Gericht­li­che Über­prü­fung der Bewil­li­gungs­ent­schei­dung im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren

Es bedarf einer iso­lier­ten gericht­li­chen Über­prü­fung der Bewil­li­gungs­ent­schei­dung im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr mit Dritt­staa­ten, wenn die­se über die Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung hin­aus­geht.

Gericht­li­che Über­prü­fung der Bewil­li­gungs­ent­schei­dung im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren

Abs. 4 GG ent­hält ein Grund­recht auf effek­ti­ven und mög­lichst lücken­lo­sen rich­ter­li­chen Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt [1]. Dies umfasst den Zugang zu den Gerich­ten, die Prü­fung des Streit­be­geh­rens in einem förm­li­chen Ver­fah­ren sowie die ver­bind­li­che gericht­li­che Ent­schei­dung [2]. Der Bür­ger hat inso­weit einen Anspruch auf eine wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le [3].

Zur Gewähr­leis­tung wirk­sa­men Rechts­schut­zes gehört vor allem, dass dem Rich­ter eine hin­rei­chen­de Prü­fungs­be­fug­nis hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen und recht­li­chen Sei­te eines Streit­falls zukommt, damit er einer Rechts­ver­let­zung abhel­fen kann. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes schließt aller­dings nicht aus, dass je nach Art der zu prü­fen­den Maß­nah­me wegen der Ein­räu­mung von Ges­tal-tungs, Ermes­sens- und Beur­tei­lungs­spiel­räu­men eine unter­schied­li­che Kon­troll­dich­te zugrun­de gelegt wer­den muss [4].

Die Bewil­li­gung nach § 12 IRG stellt die Ent­schei­dung einer Behör­de dar, dem Ersu­chen eines aus­län­di­schen Staa­tes auf Aus­lie­fe­rung einer gesuch­ten Per­son statt­zu­ge­ben. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land liegt die Zustän­dig­keit für die Bewil­li­gung bei der Bun­des­re­gie­rung und wird durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz im Ein­ver­neh­men mit dem Aus­wär­ti­gen Amt aus­ge­übt. Aus­lie­fe­run­gen sind als Teil der aus­wär­ti­gen Bezie­hun­gen ein­zu­ord­nen, für die der Bund gemäß Art. 32 Abs. 1 GG die aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit hat [5].

Die his­to­risch begrün­de­te Zwei­tei­lung des deut­schen Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­rens in das Zuläs­sig­keits- und das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren erfor­dert im klas­si­schen Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren eine Unter­schei­dung im Hin­blick auf die Funk­ti­on der bei­den Ver­fah­rens­sta­di­en und die damit ein­her­ge­hen­den Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten. Das Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren dient inso­weit dem prä­ven­ti­ven Rechts­schutz des Ver­folg­ten, wäh­rend das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren die Berück­sich­ti­gung außen- und all­ge­mein­po­li­ti­scher Aspek­te des jewei­li­gen Fal­les ermög­li­chen soll [6].

Vor die­sem Hin­ter­grund hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die (verfassungs-)gerichtliche Über­prü­fung von Bewil­li­gungs­ent­schei­dun­gen nicht oder allen­falls nur für ein­ge­schränkt mög­lich gehal­ten [7]. Nach dem her­kömm­li­chen Aus­lie­fe­rungs­recht wer­den näm­lich die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Aus­lie­fe­rung im gericht­li­chen Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren geklärt. Die nach­fol­gen­de (§ 12 IRG) Bewil­li­gungs­ent­schei­dung stellt sich dem­ge­gen­über als Ent­schei­dung gegen­über dem ersu­chen­den Staat dar, die gericht­lich nicht über­prüf­bar ist.

Dies ist im Hin­blick auf die Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 GG solan­ge unschäd­lich, als die Ober­lan­des­ge­rich­te im Rah­men der Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung alle sub­jek­ti­ven öffent­li­chen Rechts­po­si­tio­nen des Ver­folg­ten umfas­send berück­sich­ti­gen und die Ent­schei­dung inso­weit nicht (allein) der Bewil­li­gungs­be­hör­de über­las­sen [8]. Im Fal­le einer posi­ti­ven Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung ver­bleibt dann der Bewil­li­gungs­be­hör­de – unge­ach­tet ihrer aus Art. 1 Abs. 3 und Art.20 Abs. 3 GG fol­gen­den Pflicht zur eige­nen Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le einer­seits und etwai­ger völ­ker­recht­li­cher Bin­dun­gen ande­rer­seits – ein wei­ter, gericht­lich allen­falls ein­ge­schränkt über­prüf­ba­rer, außen­po­li­ti­scher Ent­schei­dungs­spiel­raum [9].

Etwas ande­res folgt auch nicht aus den Rege­lun­gen über den Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr zwi­schen Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on. In die­sem Zusam­men­hang stellt sich die Bewil­li­gung nach den §§ 78 ff. IRG als recht­lich ein­ge­bet­te­te Ent­schei­dung der Bewil­li­gungs­be­hör­de dar. § 79 Abs. 1 IRG sta­tu­iert inso­weit eine grund­sätz­li­che Pflicht zur Bewil­li­gung, wel­che nur unter den in den fol­gen­den Nor­men expli­zit genann­ten Grün­den, nament­lich unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 83b IRG abge­lehnt wer­den kann. Bei Aus­lie­fe­run­gen an einen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on erlangt die Bewil­li­gung damit den Cha­rak­ter einer gegen­über dem Ver­folg­ten die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für den Grund­rechts­ein­griff kon­kre­ti­sie­ren­den Maß­nah­me. Die­se muss wegen Art.19 Abs. 4 GG der gericht­li­chen Kon­trol­le unter­lie­gen [10], wie sie in § 79 Abs. 2 und Abs. 3 IRG heu­te auch vor­ge­se­hen ist. Zugleich folgt aus dem gewan­del­ten Cha­rak­ter der Bewil­li­gung im Ach­ten Teil des Geset­zes über die inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, dass sie, wie auch sons­ti­ge belas­ten­de Hoheits­ak­te der Ver­wal­tung, mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fen wer­den kann [11].

Einer iso­lier­ten gericht­li­chen Über­prü­fung der Bewil­li­gungs­ent­schei­dung auch im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr mit Dritt­staa­ten bedarf es aller­dings, wenn die­se über die Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung hin­aus­geht. In die­sem Fall kann das Ober­lan­des­ge­richt im Rah­men sei­ner Ent­schei­dung nicht alle sub­jek­ti­ven öffent­li­chen Rech­te des Ver­folg­ten berück­sich­ti­gen und den von Art.19 Abs. 4 GG gebo­te­nen Rechts­schutz gewäh­ren, so dass es grund­sätz­lich einer eigen­stän­di­gen Über­prü­fung der Bewil­li­gungs­ent­schei­dung bedarf.

So lie­gen die Din­ge auch in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­ten Fall: Die Zuläs­sig­keits­ent­schei­dun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main betra­fen ledig­lich die Aus­lie­fe­rung an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Dem­ge­gen­über hat das Aus­wär­ti­ge Amt der Bot­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten durch Ver­bal­no­te nicht nur mit­ge­teilt, dass die Regie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Aus­lie­fe­rung in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten bewil­ligt habe, son­dern auch, dass sei­ner even­tu­el­len Wei­ter­lie­fe­rung zur Straf­voll­stre­ckung in die Repu­blik Tür­kei bereits jetzt zuge­stimmt wer­de. Die­se Wei­ter­lie­fe­rung in die Repu­blik Tür­kei war aber bis­lang nicht Gegen­stand des gericht­li­chen Über­prü­fungs­ver­fah­rens.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Juni 2015 – 2 BvR 965/​15

  1. vgl. BVerfGE 8, 274, 326; 113, 273, 310; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 107, 395, 401; 113, 273, 310; 117, 71, 122[]
  3. vgl. BVerfGE 40, 272, 275; 113, 273, 310; 129, 1, 20; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 15, 275, 282; 113, 273, 310; 129, 1, 21 f.; stRspr[]
  5. vgl. BVerfGE 96, 100, 117; 113, 273, 311 f.[]
  6. BVerfGE 113, 273, 312[]
  7. vgl. BVerfGE 63, 215, 226 f.; 113, 273, 311; BVerfGK 3, 159, 164 f.; 13, 128, 135 f.; 13, 557, 560 f.; BVerfG, Beschluss vom 19.10.1966 – 1 BvR 607/​66, GA 1967, S. 111; Beschluss vom 16.03.1983 – 2 BvR 429/​83, EuGRZ 1983, S. 262, 263; Beschluss vom 09.11.2000 – 2 BvR 1560/​00, NJW 2001, S. 3111, 3112; Beschluss vom 20.12 2007 – 2 BvQ 51/​07 29; Beschluss vom 25.11.2008 – 2 BvR 2196/​08 9; vgl. im Hin­blick auf die par­al­le­le Pro­ble­ma­tik der Über­stel­lung von Straf­ge­fan­ge­nen BVerfGE 96, 100, 118[]
  8. vgl. BVerfGE 63, 215, 227 f.; BVerfGK 3, 159, 164 f.; 13, 128, 135 f.; 13, 557, 560 f.; BVerfG, Beschluss vom 20.12 2007 – 2 BvQ 51/​07 29; Beschluss vom 25.11.2008 – 2 BvR 2196/​08 9; Lagod­ny, in: Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Aufl.2012, § 12 IRG Rn. 5; Vogel/​Burchard, in: Grützner/​Pötz/​Kreß, Inter­na­tio­na­ler Rechts­hil­fe­ver­kehr in Straf­sa­chen, Bd. 1, 3. Aufl., § 13 IRG Rn. 9, April 2012[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 25.11.2008 – 2 BvR 2196/​08 9[]
  10. vgl. BVerfGE 113, 273, 309 ff.[]
  11. vgl. BVerfGK 16, 131, 134 f.; 16, 177, 190; 16, 283, 292 f.; BVerfG, Beschluss vom 25.11.2008 – 2 BvR 2196/​08 10[]