Betäu­bungs­mit­tel – und die Bestim­mung der nicht gerin­gen Men­ge

Das Tat­ge­richt hat nach der vom Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ange­wand­ten Metho­de1 den Grenz­wert der nicht gerin­gen Men­ge eines Betäu­bungs­mit­tels stets in Abhän­gig­keit von des­sen kon­kre­ter Wir­kungs­wei­se und inten­si­tät fest­zu­le­gen.

Betäu­bungs­mit­tel – und die Bestim­mung der nicht gerin­gen Men­ge
  • Maß­geb­lich ist zunächst die äußerst gefähr­li­che, gar töd­li­che Dosis des Wirk­stoffs2.
  • Feh­len hier­zu gesi­cher­te Erkennt­nis­se, so errech­net sich der Grenz­wert als ein Viel­fa­ches der durch­schnitt­li­chen Kon­sum­ein­heit eines nicht an den Genuss die­ser Dro­ge gewöhn­ten Kon­su­men­ten. Das Viel­fa­che ist nach Maß­ga­be der Gefähr­lich­keit des Stof­fes, ins­be­son­de­re sei­nes Abhän­gig­kei­ten aus­lö­sen­den oder sonst die Gesund­heit schä­di­gen­den Poten­ti­als zu bemes­sen3.
  • Las­sen sich auch zum Kon­sum­ver­hal­ten kei­ne aus­rei­chen­den Erkennt­nis­se gewin­nen, so ent­schei­det ein Ver­gleich mit ver­wand­ten Wirk­stof­fen4.

Soweit sich das Gericht dabei die in Inter­net­fo­ren berich­te­ten "sze­ne­ty­pi­schen Durch­schnitts­do­sie­run­gen … für die genann­ten Appli­ka­ti­ons­for­men" stützt, stellt dies kei­ne geeig­ne­te Erkennt­nis­grund­la­ge5 zur durch­schnitt­li­chen Kon­sum­ein­heit eines nicht an den Kon­sum des Stof­fes gewöhn­ten Kon­su­men­ten dar. Dies gilt zum einen, weil es sich bei Ein­trä­gen in User-Foren nicht um wis­sen­schaft­lich gesi­cher­te Daten han­delt6, die­se Anga­ben häu­fig auf erfah­re­ne Kon­su­men­ten zurück­ge­hen, bei denen bereits mit einer Tole­ranz­ent­wick­lung zu rech­nen ist und inter­in­di­vi­du­el­le Unter­schie­de in der Reak­ti­on auf den Wirk­stoff unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Wie­so sich das Land­ge­richt vor die­sem Hin­ter­grund ange­sichts der Anga­ben in den Foren zu "sze­ne­ty­pi­schen Durch­schnitts­do­sie­run­gen" in der Lage sah, auf eine durch­schnitt­li­che Kon­sum­ein­heit als wirk­sa­me Dosis für einen "Dro­gen­un­er­fah­re­nen" zu schlie­ßen, bleibt uner­ör­tert. Zum ande­ren bezie­hen sich aus­weis­lich der Urteils­grün­de die­se Anga­ben in den Foren auf die "genann­ten Appli­ka­ti­ons­for­men", mit­hin die ora­le, intra­na­sa­le, inha­la­ti­ve, intra­ve­nö­se und rek­ta­le Kon­sum­form. Dies lässt sowohl die Gebräuch­lich­keit der jewei­li­gen Kon­sum­form als auch deren jewei­li­gen Ein­fluss auf die Wir­kungs­wei­se offen. Es ist nicht dar­ge­legt, wie­so auf die­ser, undif­fe­ren­ziert auf ver­schie­dens­te Kon­sum­for­men bezo­ge­nen Grund­la­ge auf die durch­schnitt­li­che Kon­sum­ein­heit für die ora­le und nasa­le Appli­ka­ti­on geschlos­sen wer­den kann.

Wird zur Maß­zahl nur ange­führt, dass damit die bekann­ten phar­ma­ko­lo­gi­schen und foren­si­schen Erkennt­nis­se zu "ATS" ein­ge­bun­den und auch das Gefähr­dungs­po­ten­ti­al gewich­tet wor­den sei bzw. die "zen­tral sti­mu­lie­ren­den Wir­kun­gen beträ­fen u.a. die bekann­ten psy­chi­schen und kör­per­li­chen Stö­run­gen, die im Zusam­men­hang mit ATS (Amphet­ami­ne-Type-Sti­mu­lants) beob­ach­tet wer­den", ist dies nicht aus­rei­chend, um die für die Maß­zahl rele­van­te Gewich­tung der Gefähr­lich­keit des Stof­fes, ins­be­son­de­re das Abhän­gig­keits- und Gesund­heits­schä­di­gungs­po­ten­zi­al7 im Ver­gleich zu ande­ren Stof­fen nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall muss daher das neu zustän­di­ge Tat­ge­richt den Grenz­wert für die nicht gerin­ge Men­ge Alpha-Pyr­ro­li­di­no­va­lero­phe­non-Hydro­chlo­rid unter Hin­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen klä­ren. Dabei wird es in den Blick zu neh­men haben, dass das OLG Nürn­berg für den Wirk­stoff 3, 4‑Methylendioxypyrovaleron unter aus­führ­li­cher Begrün­dung bereits nach der oben auf­ge­zeig­ten Metho­de einen Grenz­wert fest­ge­setzt hat8 und ob zwi­schen die­sem Stoff, der gro­ße che­misch struk­tu­rel­le Ähn­lich­kei­ten zum frü­her als Arz­nei­mit­tel ver­wen­de­ten Pyro­va­le­ron auf­wei­sen soll, und Alpha-Pyr­ro­li­di­no­va­lero­phe­non-Hydro­chlo­rid rele­van­te Unter­schie­de bestehen oder sich neue­re Erkennt­nis­se inso­weit erge­ben haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Juni 2018 – 1 StR 233/​18

  1. vgl. nur BGH, Urteil vom 14.01.2015 – 1 StR 302/​13, BGHSt 60, 134 ff. Rn. 35; Beschlüs­se vom 13.10.2016 – 1 StR 366/​16 Rn. 7, NStZ-RR 2017, 47; und vom 05.11.2015 – 4 StR 124/​14, Stra­Fo 2016, 37 []
  2. BGH, Urtei­le vom 22.12 1987 – 1 StR 612/​87, BGHSt 35, 179; und vom 14.01.2015 – 1 StR 302/​13, BGHSt 60, 134 ff. Rn. 35 []
  3. BGH, Urteil vom 03.12 2008 – 2 StR 86/​08, BGHSt 53, 89 []
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.04.2007 – 1 StR 52/​07, BGHSt 51, 318; vom 17.11.2011 – 3 StR 315/​10, BGHSt 57, 60; und vom 14.01.2015 – 1 StR 302/​13, BGHSt 60, 134 ff. Rn. 35 []
  5. vgl. Urteil vom 14.01.2015 – 1 StR 302/​13, BGHSt 60, 134 ff. Rn. 51 []
  6. vgl. OLG Nürn­berg, Urteil vom 04.04.2016 – 2 OLG 8 Ss 173/​15 zum Wirk­stoff 3, 4‑Methylendioxypyrovaleron []
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.10.1996 – 3 StR 220/​96, BGHSt 42, 255, 267, dort auch zur Berück­sich­ti­gung der die Gefähr­lich­keit stei­gern­den sze­ne­ty­pi­schen Begleit­um­stän­de des Kon­sums; und vom 17.11.2011 – 3 StR 315/​10, BGHSt 57, 60, 64 ff. Rn. 11 ff. []
  8. vgl. OLG Nürn­berg, Urteil vom 04.04.2016 – 2 OLG 8 Ss 173/​15 zum Wirk­stoff 3, 4‑Methylendioxypyrovaleron []