Bank­rott – und die Fest­stel­lung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit

Der Schuld­ner ist im Sin­ne des § 17 Abs. 2 InsO zah­lungs­un­fä­hig, wenn er nicht in der Lage ist, sei­ne fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len.

Bank­rott – und die Fest­stel­lung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit

Die pro­zes­sua­le Fest­stel­lung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit erfolgt sowohl für das Insol­venz­ver­fah­ren 1 als auch im Insol­venz­straf­ta­ten betref­fen­den Straf­ver­fah­ren in der Regel durch eine betriebs­wirt­schaft­li­che Metho­de, die eine stich­tags­be­zo­ge­ne Gegen­über­stel­lung der fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten einer­seits und der zu ihrer Til­gung vor­han­de­nen oder kurz­fris­tig her­bei­zu­schaf­fen­den Mit­tel ande­rer­seits vor­aus­setzt 2.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann sich das Tat­ge­richt im Straf­pro­zess die Über­zeu­gung (§ 261 StPO) vom Vor­lie­gen der Zah­lungs­un­fä­hig­keit gemäß § 17 Abs. 2 InsO auch auf der Grund­la­ge wirt­schafts­kri­mi­na­lis­ti­scher Beweis­an­zei­chen bil­den, zu denen etwa das Igno­rie­ren von Rech­nun­gen oder Mah­nun­gen sowie geschei­ter­te Voll­stre­ckungs­ver­su­che gehö­ren 3.

Die auf sol­che Wei­se fest­stell­ba­re Zah­lungs­un­fä­hig­keit ist aller­dings von der blo­ßen, straf­tat­be­stand­lich nicht genü­gen­den Zah­lungs­sto­ckung abzu­gren­zen 4. Dazu muss zusätz­lich zur stich­tags­be­zo­ge­nen Gegen­über­stel­lung eine Pro­gno­se erstellt wer­den, ob inner­halb einer Drei-Wochen-Frist mit der Wie­der­her­stel­lung der Zah­lungs­fä­hig­keit sicher zu rech­nen ist, etwa durch Kre­di­te, Zufüh­rung von Eigen­ka­pi­tal, Ein­nah­men aus dem nor­ma­len Geschäfts­be­trieb oder Ver­äu­ße­rung von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den 5.

Zwar setzt die Fäl­lig­keit von For­de­run­gen, zu deren voll­stän­di­ger Erfül­lung der Schuld­ner wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt oder inner­halb ange­mes­se­ner Frist nicht mehr in der Lage ist, vor­aus, dass – über die Fäl­lig­keit i.S.v. § 271 BGB hin­aus – die geschul­de­te Leis­tung "ernst­haft ein­ge­for­dert" wird. Dies ist der Fall, wenn eine Hand­lung des Gläu­bi­gers gege­ben ist, aus der sich der Wil­le ergibt, die Erfül­lung mög­li­cher Zah­lungs­an­sprü­che zu ver­lan­gen 6. Die­ses Ein­for­dern, an das ohne­hin kei­ne hohen Anfor­de­run­gen zu stel­len sind 7, ergibt sich bereits aus dem Umstand des jeweils erfolg­rei­chen Ein­kla­gens der For­de­run­gen, das zu rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dun­gen dar­über geführt hat. Wird eine gel­tend gemach­te For­de­rung rechts­kräf­tig zuge­spro­chen, besteht die­se von Anfang an und ist des­halb bei der Prü­fung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit zu berück­sich­ti­gen 8. Die mate­ri­el­le Berech­ti­gung ent­spre­chend titu­lier­ter For­de­run­gen ist zwar grund­sätz­lich nicht im Insol­venz­ver­fah­ren zu prü­fen 9, son­dern außer­halb des­sen gel­tend zu machen. Sind sol­che For­de­run­gen, wie die hier frag­li­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che, aber rechts­kräf­tig zuer­kannt und kann des­halb aus ihnen sogleich voll­streckt wer­den, müs­sen sie bei der Bewer­tung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit berück­sich­tigt wer­den. Auf die mate­ri­el­le Rich­tig­keit der zugrun­de lie­gen­den Urtei­le kommt es dann im Hin­blick auf das Kri­sen­merk­mal nicht an. Die von der Revi­si­on ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, die Straf­ge­rich­te müss­ten selbst bei rechts­kräf­tig zuer­kann­ten For­de­run­gen deren mate­ri­el­le Berech­ti­gung eigen­stän­dig prü­fen, geht sowohl an den insol­venz­recht­li­chen Anfor­de­run­gen des § 17 Abs. 2 InsO als auch dem Schutz­zweck des § 283 StGB vor­bei.

Dem Vor­han­den­sein von Ver­mö­gen kommt für die Beur­tei­lung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit als Geld­il­li­qui­di­tät ledig­lich im Rah­men der Pro­gno­se über die kurz­fris­tig mög­li­che Wie­der­her­stel­lung der Zah­lungs­fä­hig­keit Bedeu­tung zu.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Juli 2018 – 1 StR 605/​16

  1. vgl. nur BGH, Urteil vom 12.10.2017 – – IX ZR 50/​15, NJW 2018, 396, 398[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 12.04.2018 – 5 StR 538/​17, NStZ-RR 2018, 216 f. mwN sowie vom 16.05.2017 – 2 StR 169/​15, wis­tra 2017, 495, 498[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 21.08.2013 – 1 StR 665/​12, NJW 2014, 164, 165; vom 23.07.2015 – 3 StR 518/​14, NStZ-RR 2015, 341, 342; und vom 12.04.2018 – 5 StR 538/​17, NStZ-RR 2018, 216 f. jeweils mwN[]
  4. sie­he nur BGH, Beschluss vom 12.04.2018 – 5 StR 538/​17, NStZ-RR 2018, 216 f.; näher Radtke/​Petermann in Mün­che­ner Kom­men­tar zum StGB, 2. Aufl., Vor §§ 283 ff. Rn. 77 mwN[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 21.08.2013 – 1 StR 665/​12, NJW 2014, 164, 165; und vom 12.04.2018 – 5 StR 538/​17, NStZ-RR 2018, 216 f.[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 19.07.2007 – – IX ZB 36/​07, BGHZ 173, 286, 293; und vom 16.05.2017 – 2 StR 169/​15, wis­tra 2017, 495, 498[]
  7. BGH, Beschluss vom 16.05.2017 – 2 StR 169/​15, wis­tra 2017, 495, 498[]
  8. sie­he nur Ch. Brand in Bitt­mann [Hrsg.], Pra­xis­hand­buch Insol­venz­straf­recht, 2. Aufl., § 12 Rn. 46 mwN[]
  9. sie­he nur BGH, Beschluss vom 23.06.2016 – – IX ZB 18/​15, DB 2016, 1929, 1930 f. mwN[]