Vor­sat­zirr­tum – und die Aus­kunft eines fach­kun­di­gen Bera­ters

Die blo­ße Beru­fung des Ange­klag­ten auf einen Ver­bots­irr­tum nötigt nicht dazu, einen sol­chen als gege­ben anzu­neh­men. Es bedarf viel­mehr einer Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de, die für das Vor­stel­lungs­bild des Ange­klag­ten von Bedeu­tung waren [1].

Vor­sat­zirr­tum – und die Aus­kunft eines fach­kun­di­gen Bera­ters

Denn der Täter hat bereits dann aus­rei­chen­de Unrechts­ein­sicht, wenn er bei Bege­hung der Tat mit der Mög­lich­keit rech­net, Unrecht zu tun, und dies bil­li­gend in Kauf nimmt. Es genügt mit­hin das Bewusst­sein, die Hand­lung ver­sto­ße gegen irgend­wel­che, wenn auch im Ein­zel­nen nicht klar vor­ge­stell­te gesetz­li­che Bestim­mun­gen [2].

Unver­meid­bar ist ein Ver­bots­irr­tum erst dann, wenn der Täter alle sei­ne geis­ti­gen Erkennt­nis­kräf­te ein­ge­setzt und etwa auf­kom­men­de Zwei­fel durch Nach­den­ken oder erfor­der­li­chen­falls durch Ein­ho­lung ver­läss­li­chen und sach­kun­di­gen Rechts­rats besei­tigt hat. Dabei müs­sen sowohl die Aus­kunfts­per­son als auch die Aus­kunft aus der Sicht des Täters ver­läss­lich sein; die Aus­kunft selbst muss zudem einen unrechts­ver­nei­nen­den Inhalt haben.

Eine Aus­kunft ist in die­sem Sin­ne nur dann ver­läss­lich, wenn sie objek­tiv, sorg­fäl­tig, ver­ant­wor­tungs­be­wusst und ins­be­son­de­re nach pflicht­ge­mä­ßer Prü­fung der Sachund Rechts­la­ge erteilt wor­den ist. Bei der Aus­kunfts­per­son ist dies der Fall, wenn sie die Gewähr für eine die­sen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­de Aus­kunfts­er­tei­lung bie­tet. Hin­zu kommt, dass der Täter nicht vor­schnell auf die Rich­tig­keit eines ihm güns­ti­gen Stand­punkts ver­trau­en und sei­ne Augen nicht vor gegen­tei­li­gen Ansich­ten und Ent­schei­dun­gen ver­schlie­ßen darf. Maß­ge­bend sind die jeweils kon­kre­ten Umstän­de, ins­be­son­de­re sei­ne Ver­hält­nis­se und Per­sön­lich­keit; daher sind zum Bei­spiel sein Bil­dungs­stand, sei­ne Erfah­rung und sei­ne beruf­li­che Stel­lung zu berück­sich­ti­gen [3].

Der Bera­ten­de muss voll­stän­di­ge Kennt­nis von allen tat­säch­lich gege­be­nen, rele­van­ten Umstän­den haben. Ins­be­son­de­re bei kom­ple­xen Sach­ver­hal­ten und erkenn­bar schwie­ri­gen Rechts­fra­gen ist regel­mä­ßig ein detail­lier­tes, schrift­li­ches Gut­ach­ten erfor­der­lich, um einen unver­meid­ba­ren Ver­bots­irr­tum zu begrün­den [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2019 – 1 StR 433/​18

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.10.2012 – 1 StR 213/​10, BGHSt 58, 15 Rn. 63[]
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 23.12 2015 – 2 StR 525/​13, BGHSt 61, 110 Rn. 53; vom 11.10.2012 – 1 StR 213/​10, BGHSt 58, 15 Rn. 65; und vom 16.05.2017 – – VI ZR 266/​16 Rn. 22, jew. mwN; zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Unbe­denk­lich­keit, vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.03.2006 – 2 BvR 954/​02 Rn. 25 f.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 11.10.2012 – 1 StR 213/​10, BGHSt 58, 15 Rn. 69 ff.; und vom 04.04.2013 – 3 StR 521/​12 Rn. 10 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 11.10.2012 – 1 StR 213/​10, BGHSt 58, 15 Rn. 74 mwN[]