Abschie­be­haft, Haft­an­trag – und die Dar­le­gun­gen zur vor­aus­sicht­li­chen Haft­dau­er

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung. Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht.

Abschie­be­haft, Haft­an­trag – und die Dar­le­gun­gen zur vor­aus­sicht­li­chen Haft­dau­er

Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen zu der zwei­fels­frei­en Aus­rei­se­pflicht, zu den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen, zu der Erfor­der­lich­keit der Haft, zu der Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung und zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 bis 5 FamFG).

Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Falls wesent­li­chen Punk­te anspre­chen.

Fehlt es dar­an, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den 1.

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nicht, wenn er kei­ne aus­rei­chen­den Anga­ben zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er ent­hält, dar­in ledig­lich auf die als pro­blem­los bezeich­ne­te Passersatz­pa­pier­be­schaf­fung hin­ge­wie­sen wird und im übri­gen nur aus­ge­führt wird, der bean­trag­te Haft­zeit­raum von acht Wochen kön­ne den­noch not­wen­dig wer­den, weil auf­grund der erheb­li­chen Straf­fäl­lig­keit des Betrof­fe­nen eine beglei­te­te Rück­füh­rung durch die Bun­des­po­li­zei gebo­ten sei. Der Flug­ter­min hän­ge von den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Begleit­be­am­ten sowie davon ab, ob evtl. noch Visa besorgt wer­den müss­ten.

Die­se all­ge­mein gehal­te­nen Aus­füh­run­gen sind vor dem Hin­ter­grund, dass die Haft auf die kür­zest mög­li­che Dau­er zu beschrän­ken ist (§ 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG) 2 unzu­rei­chend. Anga­ben zu den ein­zel­nen erfor­der­li­chen Schrit­ten und die inso­weit für die Bear­bei­tung kon­kret anzu­set­zen­den Zeit­räu­me ent­hält der Haft­an­trag nicht.

Män­gel in der Antrags­be­grün­dung wegen feh­len­der Anga­be zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 FamFG) füh­ren zur Rechts­wid­rig­keit der auf Grund eines sol­chen Antra­ges erlas­se­nen Haft­an­ord­nung 3. Sie kön­nen aller­dings in dem gericht­li­chen Ver­fah­ren mit Wir­kung für die Zukunft geheilt wer­den. Die Behe­bung des Man­gels kann dadurch erfol­gen, dass die Behör­de von sich aus oder auf rich­ter­li­chen Hin­weis ihre Dar­le­gung ergänzt, dadurch die Lücken des Haft­an­trags schließt und der Betrof­fe­ne dazu Stel­lung neh­men kann. Der Man­gel kann aber auch dadurch beho­ben wer­den, dass das Gericht das Vor­lie­gen der an sich sei­tens der Behör­de nach § 417 Abs. 2 FamFG vor­zu­tra­gen­den Tat­sa­chen auf­grund eige­ner Ermitt­lun­gen von Amts wegen (§ 26 FamFG) in dem Beschluss fest­stellt 4.

Eine sol­che Hei­lung des Man­gels durch das Beschwer­de­ge­richt kann im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall schon des­halb nicht ein­ge­tre­ten sein, weil der Betrof­fe­ne in der Beschwer­de­instanz nicht per­sön­lich ange­hört wur­de. Eine Anhö­rung ist in die­sen Fäl­len zwin­gend erfor­der­lich, weil der Betrof­fe­ne zuvor (man­gels zuläs­si­gen Haft­an­trags) kei­ne Gele­gen­heit hat­te, zu den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen der gegen ihn ver­häng­ten Frei­heits­ent­zie­hung Stel­lung zu neh­men und damit die nach Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG zu beach­ten­de Ver­fah­rens vor­schrift des § 420 Abs. 1 Satz 1 FamFG nicht gewahrt ist 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Okto­ber 2016 – V ZB 8/​15

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13, Rn. 6 mwN[]
  2. näher BGH, Beschluss vom 10.05.2012 – V ZB 246/​11, FGPrax 2012, 225 Rn. 10; vgl. auch Beschluss vom 10.10.2013 – V ZB 67/​13[]
  3. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 18 ff.[]
  4. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, aaO, Rn. 21 ff.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2011 – V ZB 284/​10 9; Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 9; Beschluss vom 29.10.2015 – V ZB 67/​15 6[]