Volksverhetzung – und das Auffordern zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen

Das Auffordern zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen im Sinne des § 130 Abs. 1 Nr. 1 StGB setzt ein über bloßes Befürworten hinausgehendes, ausdrückliches oder konkludentes Einwirken auf andere voraus mit dem Ziel, in ihnen den Entschluss zu bestimmten Handlungen hervorzurufen1.

Volksverhetzung - und das Auffordern zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen

Gewalt- und Willkürmaßnahmen sind diskriminierende Handlungen, die den elementaren Geboten der Menschlichkeit widersprechen2.

Als Gewaltmaßnahmen kommen beispielsweise Freiheitsberaubungen, gewaltsame Vertreibungen, Pogrome oder die Veranstaltung von Hetzjagden gegen Ausländer in Betracht3.

Willkürmaßnahmen sind sonstige diskriminierende und im Widerspruch zu elementaren Geboten der Menschlichkeit stehende Behandlungen aller Art4. Feindselige Parolen wie “Ausländer raus” oder “Türken raus” werden grundsätzlich nicht erfasst, wenn sie sich in der Aufforderung zum Verlassen des Landes erschöpfen5.

Zur Beurteilung der Frage, ob eine Erklärung als Aufforderung zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen zu verstehen ist, ist ihr objektiver Sinngehalt unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls aus der Sicht eines unvoreingenommenen und verständigen Durchschnittspublikums zu ermitteln6. Dabei darf ihr im Lichte der durch Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG geschützten Meinungsfreiheit keine Bedeutung beigelegt werden, die sie objektiv nicht hat, und im Fall der Mehrdeutigkeit darf nur dann von der zur Verurteilung führenden Deutung ausgegangen werden, wenn andere, straflose Deutungsmöglichkeiten mit tragfähigen Gründen ausgeschlossen werden können7.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 28. Juli 2016 – 3 StR 149/16

  1. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/07, BGHR StGB § 130 Nr. 1 Auffordern 1 []
  2. BGH aaO []
  3. MünchKomm-StGB/Schäfer, 2. Aufl., § 130 Rn. 47 []
  4. MünchKomm-StGB/Schäfer aaO []
  5. BVerfG, Beschluss vom 25.03.2008 – 1 BvR 1753/03, NJW 2008, 2907, 2908; BGH, Urteil vom 14.03.1984 – 3 StR 36/84, BGHSt 32, 310, 313; S/S-Sternberg-Lieben, StGB, 29. Aufl., § 130 Rn. 5b; vgl. auch OLG München, Beschluss vom 09.02.2010 – 5 St RR 9/10/II, NStZ 2011, 41, 42 []
  6. BVerfG, Beschluss vom 04.02.2010 – 1 BvR 369/04 u.a., NJW 2010, 2193, 2194 []
  7. BVerfG, Beschlüsse vom 10.10.1995 – 1 BvR 1476/91 u.a., BVerfGE 93, 266, 295 f.; vom 25.03.2008 – 1 BvR 1753/03, NJW 2008, 2907, 2908; vom 04.02.2010 – 1 BvR 369/04 u.a. aaO; BGH, Urteile vom 15.12 2005 – 4 StR 283/05, NStZ-RR 2006, 305; vom 20.09.2011 – 4 StR 129/11 24; MünchKomm-StGB/Schäfer, 2. Aufl., § 130 Rn. 110; S/S-Sternberg-Lieben, StGB, 29. Aufl., § 130 Rn. 5 []