Steu­er­be­frei­ung eines Berufs­ver­bands

Gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 5 Satz 1 KStG 2002 sind u.a. Berufs­ver­bän­de ohne öffent­lich­recht­li­chen Cha­rak­ter von der Kör­per­schaft­steu­er befreit, wenn ihr Zweck nicht auf einen wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb gerich­tet ist. Unter­hal­ten sie einen wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb, ist die Steu­er­be­frei­ung inso­weit aus­ge­schlos­sen (§ 5 Abs. 1 Nr. 5 Satz 2 KStG 2002). Das Kör­per­schaft­steu­er­gestz ent­hält kei­ne Defi­ni­ti­on des Begriffs "Berufs­ver­band". § 5 Abs. 1 Nr. 5 Satz 3 KStG 2002 lässt jedoch erken­nen, dass eine Kör­per­schaft des pri­va­ten Rechts nur dann ein Berufs­ver­band i.S. des § 5 Abs. 1 Nr. 5 Satz 1 KStG 2002 ist, wenn sie all­ge­mei­ne ide­el­le und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen eines Wirt­schafts­zwei­ges oder der Ange­hö­ri­gen eines Berufs wahr­nimmt.

Steu­er­be­frei­ung eines Berufs­ver­bands

Dem­entspre­chend ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ein Berufs­ver­band im Sin­ne des Steu­er­rechts ein Zusam­men­schluss natür­li­cher Per­so­nen oder Unter­neh­men, der all­ge­mei­ne, aus der beruf­li­chen oder unter­neh­me­ri­schen Tätig­keit erwach­sen­de ide­el­le und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen eines Wirt­schafts­zwei­ges oder der Ange­hö­ri­gen eines Berufs wahr­nimmt 1. Es müs­sen wirt­schaft­li­che Inter­es­sen aller Ange­hö­ri­gen des Berufs oder Wirt­schafts­zwei­ges wahr­ge­nom­men und nicht nur Inter­es­sen ein­zel­ner Ange­hö­ri­ger des Berufs oder Wirt­schafts­zwei­ges (sog. Indi­vi­dual­in­ter­es­sen) ver­tre­ten wer­den 2.

Es ist nicht erfor­der­lich, dass die Mit­glie­der aus der­sel­ben Bran­che stam­men. Auch Mit­glie­der ver­schie­de­ner, nicht ver­wand­ter Zwei­ge der gewerb­li­chen Wirt­schaft (wie z.B. die Mit­glie­der einer Fach­grup­pe) kön­nen sich in einem Ver­band zusam­men­schlie­ßen 3. Not­wen­dig für die Aner­ken­nung eines Zusam­men­schlus­ses als Berufs­ver­band ist nur, dass sich des­sen Mit­glie­der durch ein gemein­sam zu ver­fol­gen­des, ihren Berufs­grup­pen oder Wirt­schafts­zwei­gen eige­nes Inter­es­se ver­eint haben.

Nach § 5 Abs. 1 Nr. 5 Satz 3 KStG 2002 ist zwar die Wahr­neh­mung ide­el­ler und wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen kenn­zeich­nend für Berufs­ver­bän­de. Die Norm ist aber nicht dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass ein Ver­band nur dann ein Berufs­ver­band i.S. des § 5 Abs. 1 Nr. 5 KStG 2002 ist, wenn er sowohl ide­el­le als auch wirt­schaft­li­che Inter­es­sen eines Wirt­schafts­zwei­ges oder der Ange­hö­ri­gen eines Berufs ver­tritt. Es reicht aus, wenn all­ge­mei­ne Inter­es­sen wirt­schaft­li­cher Art wahr­ge­nom­men wer­den. Denn die Wahr­neh­mung all­ge­mei­ner wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen ist zugleich eine Ver­tre­tung ide­el­ler Inter­es­sen i.S. des § 5 Abs. 1 Nr. 5 KStG 2002 4.

Der Aner­ken­nung als Berufs­ver­band steht nicht ent­ge­gen, dass die Mit­glie­der in beson­de­rem Maße pro­fi­tie­ren wer­den, wenn sich die vom Ver­band prä­fe­rier­ten Stan­dards durch­set­zen. Es ist für einen Berufs- oder Wirt­schafts­ver­band typisch, dass er die all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen eines Berufs­stands (Berufs­zwei­ges) oder eines Indus­trie­zwei­ges gegen­über den gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten, gegen­über den Ver­wal­tungs­be­hör­den usw. ver­tritt, sei­ne Wün­sche als eine gemein­sa­me ein­heit­li­che Ver­tre­tung gel­tend macht und wenn mög­lich- durch­setzt. Dass sich dies wirt­schaft­lich ins­be­son­de­re für die Mit­glie­der des Berufs­ver­bands aus­zahlt, weil die­se über ihre Mit­glied­schaft gegen­über ande­ren Unter­neh­men der­sel­ben Bran­che einen Infor­ma­ti­ons­vor­sprung haben und ihre eige­nen Vor­stel­lun­gen in den Berufs­ver­band ein­brin­gen konn­ten, folgt aus der Natur des Berufs­ver­bands. Wer­den all­ge­mei­ne wirt­schaft­li­che Zie­le eines Berufs- oder Wirt­schafts­zwei­ges ver­folgt, schlägt sich dies im Fal­le des Erfolgs nahe­zu zwangs­läu­fig wirt­schaft­lich auch bei den ein­zel­nen Mit­glie­dern güns­tig nie­der und kann daher der Steu­er­be­frei­ung nicht ent­ge­gen­ste­hen. Gleich­wohl ist das Wir­ken des Berufs­ver­bands für sämt­li­che in ihm ver­tre­te­nen Berufs­stän­de von Vor­teil, weil die Stan­dar­di­sie­rung von EDVPro­zes­sen und die Wei­ter­lei­tung von Daten­strö­men unab­hän­gig von der jeweils ein­ge­setz­ten Soft­ware allen Unter­neh­men und auch dem End­ver­brau­cher nützt.

Die Steu­er­be­frei­ung ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil die Sat­zung nicht aus­drück­lich bestimmt, dass nicht allein die Inter­es­sen der Mit­glie­der wahr­ge­nom­men wer­den. § 60 AO, der die Steu­er­be­frei­ung davon abhän­gig macht, dass die Sat­zungs­zwe­cke und die Art ihrer Ver­wirk­li­chung so genau bestimmt sein müs­sen, dass auf­grund der Sat­zung geprüft wer­den kann, ob die sat­zungs­mä­ßi­gen Vor­aus­set­zun­gen für die Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen gege­ben sind, gilt nur für Kör­per­schaf­ten, die aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­ge, mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Zwe­cke ver­fol­gen (§ 51 Abs. 1 Satz 1 AO). Für Kör­per­schaf­ten, die nicht nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG (§ 3 Nr. 6 GewStG)), son­dern auf­grund ande­rer Rege­lun­gen von der Kör­per­schaft­steu­er oder der Gewer­be­steu­er befreit sind, ist § 60 AO nicht ein­schlä­gig. Daher gel­ten auch die Aus­füh­run­gen des BFH im Urteil vom 6. Okto­ber 2009 5 zu einem Wett­be­werbs­ver­ein nicht für den hier ent­schie­de­nen Streit­fall eines Berufs­ver­ban­des. Die unter­schied­li­che Behand­lung von gemein­nüt­zi­gen Unter­neh­men einer­seits und Berufs­ver­bän­den ande­rer­seits grün­det dar­in, dass sich bei gemein­nüt­zi­gen Unter­neh­men die Steu­er­be­frei­ung auch auf wirt­schaft­li­che Tätig­kei­ten erstre­cken kann und die­se dar­über hin­aus die Berech­ti­gung zum Spen­den­ab­zug ver­mit­teln. Dies erfor­dert nach Ansicht des Geset­zes auch Nach­wei­se for­mel­ler Natur, um Miss­bräu­chen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Bei ande­ren als gemein­nüt­zi­gen Kör­per­schaf­ten bestimmt sich die Steu­er­be­frei­ung jedoch ins­be­son­de­re nach der tat­säch­li­chen Geschäfts­füh­rung 6, wobei die Sat­zung einen wich­ti­gen Anhalt dafür bie­tet, wel­che Zwe­cke tat­säch­lich ver­folgt wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. März 2012 – I R 46/​11

  1. BFH, Urtei­le vom 04.06.2003 – I R 45/​02, BFHE 203, 43, BSt­Bl II 2003, 891; vom 22.07.1952 – I 44/​52 U, BFHE 56, 572, BSt­Bl III 1952, 221; vom 17.05.1966 – III 190/​64, BFHE 86, 324, BSt­Bl III 1966, 525; vom 15.07.1966 – III 179/​64, BFHE 86, 656, BSt­Bl III 1966, 638; vom 29.08.1973 – I R 234/​71, BFHE 110, 405, BSt­Bl II 1974, 60; vom 28.06.1989 – I R 86/​85, BFHE 157, 416, BSt­Bl II 1990, 550; vom 28.01.1988 – V R 48/​85, DB 1989, 156; s. auch BFH, Gut­ach­ten vom 17.05.1952 – I D 1/​52 S, BFHE 56, 591, BSt­Bl III 1952, 228; R 16 Abs. 1 Satz 1 KStR 2004[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 203, 43, BSt­Bl II 2003, 891, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH­Gut­ach­ten in BFHE 56, 591, BSt­Bl III 1952, 228; BFH, Urtei­le in BFHE 56, 572, BSt­Bl III 1952, 221; in BFHE 86, 656, BSt­Bl III 1966, 638; vom 29.11.1967 – I 67/​65, BFHE 91, 45, BSt­Bl II 1968, 236[]
  4. s. BFH, Urtei­le in BFHE 56, 572, BSt­Bl III 1952, 221; in BFHE 203, 43, BSt­Bl II 2003, 891[]
  5. BFH, Urteil vom 06.10.2009 – I R 55/​08, BFHE 226, 525, BSt­Bl II 2010, 335[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 56, 572, BSt­Bl III 1952, 221[]