs. 3 und 6 SGB IX). Als wei­te­rer in die­sel­be Rich­tung wei­sen­der sys­te­ma­ti­scher Aspekt tritt hin­zu, dass § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII – wie das Wort "neben" belegt – die ver­schie­de­nen Leis­tungs­ar­ten der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe selb­stän­dig neben­ein­an­der stellt.

Aus dem Neben­ein­an­der der Leis­tungs­ar­ten wird zugleich deut­lich, dass der ein­glie­de­rungs­recht­li­che Bedarf an heil­päd­ago­gi­schen Leis­tun­gen für den Zeit­raum der Beschu­lung in § 54 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB XII i.V.m. § 12 Nr. 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung, auf den auch für see­lisch behin­der­te oder von einer sol­chen Behin­de­rung bedroh­te Kin­der oder Jugend­li­che zurück­zu­grei­fen ist 12, nicht abschlie­ßend und erschöp­fend gere­gelt ist. Nach ihrer tat­be­stand­li­chen Aus­ge­stal­tung deckt die­se Vor­schrift nur den ein­glie­de­rungs­recht­li­chen Bedarf ab, der durch den Schul­be­such im Rah­men der all­ge­mei­nen Schul­pflicht bedingt ist. Danach sind heil­päd­ago­gi­sche Maß­nah­men zu gewäh­ren, wenn die­se erfor­der­lich und geeig­net sind, see­lisch behin­der­ten oder von einer sol­chen Behin­de­rung bedroh­ten Kin­dern oder Jugend­li­chen den Schul­be­such im Rah­men der all­ge­mei­nen Schul­pflicht zu ermög­li­chen oder zu erleich­tern. Man­gels sei­nes abschlie­ßen­den Cha­rak­ters bie­tet § 54 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB XII i.V.m. § 12 Nr. 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung kei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für die Annah­me, dass bei ein­ge­schul­ten Kin­dern oder Jugend­li­chen ein Anspruch auf Ein­glie­de­rungs­hil­fe im Inter­es­se der sozia­len Inte­gra­ti­on nicht aus § 55 Abs. 1 SGB IX her­ge­lei­tet wer­den kann. Ein ande­res Ver­ständ­nis lie­fe auch der auf Offen­heit und Lücken­lo­sig­keit gerich­te­ten Ziel­set­zung der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe zuwi­der. Besteht zuguns­ten eines ein­ge­schul­ten Kin­des oder Jugend­li­chen im Ein­zel­fall ein ein­glie­de­rungs­recht­li­cher Bedarf an heil­päd­ago­gi­schen Leis­tun­gen und dient die gebo­te­ne Leis­tung nicht einer ange­mes­se­nen Schul­bil­dung, könn­te die­ser Bedarf ansons­ten weder auf der Grund­la­ge des § 55 Abs. 1 SGB IX, noch unter Her­an­zie­hung des § 54 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB XII oder ande­rer Bestim­mun­gen befrie­digt wer­den. Dies stän­de mit der auf­ge­zeig­ten Kon­zep­ti­on des Leis­tungs­sys­tems der jugend­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­hil­fe nicht im Ein­klang.

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te bekräf­tigt die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis. Die Vor­schrif­ten des § 55 Abs. 2 Nr. 2 und § 56 SGB IX sol­len nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers die Rege­lun­gen des § 40 Abs. 1 Nr. 2a Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz – BSHG – i.V.m. § 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung zeit­ge­recht fort­ent­wi­ckeln, ohne deren Rege­lungs­ge­halt im Kern zu ändern 13. Wäh­rend § 39 Abs. 1 BSHG – ähn­lich § 55 Abs. 1 SGB IX – einen gene­ral­klau­sel­ar­ti­gen Anspruch auf Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe regel­te, nann­te § 40 Abs. 1 BSHG die im Rah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe beson­ders bedeut­sa­men Maß­nah­men. Dem­zu­fol­ge woll­te der Gesetz­ge­ber bereits mit der Ein­füh­rung des § 40 Abs. 1 Nr. 2a BSHG durch das 3. BSHG-Ände­rungs­ge­setz vom 25.03.1974 14, mit der die "heil­päd­ago­gi­schen Maß­nah­men für Kin­der, die noch nicht im schul­pflich­ti­gen Alter sind", erst­mals einer aus­drück­li­chen for­mellge­setz­li­chen Rege­lung zuge­führt wur­den, ledig­lich die Bedeu­tung die­ser Maß­nah­men für die Effek­ti­vi­tät der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Kin­der, die von Geburt oder der frü­hen Kind­heit an behin­dert sind, beson­ders her­vor­he­ben. Zu die­sem Zweck lös­te er in § 40 Abs. 1 Nr. 2a BSHG die "heil­päd­ago­gi­schen Maß­nah­men für Kin­der, die noch nicht im schul­pflich­ti­gen Alter sind", von der Aus­rich­tung auf den Schul­be­such und stell­te die­sen Leis­tungs­tat­be­stand selb­stän­dig neben den Leis­tungs­tat­be­stand des § 40 Abs. 1 Nr. 3 BSHG, der eine der­ar­ti­ge Aus­rich­tung ent­hielt. § 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung bestimm­te, dass heil­päd­ago­gi­sche Maß­nah­men im Sin­ne des § 40 Abs. 1 Nr. 2a BSHG auch gewährt wer­den, wenn die Behin­de­rung eine spä­te­re Schul­bil­dung oder eine Aus­bil­dung für einen ange­mes­se­nen Beruf oder für eine sons­ti­ge ange­mes­se­ne Tätig­keit vor­aus­sicht­lich nicht zulas­sen wird. Damit wur­de klar­ge­stellt, dass die heil­päd­ago­gi­schen Mög­lich­kei­ten auch in schwe­ren Behin­de­rungs­fäl­len aus­ge­schöpft wer­den sol­len, wenn durch sie nur ganz all­ge­mein die Mög­lich­kei­ten zur Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft ver­bes­sert wer­den kön­nen oder die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit um eini­ges gemil­dert wer­den kann 15. Es fehlt an jedem Hin­weis dar­auf, dass der Gesetz­ge­ber § 40 Abs. 1 Nr. 2a BSHG i.V.m. § 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung als eine den Rück­griff auf die all­ge­mei­ne Rege­lung des § 39 Abs. 1 BSHG sper­ren­de Aus­schluss­re­ge­lung ver­stan­den wis­sen woll­te. Eben­so wenig ist den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ein Anhalts­punkt dafür zu ent­neh­men, dass der Gesetz­ge­ber die heil­päd­ago­gi­schen Leis­tun­gen im Zeit­raum der Beschu­lung in § 40 Abs. 1 Nr. 3 BSHG i.V.m. § 12 Nr. 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung einer abschlie­ßen­den und erschöp­fen­den Rege­lung zufüh­ren woll­te.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 18. Okto­ber 2012 – 5 C 15.11

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 11.08.2005 – 5 C 18.04, BVerw­GE 124, 83, 86 ff. = Buch­holz 436.511 § 35a KJHG/​SGB VIII Nr. 4 S. 10 ff.[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 31.07.1984 – 9 C 156.83, Buch­holz 402.25 § 6 AsylVfG Nr. 4 S. 3, 7 m.w.N.[]
  3. § 35a Abs. 3 SGB VIII i.V.m. § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 26 SGB IX[]
  4. vgl. BSG, Urtei­le vom 19.05.2009 – B 8 SO 32/​07 R, SozR 4 – 3500 § 54 SGB XII Nr. 5 Rn. 17 und vom 29.09.2009 – B 8 SO 19/​08 R, SozR 4 – 3500 § 54 SGB XII Nr. 6 Rn. 21[]
  5. BSG, Urtei­le vom 31.03.1998 – B 1 KR 12/​96 – FEVS 49, 184, 188 und vom 03.09.2003 – B 1 KR 34/​01 R, SozR 4 – 2500 § 18 SGB V Nr. 1 Rn. 10[]
  6. vgl. BSG, Urteil vom 31.03.1998 a.a.O.[][]
  7. vgl. BSG, Urteil vom 03.09.2003 a.a.O. Rn. 11[]
  8. vgl. BSG, Urteil vom 19.05.2009 a.a.O. Rn. 16 f.[]
  9. vgl. BSG, Urteil vom 03.09.2003 a.a.O.[]
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 22.10.2009 – 5 C 19.08, BVerw­GE 135, 159 = Buch­holz 436.511 § 10 KJHG/​SGB VIII Nr. 4 jeweils Rn. 14[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 19.10.2011 – 5 C 6.11, Buch­holz 436.511 § 10 KJHG/​SGB VIII Nr. 6 Rn. 12 m.w.N.[]
  12. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.10.2012 – 5 C 21.11[]
  13. vgl. BT-Drs. 14/​5074 S. 111, 14/​5531 S. 9 und 14/​5800 S. 29[]
  14. BGBl I S. 777[]
  15. vgl. BT-Drs. 7/​308 S. 14 und BRDrucks 743/​74 S. 4 f. sowie Urteil vom 30.05.2002 – 5 C 36.01, Buch­holz 436.01 § 12 Ein­glie­de­rungs­hil­fe­VO Nr. 1 S. 3 f.[]