Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen

Bei der Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen sind die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­hin­ter­zie­hung und die Höhe der hin­ter­zo­ge­nen Steu­er unab­hän­gig von einem ergan­ge­nen Steu­er­be­scheid zu prü­fen.

Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen

Schen­kungsteu­er­be­schei­de sind kei­ne Grund­la­gen­be­schei­de i.S. des § 171 Abs. 10 AO für die Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen nach § 235 AO.

Grund­la­gen­be­schei­de sind gemäß § 171 Abs. 10 Satz 1 AO Fest­stel­lungs­be­schei­de, Steu­er­mess­be­schei­de oder sons­ti­ge für eine Steu­er­fest­set­zung bin­den­de Ver­wal­tungs­ak­te. Für die Annah­me einer Bin­dungs­wir­kung ist grund­sätz­lich eine gesetz­li­che Rege­lung erfor­der­lich [1]. Ohne gesetz­lich ange­ord­ne­te Bin­dungs­wir­kung hat der BFH einen Grund­la­gen­be­scheid nur dort für mög­lich gehal­ten, wo Sach­ver­hal­te zu beur­tei­len sind, die die Finanz­be­hör­de man­gels eige­ner Sach­kun­de nicht selbst nach­zu­prü­fen ver­mag [2]. Eine Rechts­grund­la­ge für die Bin­dungs­wir­kung kann nicht durch all­ge­mei­ne Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen oder ver­gleich­ba­re sinn­vol­le Über­le­gun­gen ersetzt wer­den [3].

Ein Schen­kungsteu­er­be­scheid ent­fal­tet danach kei­ne Bin­dungs­wir­kung für die Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen nach § 235 AO. Weder § 235 AO noch eine ande­re Vor­schrift sieht inso­weit eine Bin­dungs­wir­kung vor. Die Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen rich­tet sich nicht akzes­so­risch nach dem fest­ge­setz­ten, son­dern nach dem tat­säch­lich hin­ter­zo­ge­nen Steu­er­be­trag [4]. Dies wird durch § 235 Abs. 3 Satz 3 AO ver­deut­licht. Danach lässt eine nach Ende des Zins­laufs erfol­gen­de Auf­he­bung, Ände­rung oder Berich­ti­gung des Steu­er­be­scheids die bis dahin ent­stan­de­nen Zin­sen unbe­rührt. Um Fäl­le man­geln­der Sach­kun­de des Finanz­amt geht es bei der Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen nicht.

Der Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen gegen den Schuld­ner der hin­ter­zo­ge­nen Steu­er steht es nicht ent­ge­gen, wenn er an der Steu­er­hin­ter­zie­hung nicht mit­ge­wirkt hat [5].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. März 2012 – II R 39/​10

  1. BFH, Urtei­le vom 10.06.1988 – III R 232/​84, BFHE 154, 68, BStBl II 1988, 981; vom 20.08.2009 – V R 25/​08, BFHE 226, 479, BStBl II 2010, 15, unter II.03.c aa, und vom 27.01.2011 – III R 90/​07, BFHE 232, 485, BStBl II 2011, 543, unter II.02.b[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 226, 479, BStBl II 2010, 15, unter II.03.c aa, m.w.N.; dazu kri­tisch BFH, Beschluss vom 11.04.2005 – GrS 2/​02, BFHE 209, 399, BStBl II 2005, 679, unter C.04.a[]
  3. BFH, Beschluss in BFHE 209, 399, BStBl II 2005, 679, unter C.04.a[]
  4. Heu­er­mann in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 235 AO Rz 40; Koenig in Pahlke/​Koenig, Abga­ben­ord­nung, 2. Aufl., § 235 Rz 27; Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 235 AO Rz 11[]
  5. BFH, Urteil vom 27.08.1991 – VIII R 84/​89, BFHE 165, 330, BStBl II 1992, 9[]