Sozi­al­trai­ner in der Umsatz­steu­er

Die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 25 Buchst. b Dop­pel­buchst. bb UStG setzt vor­aus, dass Leis­tun­gen erbracht wer­den, die im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr ganz oder zum über­wie­gen­den Teil ent­we­der durch Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe (Alter­na­ti­ve 1) oder durch Ein­rich­tun­gen nach Buchst. a (Alter­na­ti­ve 2) ver­gü­tet wur­den.

Sozi­al­trai­ner in der Umsatz­steu­er

Der Bun­des­fi­nanz­hof legt § 4 Nr. 25 Buchst. b Dop­pel­buchst. bb UStG uni­ons­rechts­kon­form dahin­ge­hend aus, dass eine Ver­gü­tung durch Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe nicht nur im Fal­le einer unmit­tel­ba­ren, son­dern auch bei einer nur mit­tel­ba­ren (durch­ge­lei­te­ten) Kos­ten­tra­gung [1].

Die­se Aus­le­gung ent­spricht dem Zweck der Steu­er­be­frei­ung, die begüns­tig­ten Leis­tun­gen durch Kos­ten­sen­kung zugäng­li­cher zu machen [2].

Das bedeu­tet aber nicht, dass jede nur mit­tel­ba­re Kos­ten­tra­gung aus­reicht, um die Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Nr. 25 Buchst. b Dop­pel­buchst. bb UStG zu erfül­len. Denn nach dem aus­drück­li­chen Wort­laut die­ser Vor­schrift muss es sich um Leis­tun­gen han­deln, die im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr ver­gü­tet wur­den. Das heißt: Der Trä­ger der öffent­li­chen oder frei­en Jugend­hil­fe muss die Leis­tung des Unter­neh­mers ver­gü­ten. So ver­hielt es sich im Fall des BFH, Urteils in BFHE 254, 272. Dort wur­de dem Jugend­amt unter Mit­tei­lung des jewei­li­gen Sub­un­ter­neh­mers ein Kos­ten­vor­anschlag unter­brei­tet, wor­auf das Jugend­amt den Auf­trag münd­lich erteil­te. Es sag­te in Kennt­nis der Per­son des Sub­un­ter­neh­mers zu und über­nahm die Kos­ten. Damit hat­te es die Durch­füh­rung der Maß­nah­me durch den jewei­li­gen Sub­un­ter­neh­mer geneh­migt [3]. Ver­gü­tet der Kos­ten­trä­ger aber Leis­tun­gen eines Unter­neh­mers, ohne die Kos­ten für den Sub­un­ter­neh­mer aus­drück­lich zu über­neh­men, so wer­den die Leis­tun­gen des Sub­un­ter­neh­mers gera­de nicht, wie es § 4 Nr. 25 Buchst. b Dop­pel­buchst. bb UStG ver­langt, von einem Trä­ger der öffent­li­chen oder frei­en Jugend­hil­fe ver­gü­tet. Es blei­ben dann ledig­lich Leis­tun­gen an den Haupt­un­ter­neh­mer (den Auf­trag­ge­ber), die die­ser ver­gü­tet [4].

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof beur­teil­ten Streit­fall hat der Sozi­al­trai­ner Leis­tun­gen der Jugend­hil­fe nach § 2 Abs. 2 SGB VIII erbracht. Gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 5 SGB VIII umfasst die Jugend­hil­fe u.a. die "Hil­fe für see­lisch behin­der­te Kin­der und Jugend­li­che und ergän­zen­de Leis­tun­gen nach § 35a bis 37". Nach § 35a SGB VIII ist Kos­ten­er­satz zu leis­ten für Maß­nah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für see­lisch behin­der­te Kin­der und Jugend­li­che, wobei die­se "in ambu­lan­ter Form, in Tages­ein­rich­tun­gen für Kin­der oder in ande­ren teil­sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen durch geeig­ne­te Pfle­ge­per­so­nen und in Ein­rich­tun­gen über Tag und Nacht sowie in Wohn­form geleis­tet" wer­den. Nach der ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung gehö­ren zu den Kos­ten der Ein­glie­de­rungs­hil­fe auch Auf­wen­dun­gen für autis­ti­sche Kin­der und Jugend­li­che ein­schließ­lich Kos­ten des ‑durch den Sozi­al­trai­ner geleis­te­ten- Sozi­al­trai­nings [5]. Denn Autis­mus ist eine see­li­sche oder psy­chi­sche Erkran­kung der Wahr­neh­mung und Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung, die sich in schwe­ren Kon­takt­stö­run­gen äußert [6].

Es kommt auch in Betracht, dass der Sozi­al­trai­ner als "Ein­rich­tung" anzu­se­hen ist, der Leis­tun­gen erbringt, die im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr ganz oder zum über­wie­gen­den Teil durch Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe oder Ein­rich­tun­gen nach Buch­sta­be a ver­gü­tet wur­den. Hier­bei fal­len unter den Begriff der "Ein­rich­tung", da das natio­na­le Recht an die Begriff­lich­keit des Uni­ons­rechts anknüpft [7], nicht nur juris­ti­sche, son­dern auch natür­li­che Per­so­nen wie der Sozi­al­trai­ner [8]. Wei­te­re unter­neh­mer­be­zo­ge­ne Vor­aus­set­zun­gen im Sin­ne eines aka­de­mi­schen Abschlus­ses oder einer Fach­aus­bil­dung ver­langt § 4 Nr. 25 Buchst. b Dop­pel­buchst. bb UStG nicht. Die Eigen­schaft als "Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter" ergibt sich nach dem Geset­zes­wort­laut ("Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter sind"…) aus­schließ­lich dar­aus, dass Leis­tun­gen erbracht wer­den, die im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr ganz oder zum über­wie­gen­den Teil nach den unter II. 1. und 2. dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen ver­gü­tet wur­den. Im Übri­gen wer­den auch sozi­al­recht­lich nach § 35a Abs. 2 SGB VIII für Leis­tun­gen der Wie­der­ein­glie­de­rungs­hil­fe kei­ne beson­de­ren fach­li­chen Anfor­de­run­gen gestellt. Soweit die Leis­tun­gen in einer Pfle­ge bestehen, wird ledig­lich eine "geeig­ne­te Pfle­ge­per­son" vor­aus­ge­setzt (§ 35a Abs. 2 Nr. 3 SGB VIII), bei Hil­fen in ambu­lan­ter Form nach § 35a Abs. 2 Nr. 1 SGB VIII wer­den kei­ne Ein­schrän­kun­gen gefor­dert. Für eine ent­spre­chen­de Eig­nung des Sozi­al­trai­ners zur Durch­füh­rung der ambu­lan­ten Hil­fen in Form des Sozi­al­trai­nings von Autis­ten sprä­che sei­ne jah­re­lan­ge prak­ti­sche Erfah­rung.

Soweit es um Leis­tun­gen des Sozi­al­trai­ners an erwach­se­ne Autis­ten geht, ist im vor­lie­gen­den Fall außer­dem § 4 Nr. 16 Buchst. k UStG a.F. zu prü­fen. Die­se Steu­er­be­frei­ung setzt vor­aus, dass im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Betreu­ungs- oder Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens 40 % der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder der Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil ver­gü­tet wor­den sind.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 30. Novem­ber 2016 – V R 10/​16

  1. ein­ge­hend BFH, Urteil vom 22.06.2016 – V R 46/​15, BFHE 254, 272, Rz 51; eben­so schon BFH, Urteil vom 18.08.2015 – V R 13/​14, BFHE 251, 282 zu durch­ge­lei­te­ten Zah­lun­gen eines Ver­eins an Pfle­ge­hel­fer; und BFH, Urteil vom 08.06.2011 – XI R 22/​09, BFHE 234, 448 zu Alten­pfle­ge­leis­tun­gen[]
  2. EuGH, Urteil Kingscrest vom 26.05.2005 – C‑498/​03, EU:C:2005:322[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 254, 272, Rz 31[]
  4. vgl. zur Abgren­zung BFH, Urteil vom 08.11.2007 – V R 2/​06, BFHE 219, 428, BStBl II 2008, 634[]
  5. Hess. VGH, Urteil vom 15.10.2013 – 10 B 1254/​13[]
  6. vgl. Stähr in Hauck/​Noftz, Kom­men­tar zum Sozi­al­ge­setz­buch, § 35a SGB VIII Rz 27f[]
  7. BT-Drs. 16/​6290, S. 78[]
  8. vgl. z.B. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence vom 21.01.2016 – C‑335/​14, EU:C:2016:36, Rz 39, m.w.N.[]