Ent­schei­dung über ein offen­sicht­lich unzu­läs­si­ges Ableh­nungs­ge­such

Grund­sätz­lich ist über ein Ableh­nungs­ge­such gemäß § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 45 Abs. 1 ZPO nach vor­he­ri­ger dienst­li­cher Äuße­rung des abge­lehn­ten Rich­ters ohne des­sen Mit­wir­kung zu ent­schei­den 1.

Ent­schei­dung über ein offen­sicht­lich unzu­läs­si­ges Ableh­nungs­ge­such

Ist das Ableh­nungs­ge­such aber wegen Rechts­miss­brauchs offen­sicht­lich unzu­läs­sig, kann der Ableh­nungs­an­trag in den Grün­den der Haupt­sa­che­ent­schei­dung unter Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters zurück­ge­wie­sen wer­den 2.

Wer­den ‑wie im hier ent­schie­de­nen Streit­fall- pau­schal alle Berufs­rich­ter eines Spruch­kör­pers abge­lehnt, ist das Ableh­nungs­ge­such regel­mä­ßig miss­bräuch­lich, sofern nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te im Hin­blick auf die Kol­le­gi­a­l­ent­schei­dung vor­ge­bracht wer­den, die auf eine Befan­gen­heit aller Mit­glie­der des Spruch­kör­pers hin­deu­ten. Ist das Ableh­nungs­ge­such danach rechts­miss­bräuch­lich und des­halb offen­sicht­lich unzu­läs­sig, ent­schei­det das Gericht dar­über in der nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan vor­ge­se­he­nen Beset­zung, ohne dass es einer vor­he­ri­gen dienst­li­chen Äuße­rung der abge­lehn­ten Rich­ter nach § 51 FGO i.V.m. § 44 Abs. 3 ZPO bedarf 3.

Die Selbst­ent­schei­dung eines abge­lehn­ten Rich­ters ist vor dem Hin­ter­grund der Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters in Art. 101 Abs. 1 Satz 2 des Grund­ge­set­zes (GG) aller­dings nur dann und inso­weit gerecht­fer­tigt, wie die durch den gestell­ten Ableh­nungs­an­trag erfor­der­li­che Ent­schei­dung kei­ne Beur­tei­lung des eige­nen Ver­hal­tens und damit kei­ne Ent­schei­dung "in eige­ner Sache" vor­aus­setzt. Denn über eine bloß for­ma­le Prü­fung hin­aus darf sich der abge­lehn­te Rich­ter nicht durch Mit­wir­kung an einer nähe­ren inhalt­li­chen Prü­fung der Ableh­nungs­grün­de zum Rich­ter in eige­ner Sache machen 4.

Vor­lie­gend beschränkt sich die Begrün­dung des Ableh­nungs­ge­suchs der Klä­ge­rin der Sache nach auf eine Kri­tik an den vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen des V. Senats vom 30.09.2015 5; vom 04.07.2016 6; und vom 14.07.2016 7 und dar­auf, dass der Senat ihre Fra­ge nach dem Ver­fas­ser der Leit­sät­ze in jenen Ver­fah­ren nicht beant­wor­tet hat. Die Beschwer­de­be­grün­dung zeigt damit kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te auf, die bei ver­nünf­ti­ger objek­ti­ver Betrach­tung auf eine Befan­gen­heit jedes ein­zel­nen Mit­glieds des Spruch­kör­pers hin­deu­ten kön­nen. Letz­te­res wäre aber erfor­der­lich gewe­sen, um eine Ableh­nung des gesam­ten Spruch­kör­pers zu begrün­den.

Denn das Rich­terab­leh­nungs­ver­fah­ren dient nicht dazu, die Betei­lig­ten gegen unrich­ti­ge Rechts­auf­fas­sun­gen des Rich­ters zu schüt­zen. Des­halb kann aus der im Rah­men einer frü­he­ren rich­ter­li­chen Ent­schei­dung ver­tre­te­nen, für den Betrof­fe­nen ungüns­ti­gen Rechts­an­sicht allein kein Ableh­nungs­grund her­ge­lei­tet wer­den, auch wenn die­se Auf­fas­sung falsch sein soll­te 8.

Etwas ande­res gilt nur dann, wenn Grün­de dar­ge­tan sind, die dafür spre­chen, dass die mög­li­che Feh­ler­haf­tig­keit auf einer unsach­li­chen Ein­stel­lung des Rich­ters gegen den ableh­nen­den Betei­lig­ten oder auf Will­kür beruht 9. Die Feh­ler­haf­tig­keit muss dabei ohne wei­te­res fest­stell­bar und gra­vie­rend sein sowie auf unsach­li­che Erwä­gun­gen schlie­ßen las­sen 10.

Hier­für bie­tet der Vor­trag der Klä­ge­rin kei­ne Anhalts­punk­te. Die Klä­ge­rin sieht die o.g. Ent­schei­dun­gen des V. Senats zwar von einer "straf­recht­lich rele­van­ten objek­ti­ven Will­kür getra­gen" durch "vor­ein­ge­nom­me­ne und ergeb­nis­ori­en­tiert staats­tra­gend ent­schei­den­de Rich­ter". Eine Begrün­dung hier­für bleibt die Klä­ge­rin indes schul­dig.

Der Senat hat sich viel­mehr in den von der Klä­ge­rin in Bezug genom­me­nen Senats­be­schlüs­sen 11 mit den dort strei­ti­gen Rechts­fra­gen und den hier­zu ergan­ge­nen Urtei­len des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 12, den Urtei­len des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 19.11.2014 und vom 10.11.2010 13, dem BFH-Beschluss vom 26.02.2014 14 sowie dem Nicht­an­nah­me­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 16.04.2012 15 sach­lich aus­ein­an­der­ge­setzt und ist zu einer für die Klä­ge­rin ungüns­ti­gen Rechts­auf­fas­sung gelangt.

Im Übri­gen haben bei­de Umsatz­steu­er­se­na­te des Bun­des­fi­nanz­hofs die­se Rechts­auf­fas­sung in einer Viel­zahl wei­te­rer Ent­schei­dun­gen zur umsatz­steu­er­recht­li­chen Beur­tei­lung von Umsät­zen aus dem Betrieb von Geld­spiel­au­to­ma­ten bestä­tigt 16.

Die Will­kür­rü­ge unter Hin­weis auf die nicht erfolg­te Mit­tei­lung des Leit­satz­ver­fas­sers in den Ver­fah­ren in BFH/​NV 2016, 84, in BFH/​NV 2016, 1592, in BFH/​NV 2016, 1593 ist unbe­grün­det. Zum einen hat die Klä­ge­rin kei­nen Rechts­an­spruch auf eine der­ar­ti­ge Mit­tei­lung in einem nicht sie selbst betref­fen­den Ver­fah­ren. Zum ande­ren lie­ße selbst die Kennt­nis des Leit­satz­ver­fas­sers allen­falls einen Rück­schluss auf des­sen nach Ansicht der Klä­ge­rin feh­ler­haf­te Rechts­auf­fas­sung zu. Hier­auf kommt es aber aus den soeben dar­ge­leg­ten Grün­den nicht an.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 22. Mai 2017 – V B 133/​16

  1. z.B. BFH, Beschluss vom 04.03.2014 – VII B 131/​13, BFH/​NV 2014, 1055, Rz 7[]
  2. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2014, 1055, Rz 8; vom 11.02.2003 – VII B 330/​02, – VII S 41/​02, BFHE 201, 483, BSt­Bl II 2003, 422, Rz 5; vgl. auch BVerfG, Beschlüs­se vom 18.02.2016 – 2 BvC 69/​14; und vom 22.02.1960 – 2 BvR 36/​60, BVerfGE 11, 1, 5[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschlüs­se vom 20.06.2016 – X B 167/​15, BFH/​NV 2016, 1577, Rz 21; vom 03.07.2014 – V S 15/​14, BFH/​NV 2014, 1574, Rz 5; in BFH/​NV 2014, 1055, Rz 8; vom 09.01.2009 – V B 23/​08, BFH/​NV 2009, 801, Rz 15; vom 01.04.2003 – VII S 7/​03, BFH/​NV 2003, 1331, Rz 4[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 29.12 2015 – IV B 68/​14, BFH/​NV 2016, 575, Rz 4, und in BFH/​NV 2016, 1577 mit Ver­weis auf die BVerfG, Beschlüs­se vom 02.06.2005 – 2 BvR 625/​01, 2 BvR 638/​01, BVerfGK 5, 269, Rz 53 ff.; und vom 15.06.2015 – 1 BvR 1288/​14, n.v., Rz 11 ff.[]
  5. BFH, Beschluss vom 30.09.2015 – V B 105/​14, BFH/​NV 2016, 84[]
  6. BFH, Beschluss vom 04.07.2016 – V B 115/​15, BFH/​NV 2016, 1592[]
  7. BFH, Beschluss vom 14.07.2016 – V B 17/​16, BFH/​NV 2016, 1593[]
  8. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2016, 1577, Rz 23; in BFH/​NV 2016, 575, Rz 6; in BFH/​NV 2014, 1574, Rz 7; vom 29.07.1998 – VII S 11/​98, BFH/​NV 1999, 201, Rz 16; vom 07.09.1994 – II B 70/​94, BFH/​NV 1995, 414, Rz 10; vom 14.12 1992 – X B 70/​92, BFH/​NV 1994, 36, Rz 16; vom 27.05.1992 – V S 3/​92, n.v., Rz 23; vom 02.09.1991 – XI B 27/​90, BFH/​NV 1992, 124, Rz 11; vom 16.02.1989 – X B 99/​88, BFH/​NV 1989, 708, Rz 9; vom 17.07.1974 – VIII B 29/​74, BFHE 112, 457, BSt­Bl II 1974, 638, Rz 15; Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 12.10.2011 – V ZR 8/​10, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung ‑HFR- 2012, 450, Rz 7; vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 03.07.2013 1 BvR 782/​12, n.v., Rz 7[]
  9. z.B. BFH, Beschluss in BFH/​NV 1989, 708, Rz 10[]
  10. BFH, Beschluss in BFH/​NV 1995, 414, Rz 11[]
  11. BFH, in BFH/​NV 2016, 84, in BFH/​NV 2016, 1592 und in BFH/​NV 2016, 1593[]
  12. EuGH, Urteil Metro­pol vom 24.10.2013 – C‑440/​12, EU:C:2013:687; Urteil Leo Libe­ra vom 10.06.2010 – C‑58/​09, EU:C:2010:333; und Urteil Ber­ling­ton Hun­ga­ry u.a. vom 11.06.2015 – C‑98/​14, EU:C:2015:386[]
  13. BFH, Urtei­le vom 19.11.2014 – V R 55/​13, BFHE 248, 411; und vom 10.11.2010 – XI R 79/​07, BFHE 231, 373, BSt­Bl II 2011, 311[]
  14. BFH, Beschluss vom 26.02.2014 – V B 1/​13, BFH/​NV 2014, 915[]
  15. BVerfG, Beschluss vom 16.04.2012 – 1 BvR 523/​11, BFH/​NV 2012, 1405[]
  16. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 10.06.2016 – V B 97/​15, BFH/​NV 2016, 1497; vom 14.12 2015 – XI B 113/​14, BFH/​NV 2016, 599; in BFH/​NV 2016, 84; in BFH/​NV 2014, 915; vom 08.06.2011 – XI B 38/​11, BFH/​NV 2011, 1546; BFH, Urteil in BFHE 231, 373, BSt­Bl II 2011, 311[]