Kei­ne Ver­zin­sung einer Geld­bu­ße

Das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf hält die im Gesetz gegen Wett­be­werbs­be­schrän­kun­gen vor­ge­se­he­ne Ver­zin­sung einer Kar­tell-Geld­bu­ße für ver­fas­sungs­wid­rig und hat die Fra­ge daher dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ent­schei­dung vor­ge­legt.

Kei­ne Ver­zin­sung einer Geld­bu­ße

Hin­ter­grund die­ser Rich­ter­vor­la­ge ist ein Kar­tell­ver­fah­ren gegen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men: Das Bun­des­kar­tell­amt hat­te im Jahr 2005 gegen 16 Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men sowie deren Vor­stän­de und eini­ge lei­ten­de Mit­ar­bei­ter wegen unzu­läs­si­ger Kar­tell­ab­spra­chen Buß­gel­der in Höhe von ca. 150 Mio. € ver­hängt. Gegen die hier betrof­fe­ne Ver­si­che­rung war ein Buß­geld in Höhe von 6 Mio. € ver­hängt wor­den. Die Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men hat­ten zwi­schen Juli 1999 und März 2003 wett­be­werbs­be­schrän­ken­de Abspra­chen für die Ver­si­che­rungs­spar­ten der indus­tri­el­len Sach­ver­si­che­run­gen und Trans­port­ver­si­che­run­gen getrof­fen.

Nach­dem das Unter­neh­men zunächst Ein­spruch gegen die Beschei­de des Bun­des­kar­tell­am­tes ein­ge­legt und das Buß­geld­ver­fah­ren vor dem 1. Kar­tell­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts begon­nen hat­te, hat der Ver­si­che­rer im Jahr 2009 dann sei­nen Ein­spruch zurück­ge­nom­men.

Das Bun­des­kar­tell­amt for­der­te nach Zah­lung der fest­ge­setz­ten Geld­bu­ße von dem Ver­si­che­rer mit Beschluss vom 11.03.2011 für die Zeit von April 2005 bis Juli 2009 Zin­sen in Höhe von 1,7 Mil­lio­nen Euro. Die Behör­de hat sich hier­bei auf § 81 Absatz 6 GWG gestützt, der vor­sieht, dass in einem Kar­tell-Buß­geld­be­scheid fest­ge­setz­te Geld­bu­ßen gegen juris­ti­sche Per­so­nen und Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen zwei Wochen nach Zustel­lung des Buß­geld­be­schei­des zu ver­zin­sen sind. Mit die­ser Zins­re­ge­lung soll ver­mie­den wer­den, dass Ein­sprü­che nur des­halb ein­ge­legt wer­den, um die Zah­lung einer Geld­bu­ße zu ver­zö­gern und sich so einen unge­recht­fer­tig­ten Zins­vor­teil zu ver­schaf­fen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf hält die Zins­be­stim­mung jedoch für ver­fas­sungs­wid­rig und sieht einen Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­grund­satz (Arti­kel 3 Absatz 1 GG). So grei­fe die Zins­pflicht nur für Buß­gel­der in Kar­tell-Buß­geld­ver­fah­ren. Geld­bu­ßen aus ande­ren Rechts­be­rei­chen, wie etwa dem Straßenverkehrs‑, Umwelt- oder Daten­schutz­recht, wür­den nicht ver­zinst. Fer­ner gel­te die Zins­pflicht nur für juris­ti­sche Per­so­nen. Ein­zel­kauf­leu­te sowie han­deln­de Per­so­nen (z. B. Vor­stän­de und Geschäfts­füh­rer) müss­ten kei­ne Zin­sen auf ver­häng­te Buß­gel­der zah­len. Dar­über hin­aus sei eine Ver­zin­sung nur dann vor­ge­se­hen, wenn die Kar­tell-Geld­bu­ße in einem Buß­geld­be­scheid fest­ge­setzt wer­de. Wer­de ein Unter­neh­men durch ein gericht­li­ches Urteil zu einer Geld­bu­ße ver­ur­teilt, ent­fal­le die Zins­pflicht. So wer­de auch der Geset­zes­zweck ver­fehlt, weil die gel­ten­de Rege­lung einen Buß­geld­schuld­ner gera­de­zu auf­for­de­re, Ein­spruch ein­zu­le­gen, um sich dann durch ein gericht­li­ches Urteil – zins­frei zu einer Geld­bu­ße ver­ur­tei­len zu las­sen.

Vor dem Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf sind par­al­lel gela­ger­te Ver­fah­ren anhän­gig, in denen das Bun­des­kar­tell­amt gegen wei­te­re 14 Indus­trie­ver­si­che­rer Zin­sen in Höhe von ins­ge­samt mehr als 25 Mio. € fest­ge­setzt hat. Die­se Ver­fah­ren sind bis zur Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zunächst aus­ge­setzt wor­den.

Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf, Beschluss vom 30. Mai 2011 – V-1 Kart 1/​11 (OWi)