Aus­tausch der Bezug­s­tat bei Ver­de­ckungs­mord

Der Aus­tausch der Bezug­s­tat bei Ver­de­ckungs­mord erfor­dert einen gericht­li­chen Hin­weis.

Aus­tausch der Bezug­s­tat bei Ver­de­ckungs­mord

Die Abwei­chung in der Beschrei­bung des Tat­ver­hal­tens, das zur Aus­fül­lung des gesetz­li­chen Straf­tat­be­stan­des gedient hat, ist bei einer sol­chen Fall­ge­stal­tung wesent­lich: Das Ver­hal­ten des Ange­klag­ten, in dem die "ande­re Straf­tat" im Sin­ne des § 211 Abs. 2 StGB gese­hen wur­de, unter­schei­det sich schon zeit­lich erheb­lich von dem­je­ni­gen, das die Ankla­ge für tat­be­stands­mä­ßig hielt, und inhalt­lich wur­de ein Ver­mö­gens­de­likt durch ein Kör­per­ver­let­zungs­de­likt ersetzt.

Wäh­rend frü­he­re Recht­spre­chung ver­ein­zelt die Hin­weis­pflicht nach § 265 StPO noch restrik­tiv annahm 1, wur­de bald erkannt, dass der gebo­te­ne Schutz des Ange­klag­ten vor Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen eine umfas­sen­de Hin­weis­pflicht erfor­dert. Soweit der 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs 2 einen Ver­stoß gegen § 265 Abs. 1 StPO ver­neint hat, wenn die Ver­ur­tei­lung bei gleich blei­ben­dem Straf­ge­setz nur auf zum Teil ande­re Tat­sa­chen gegrün­det wird, hat er einen Ver­fah­rens­feh­ler nur des­halb ver­neint, "da der Ange­klag­te durch den Gang der Haupt­ver­hand­lung über die Ver­än­de­rung der Sach­la­ge unter­rich­tet wor­den ist".

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits in sei­ner Ent­schei­dung vom 17. Juli 1962 3 bei einem Hin­weis auf das Mord­merk­mal zur Ver­de­ckung einer ande­ren Straf­tat die Klar­stel­lung gefor­dert, "wel­che ande­re Straf­tat der Ange­klag­te nach der Mei­nung des Gerichts hät­te ver­de­cken kön­nen". Zutref­fend hat der 5. Straf­se­nat schon in sei­nem Urteil vom 24. Mai 1955 4 im Fall der Ver­ur­tei­lung wegen Voll­rau­sches einen Hin­weis nach § 265 StPO selbst dann gefor­dert, wenn die Rausch­tat als ledig­li­che Bedin­gung der Straf­bar­keit recht­lich anders beur­teilt wer­den soll. Dies legt nahe, dass ein Hin­weis erst recht gebo­ten ist, wenn die Rausch­tat voll­stän­dig aus­ge­tauscht wird. Der 3. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat zu Recht bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Ver­ei­telns der Zwangs­voll­stre­ckung einen Ver­stoß gegen § 265 (Abs. 4) StPO dar­in gese­hen, dass der Ange­klag­te nicht dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, dass eine ande­re For­de­rung bei § 288 StGB zugrun­de gelegt wur­de; der Aus­tausch einer For­de­rung, deren Durch­set­zung der Ange­klag­te ver­ei­telt haben soll, erfor­dert einen gericht­li­chen Hin­weis 5. Gera­de wenn es stän­di­ger Recht­spre­chung ent­spricht, dass ein rich­ter­li­cher Hin­weis nach § 265 StPO gewis­sen Min­dest­an­for­de­run­gen ent­spre­chen muss, wozu auch die Anga­be gehört, durch wel­che Tat­sa­chen das Gericht die gesetz­li­chen Merk­ma­le als erfüllt ansieht 6, liegt es nahe, über­haupt einen ent­spre­chen­den Hin­weis zu ver­lan­gen, wenn – wie hier – das Tat­ver­hal­ten, das zur Aus­fül­lung des gesetz­li­chen Straf­tat­be­stan­des dient, wesent­lich von dem Ankla­ge­vor­wurf abweicht. Denn Zweck des § 265 StPO ist es, dem Ange­klag­ten Gele­gen­heit zu geben, sich gegen­über dem neu­en Vor­wurf zu ver­tei­di­gen, und ihn vor Über­ra­schun­gen zu schüt­zen 7.
Der Aus­tausch der Bezug­s­tat bei Ver­de­ckungs­mord erfor­dert daher einen gericht­li­chen Hin­weis.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Janu­ar 2011 – 1 StR 582/​10

  1. vgl. z.B. BGH, Urteil vom 28.04.1955 – 3 StR 13/​55; auch BGH, Urteil vom 24.02.1976 – 1 StR 764/​75[]
  2. BGH, Beschluss vom 13.12.1977 – 5 StR 728/​77[]
  3. - 1 StR 266/​62[]
  4. BGH, Urteil vom 24.05.1955 – 5 StR 143/​55[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 02.02.1990 – 3 StR 480/​89, BGHR StPO § 265 Abs. 4 Hin­weis­pflicht 8; und StV 1990, 249, 250[]
  6. vgl. hier­zu u.a. BGH, Beschlüs­se vom 10.01.2007 – 2 StR 555/​06; vom 17.10.2006 – 4 StR 335/​06 Rn. 10; vom 21.04.2004 – 2 StR 363/​03 mwN; und vom 24.11.1992 – 1 StR 368/​92 mwN[]
  7. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 04.04.1995 – 1 StR 772/​94[]