Isla­mi­scher Staat – und die Ver­skla­vung von Jesi­din­nen

Der Begriff der Skla­ve­rei beschreibt ein Ver­hält­nis völ­li­ger sozia­ler Unter­wer­fung, in dem der Unter­wor­fe­ne als Eigen­tum sei­nes Herrn gel­ten soll, über das er nach Belie­ben und Will­kür ver­fü­gen kann 1.

Isla­mi­scher Staat – und die Ver­skla­vung von Jesi­din­nen

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Haft­prü­fungs­fall war die Beschul­dig­te damit drin­gend ver­däch­tig, in einem Fall tat­ein­heit­lich beson­ders schwe­ren Men­schen­han­del (§ 232 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, Satz 2 i.V.m. Abs. 2 Nr. 1 und 2 StGB), schwe­ren Men­schen­han­del (§ 232 Abs. 2 Nr. 1 und 2 StGB) und schwe­re Frei­heits­be­rau­bung (§ 239 Abs. 3 Nr. 1 StGB) began­gen zu haben, indem sie gemein­sam mit ihrem Ehe­mann die drei Jesi­din­nen erwarb und dazu zwang, in ihrem Haus­halt Arbei­ten zu ver­rich­ten.

Im Hin­blick auf das Delikt des Men­schen­han­dels ist gemäß § 2 Abs. 2 StGB die Straf­norm des § 232 StGB in ihrer der­zeit gel­ten­den Fas­sung anzu­wen­den, die auf­grund des Geset­zes zur Ver­bes­se­rung der Bekämp­fung des Men­schen­han­dels und zur Ände­rung des Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­ge­set­zes sowie des Ach­ten Buches des Sozi­al­ge­setz­buchs vom 11.10.2016 2 am 15.10.2016 in Kraft getre­ten ist und zum Zeit­punkt der Tat­be­en­di­gung im Okto­ber 2017 galt. Die Vor­aus­set­zun­gen des beson­ders schwe­ren Men­schen­han­dels (§ 232 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, Satz 2 i.V.m. Abs. 2 Nr. 1 und 2 StGB), des schwe­ren Men­schen­han­dels (§ 232 Abs. 2 Nr. 1 und 2 StGB) und des Men­schen­han­dels (§ 232 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB) sind erfüllt, wobei es sich um eine ein­heit­li­che Tat han­delt und weil sich die Tat auf meh­re­re Opfer unter­schied­li­chen Alters bezog ledig­lich der Grund­tat­be­stand (§ 232 Abs. 1 Nr. 2 StGB) im Wege der Geset­zes­kon­kur­renz ver­drängt wird. Im Ein­zel­nen:

Die Beschul­dig­te hat die drei Jesi­din­nen beher­bergt, indem sie ihnen Unter­kunft gewähr­te 3. Zwei Jesi­din­nen waren unter 21 Jah­re alt, so dass es zur Ver­wirk­li­chung des § 232 Abs. 1 StGB inso­weit nicht dar­auf ankommt, ob die Beschul­dig­te deren per­sön­li­che oder wirt­schaft­li­che Zwangs­la­ge aus­ge­nutzt hat. In Bezug auf die drit­te, mög­li­cher­wei­se älte­re Frau ist die­se Vor­aus­set­zung erfüllt: die Beschul­dig­te hat es sich zunut­ze gemacht, dass die Jesi­din bereits vom IS ver­sklavt wor­den war und sich des­halb in einer per­sön­li­chen Zwangs­la­ge befand.

Dem gemein­sa­men Tat­plan der Beschul­dig­ten und ihres Ehe­man­nes ent­spre­chend soll­ten die drei Jesi­din­nen in Skla­ve­rei gehal­ten wer­den (§ 232 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB).

Der Begriff der Skla­ve­rei beschreibt ein Ver­hält­nis völ­li­ger sozia­ler Unter­wer­fung, in dem der Unter­wor­fe­ne als Eigen­tum sei­nes Herrn gel­ten soll, über das er nach Belie­ben und Will­kür ver­fü­gen kann 1. Erfasst wer­den aller­dings nur Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se im Gel­tungs­be­reich einer Rechts­ord­nung, wel­che die Rechts­stel­lung eines Skla­ven noch kennt oder in der Skla­ve­rei jeden­falls fak­tisch gedul­det wird 4.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor. Die Beschul­dig­te und ihr Ehe­mann hat­ten die Jesi­din­nen ent­spre­chend der Ideo­lo­gie des IS als Skla­vin­nen gekauft, um sie dazu zu zwin­gen, Arbei­ten in ihrem Haus­halt zu ver­rich­ten. Sie betrach­te­ten die Frau­en als ihr Eigen­tum, mit dem sie nach Belie­ben ver­fah­ren konn­ten. Das Ver­hält­nis der Frau­en zu ihnen war mit­hin von völ­li­ger sozia­ler Unter­wer­fung geprägt. Die Gebie­te, in denen sich die Beschul­dig­te zur Tat­zeit auf­hielt, wur­den vom IS kon­trol­liert; die staat­li­che Rechts­ord­nung war dort fak­tisch außer Kraft gesetzt, es gal­ten viel­mehr die vom IS pro­pa­gier­ten Regeln, wonach die Ver­skla­vung jesi­di­scher Frau­en als reli­gi­ös gerecht­fer­tigt war und dem­entspre­chend prak­ti­ziert wur­de.

Die Beschul­dig­te und ihr Ehe­mann haben die drei Jesi­din­nen nach Lage der Din­ge zumin­dest durch Dro­hung mit einem emp­find­li­chen Übel beher­bergt (§ 232 Abs. 2 Nr. 1 StGB) und sich ihrer bemäch­tigt (§ 232 Abs. 2 Nr. 2 StGB). Im Hin­blick auf das ca. 13 bzw. 14 Jah­re alte Mäd­chen ist zudem § 232 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 StGB erfüllt.

Es han­delt sich um eine ein­heit­li­che Tat im Rechts­sin­ne. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die nach § 232 StGB straf­ba­ren Hand­lun­gen der Beschul­dig­ten gegen die per­sön­li­che Frei­heit und damit höchst­per­sön­li­che Rechts­gü­ter der drei Jesi­din­nen gerich­tet waren. Zwar liegt die Annah­me einer ein­heit­li­chen Tat fern, wenn sich die Hand­lun­gen des Täters gegen höchst­per­sön­li­che Rechts­gü­ter meh­re­rer Opfer rich­ten, weil höchst­per­sön­li­che Rechts­gü­ter einer addi­ti­ven Betrach­tungs­wei­se allen­falls in Aus­nah­me­fäl­len zugäng­lich sind 5. Allein eine enge zeit­li­che und räum­li­che Ver­bun­den­heit ver­schie­de­ner Hand­lungs­ab­läu­fe sowie die glei­che Moti­va­ti­ons­la­ge des Täters genü­gen in sol­chen Fäl­len nicht, um die ver­schie­de­nen Hand­lun­gen zu einer mate­ri­ell­recht­li­chen Tat im Sin­ne des § 52 StGB zu ver­bin­den; anders ver­hält es sich indes, wenn die objek­ti­ven Aus­füh­rungs­hand­lun­gen in einem für alle Tat­be­stands­ver­wirk­li­chun­gen not­wen­di­gen Teil zumin­dest teil­wei­se iden­tisch sind und so dazu bei­tra­gen, den Tat­be­stand aller in Betracht kom­men­den Straf­ge­set­ze zu erfül­len 6. Das ist hier der Fall. Die Beschul­dig­te und ihr Ehe­mann kauf­ten zwei der drei Jesi­din­nen, bevor sie die ers­te von ihnen erwor­be­ne Skla­vin Ende 2015 wie­der ver­äu­ßer­ten. Die tat­be­stands­mä­ßi­ge Aus­füh­rungs­hand­lung des Beher­ber­gens im Sin­ne des § 232 Abs. 1 StGB rich­te­te sich mit­hin zeit­wei­se gegen alle drei Opfer, so dass inso­weit teil­wei­se Tati­den­ti­tät vor­liegt.

Es besteht Tat­ein­heit zwi­schen dem beson­ders schwe­ren Men­schen­han­del gemäß § 232 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 und dem schwe­ren Men­schen­han­del nach § 232 Abs. 2 Nr. 1 und 2 StGB. Zwar ver­drän­gen die Qua­li­fi­ka­tio­nen des § 232 Abs. 3 StGB grund­sätz­lich die Grund­tat­be­stän­de des Abs. 1 und des Abs. 2 7. Das gilt aber nicht, wenn § 232 Abs. 3 StGB wie hier nur hin­sicht­lich eines von meh­re­ren Opfern erfüllt ist. Dann ist die Annah­me von Tat­ein­heit gebo­ten, um dem Gesamt­un­rechts­ge­halt der Tat Aus­druck zu ver­lei­hen. Dem­entspre­chend wird hier nur der Grund­tat­be­stand des § 232 Abs. 1 StGB im Wege der Geset­zes­kon­kur­renz ver­drängt.

Der drin­gen­de Tat­ver­dacht im Hin­blick auf die tat­ein­heit­lich mit den Delik­ten des beson­ders schwe­ren sowie schwe­ren Men­schen­han­dels ver­wirk­lich­te schwe­re Frei­heits­be­rau­bung im Sin­ne des § 239 Abs. 3 Nr. 1 StGB beruht dar­auf, dass die Beschul­dig­te die drei Jesi­din­nen jeweils län­ger als eine Woche ihrer Frei­heit beraub­te. Sie hielt die Opfer durch zumin­dest kon­klu­den­te Dro­hung mit Kör­per­ver­let­zun­gen als Skla­vin­nen in ihren Woh­nun­gen und hin­der­te sie so dar­an, sich fort­zu­be­we­gen.

Im Hin­blick auf den Men­schen­han­del folgt die Anwend­bar­keit deut­schen Straf­rechts aus § 6 Nr. 4 StGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. April 2019 – AK 12/​19

  1. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Ren­zi­kow­ski, 3. Aufl., § 232 Rn. 75; Schönke/​Schröder/​Eisele, StGB, 30. Aufl., § 232 Rn. 47, jeweils mwN[][]
  2. BGBl. I, S. 2226[]
  3. vgl. zum Begriff des Beher­ber­gens BT-Drs. 18/​9095, S. 23; Münch­Komm-StG­B/­Ren­zi­kow­ski, 3. Aufl., § 232 Rn. 48[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 11.05.1993 1 StR 896/​92, BGHSt 39, 212, 214 f. zu § 234 StGB aF[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.11.2009 3 StR 87/​09, BGHR StGB § 232 Kon­kur­ren­zen 1, Rn. 16[]
  6. BGH, aaO Rn.19; vgl. fer­ner BGH, Beschluss vom 19.09.1986 2 StR 484/​86, BGHR StGB § 52 Abs. 1 Hand­lung, die­sel­be 1; Urteil vom 15.07.2007 2 StR 131/​05, NStZ-RR 2007, 46, 47[]
  7. vgl. etwa Schönke/​Schröder/​Eisele, StGB, 30. Aufl., § 232 Rn. 78[]