Umsät­ze einer "männ­li­chen Strip­grup­pe"

Umsät­ze einer "männ­li­chen Strip­grup­pe" kön­nen von der Umsatz­steu­er befreit sein oder anstel­le des Regel­steu­er­sat­zes dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz unter­lie­gen.

Umsät­ze einer "männ­li­chen Strip­grup­pe"

Nach § 4 Nr.20 Buchst. a Satz 1 UStG sind die Umsät­ze fol­gen­der Ein­rich­tun­gen des Bun­des, der Län­der, der Gemein­den oder der Gemein­de­ver­bän­de steu­er­frei: Thea­ter, Orches­ter, Kam­mer­mu­sik­ensem­bles, Chö­re, Muse­en, bota­ni­sche Gär­ten, zoo­lo­gi­sche Gär­ten, Tier­parks, Archi­ve, Büche­rei­en sowie Denk­mä­ler der Bau- und Gar­ten­bau­kunst. Das Glei­che gilt für die Umsät­ze gleich­ar­ti­ger Ein­rich­tun­gen ande­rer Unter­neh­mer, wenn die zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de beschei­nigt, dass sie die glei­chen kul­tu­rel­len Auf­ga­ben wie die in Satz 1 bezeich­ne­ten Ein­rich­tun­gen erfül­len (§ 4 Nr.20 Buchst. a Satz 2 UStG).

Die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr.20 UStG ent­spricht der Vor­schrift des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. n der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 1.

Die Steu­er ermä­ßigt sich nach § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG auf 7 % für die Leis­tun­gen der Thea­ter, Orches­ter, Kam­mer­mu­sik­ensem­bles, Chö­re und Muse­en sowie die Ver­an­stal­tung von Thea­ter­vor­füh­run­gen und Kon­zer­ten durch ande­re Unter­neh­mer.

Die­se Vor­schrift beruht auf Art. 12 Abs. 3 Buchst. a Unter­abs. 3 i.V.m. Anhang H Kate­go­rie 8 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Die Mit­glied­staa­ten kön­nen nach die­ser Bestim­mung auf Lie­fe­run­gen und Dienst­leis­tun­gen der in Anhang H genann­ten Kate­go­ri­en einen ermä­ßig­ten Steu­er­satz anwen­den. Anhang H Kate­go­rie 8 nennt Wer­ke bzw. Dar­bie­tun­gen von Schrift­stel­lern, Kom­po­nis­ten und aus­üben­den Künst­lern sowie deren Urhe­ber­rech­te 2.

Die Argu­men­ta­ti­on, dass sich die Ver­an­stal­tun­gen der Grup­pe von vorn­her­ein aus­schließ­lich an weib­li­che Gäs­te rich­ten und dass das einer Anwen­dung die­ser Vor­schrif­ten ent­ge­gen­ste­he, fin­det erkenn­bar im Wort­laut der genann­ten Vor­schrif­ten kei­ne Stüt­ze.

Ein der­ar­ti­ger "Ver­sa­gungs­grund" ent­spricht auch weder dem Sinn und Zweck der Vor­schrif­ten, noch las­sen sich aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te ent­spre­chen­de Anhalts­punk­te ablei­ten. Nach der Recht­spre­chung wen­det sich ein "Thea­ter" in der Regel an eine unbe­stimm­te Zahl von Zuschau­ern 3. Das jewei­li­ge Geschlecht des Publi­kums ist dabei unmaß­geb­lich.

Die Recht­spre­chung ver­steht unter Thea­ter­vor­füh­run­gen i.S. von § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG nicht nur Auf­füh­run­gen von Thea­ter­stü­cken, Opern und Ope­ret­ten, son­dern auch Dar­bie­tun­gen der Pan­to­mi­me und Tanz­kunst, der Klein­kunst und des Varie­tés bis zu den Pup­pen­spie­len 4. Begüns­tigt sind auch Misch­for­men von Sprech, Musik- und Tanz­dar­bie­tun­gen, so dass eine "Unter­hal­tungs­show" eben­falls eine Thea­ter­auf­füh­rung i.S. von § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG sein kann 5.

Bei der Ent­schei­dung ist im Rah­men der begehr­ten Anwen­dung von § 4 Nr. 20 Buchst. a UStG zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass die Ver­an­stal­te­rin über Beschei­ni­gun­gen der zustän­di­gen Kul­tus­be­hör­den ver­fügt, wonach das Ensem­ble "X" die glei­chen kul­tu­rel­len Auf­ga­ben wie die in § 4 Nr. 20 Buchst. a Satz 1 UStG genann­ten Ein­rich­tun­gen erfüllt. Auch wenn die Prü­fung, ob der Unter­neh­mer eine Ein­rich­tung betreibt, die einer sol­chen i.S. des § 4 Nr.20 Buchst. a Satz 1 UStG gleich­ar­tig ist, sich teil­wei­se inhalt­lich mit der Prü­fung der Kul­tus­be­hör­den über­schnei­den kann 6, steht inso­weit bin­dend fest, dass das Ensem­ble "X" den­sel­ben kul­tu­rel­len Stel­len­wert wie die aus­drück­lich in der gesetz­li­chen Bestim­mung genann­ten Ein­rich­tun­gen hat 7. Dies bedeu­tet, dass die im Streit­fall unstrei­tig vor­lie­gen­de "ero­ti­sie­ren­de Wir­kung" der Auf­trit­te des Ensem­bles "X" bei der anschlie­ßen­den Gleich­ar­tig­keits­prü­fung betref­fend die "Ein­rich­tung" i.S. von § 4 Nr.20 Buchst. a Satz 1 UStG kei­ner den kul­tu­rel­len Stel­len­wert der Grup­pe ein­schrän­ken­den Wer­tung zugäng­lich ist.

Fer­ner ist in Rech­nung zu stel­len, dass weder der Wort­laut noch der Zweck von § 4 Nr.20 Buchst. a UStG den Schluss zulas­sen, die Steu­er­be­frei­ung sol­le nur sol­chen Ein­rich­tun­gen zugu­te­kom­men, die "auf einem hohen Niveau" arbei­te­ten 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Okto­ber 2011 – XI R 40/​09

  1. vgl. dazu BFH, Urteil vom 04.05.2011 – XI R 44/​08, BFHE 233, 367[]
  2. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 233, 367[]
  3. vgl. z.B. BVerwG, Beschluss vom 31.07.2008 – 9 B 80/​07, UR 2009, 25, HFR 2009, 313; BFH, Urteil in BFHE 233, 367[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 09.10.2003 – V R 86/​01, BFH/​NV 2004, 984, m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2004, 984, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. BVerwG, Urtei­le in UR 2007, 304, HFR 2007, 598, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 325; vom 11.10.2006 – 10 C 7/​05, UR 2007, 307, HFR 2007, 1249, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 322[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 233, 367[]
  8. vgl. BVerwG, Beschluss in UR 2009, 25, HFR 2009, 313[]