Frei­spruch – und sei­ne Über­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt

Spricht das Tat­ge­richt einen Ange­klag­ten frei, weil es – wie hier – Zwei­fel an sei­ner Täter­schaft oder am Vor­lie­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines straf­ba­ren Ver­hal­tens nicht zu über­win­den ver­mag, ist dies durch das Revi­si­ons­ge­richt in der Regel hin­zu­neh­men. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung ist dar­auf beschränkt, ob dem Tat­ge­richt Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind.

Frei­spruch – und sei­ne Über­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt

Das ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht dann der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist oder gegen Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt. Rechts­feh­ler­haft ist es auch, wenn sich das Tat­ge­richt bei sei­ner Beweis­wür­di­gung dar­auf beschränkt, die ein­zel­nen Belas­tungs­in­di­zi­en geson­dert zu erör­tern und auf ihren jewei­li­gen Beweis­wert zu prü­fen, ohne eine Gesamt­ab­wä­gung aller für und gegen die Täter­schaft spre­chen­den Umstän­de vor­zu­neh­men. Denn ein­zel­ne Belas­tungs­in­di­zi­en, die für sich genom­men zum Beweis der Täter­schaft nicht aus­rei­chen, kön­nen doch in ihrer Gesamt­heit die für eine Ver­ur­tei­lung not­wen­di­ge Über­zeu­gung des Tat­ge­richts begrün­den. Des­halb bedarf es einer Gesamt­ab­wä­gung aller für und gegen die Täter­schaft spre­chen­den Umstän­de.

Der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung unter­liegt zudem, ob über­spann­te Anfor­de­run­gen an die für die Ver­ur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit gestellt wor­den sind und dabei nicht beach­tet wur­de, dass eine abso­lu­te, das Gegen­teil den­knot­wen­dig aus­schlie­ßen­de und von nie­man­dem anzwei­fel­ba­re Gewiss­heit nicht erfor­der­lich ist, viel­mehr ein nach der Lebens­er­fah­rung aus­rei­chen­des Maß an Sicher­heit genügt, das ver­nünf­ti­ge und nicht bloß auf denk­theo­re­ti­schen Mög­lich­kei­ten gegrün­de­te Zwei­fel nicht zulässt 1.

Der Tatrich­ter darf dabei ent­las­ten­de Anga­ben des Ange­klag­ten, für deren Rich­tig­keit oder Unrich­tig­keit es kei­ne Bewei­se gibt, nicht ohne wei­te­res als unwi­der­legt hin­neh­men. Er muss sich viel­mehr auf der Grund­la­ge des gesam­ten Beweis­ergeb­nis­ses ent­schei­den, ob die­se Anga­ben geeig­net sind, sei­ne Über­zeu­gungs­bil­dung zu beein­flus­sen 2. Der Zwei­fels­satz gebie­tet es nicht etwa, zu Guns­ten des Ange­klag­ten Tat­va­ri­an­ten zu unter­stel­len, für deren Vor­lie­gen das Beweis­ergeb­nis kei­ne kon­kre­ten tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te erbracht hat 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Dezem­ber 2015 – 1 StR 423/​15

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 03.06.2015 – 5 StR 55/​15, NStZ-RR 2015, 255; vom 17.07.2014 – 4 StR 129/​14; vom 27.04.2010 – 1 StR 454/​09, NStZ 2011, 108, 109; vom 01.02.2011 – 1 StR 408/​10 Rn. 15, NStZ-RR 2011, 184; vom 07.06.2011 – 5 StR 26/​11 Rn. 9; vom 07.11.2012 – 5 StR 322/​12 Rn. 10; vom 18.12 2012 – 1 StR 415/​12 Rn. 28 [inso­weit in BGHSt 58, 72 nicht abge­druckt][]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 24.10.2002 – 5 StR 600/​01, BGHSt 48, 52, 71; Beschluss vom 25.04.2007 – 1 StR 159/​07, BGHSt 51, 324, 325; Urteil vom 28.01.2009 – 2 StR 531/​08, NStZ 2008, 285[]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 26.06.2003 – 1 StR 269/​02, NStZ 2004, 35, 36; vom 17.03.2005 – 4 StR 581/​04, NStZ-RR 2005, 209; und vom 21.10.2008 – 1 StR 292/​08, NStZ-RR 2009, 90 jew. mwN[]