26 Sei­ten Zitat ohne Kenn­zeich­nung

Wer­den in einer Dis­ser­ta­ti­on Pas­sa­gen von ande­ren Autoren wort­gleich über­nom­men, reicht es nicht aus, die Wer­ke im Lite­ra­tur­ver­zeich­nis auf­zu­neh­men. Fehlt es an einer zusätz­li­chen Kenn­zeich­nung der über­nom­me­nen Pas­sa­gen etwa durch Anfüh­rungs­zei­chen, lie­gen die recht­li­chen Vorraus­set­zun­gen für die Ver­lei­hung des Dok­tor­gra­des nicht vor.

26 Sei­ten Zitat ohne Kenn­zeich­nung

So die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Frei­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des der Toch­ter eines ehe­ma­li­gen baye­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten. Die Uni­ver­si­tät Kon­stanz hat ihr den Dok­tor­grad ent­zo­gen, woge­gen sie Kla­ge erhob.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Frei­burg habe die Klä­ge­rin in ihrer Dis­ser­ta­ti­on in ganz erheb­li­chem Umfang Pas­sa­gen aus ins­ge­samt 8 Wer­ken ande­rer Autoren wort­gleich oder nahe­zu wort­gleich über­nom­men, ohne das etwa durch die Ver­wen­dung von Anfüh­rungs­zei­chen oder auf ande­re gleich­wer­ti­ge Wei­se kennt­lich zu machen. Dass sie die Wer­ke in ihrem Lite­ra­tur­ver­zeich­nis auf­ge­nom­men habe, stel­le die Berech­ti­gung des Pla­gi­ats­vor­wurfs nicht in Fra­ge; denn der Leser eines wis­sen­schaft­li­chen Werks erwar­te, dass wört­li­che Über­nah­men aus ande­ren Wer­ken bei den jewei­li­gen Text­stel­len als Zita­te oder auf ande­re geeig­ne­te Wei­se kennt­lich gemacht wer­den. Dass auf meh­re­ren Sei­ten in Fuß­no­ten auf die Dritt­tex­te ver­wie­sen wor­den sei, genü­ge nicht. Ohne kla­re Kennt­lich­ma­chung als Zitat erwe­cke die Klä­ge­rin mit der Nen­nung des frem­den Wer­kes und des Autors ledig­lich in einer Fuß­no­te den Ein­druck, sie habe die Aus­sa­gen in die­sem Werk als Teil der eige­nen Argu­men­ta­ti­on ver­ar­bei­tet. Im Übri­gen habe sie an zahl­rei­chen Stel­len ihrer Dis­ser­ta­ti­on, an denen sie frem­de Tex­te wort­gleich über­nom­men habe, die Autoren nicht ein­mal in Fuß­no­ten ange­ge­ben. Hin­zu­wei­sen sei bei­spiels­wei­se auf die 26 Sei­ten der Dis­ser­ta­ti­on, die nahe­zu wort­gleich ohne Kenn­zeich­nung als Zitat aus einem ande­ren Werk über­nom­men wor­den sei­en. Auch den größ­ten Teil der in die­sem Werk ent­hal­te­nen umfang­rei­chen Fuß­no­ten habe die Klä­ge­rin wort­gleich in ihre Dis­ser­ta­ti­on ein­ge­ar­bei­tet. An kei­ner die­ser Sei­ten ihrer Dis­ser­ta­ti­on wer­de aber auf das ande­re Werk in Fuß­no­ten hin­ge­wie­sen.

Die erheb­li­chen Nach­tei­le, die die rück­wir­ken­de Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des für die Klä­ge­rin in beruf­li­cher, gesell­schaft­li­cher und fami­liä­rer Hin­sicht nach sich zie­he, habe die Uni­ver­si­tät Kon­stanz bei ihrer Ermes­sens­ent­schei­dung berück­sich­tigt. Dass die öffent­li­chen Inter­es­sen an der rück­wir­ken­den Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des im Ergeb­nis höher bewer­tet wor­den sei­en, sei aber recht­lich in kei­ner Wei­se zu bean­stan­den. Ohne Erfolg blei­be die Rüge der Klä­ge­rin, die Beklag­te habe die Pflicht zur wis­sen­schaft­li­chen Betreu­ung wäh­rend der Anfer­ti­gung und Bewer­tung der Dis­ser­ta­ti­on ver­letzt. Mit der Ein­rei­chung der Dis­ser­ta­ti­on sei die Klä­ge­rin ver­pflich­tet gewe­sen, alle wört­lich oder sinn­ge­mäß über­nom­me­nen Gedan­ken frem­der Autoren kennt­lich zu machen. Dass der Betreu­er ihrer Dis­ser­ta­ti­on sie hier­auf nicht aus­drück­lich auf­merk­sam gemacht habe, stel­le kei­ne Ver­let­zung der wis­sen­schaft­li­chen Betreu­ungs­pflicht dar. Er habe viel­mehr ohne wei­te­res davon aus­ge­hen kön­nen, dass ihr als Dok­to­ran­din die­se ele­men­ta­ren Grund­sät­ze wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens bekannt sei­en.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 23. Mai 2012 – 1 K 58/​12