Auf­nah­me­ersu­chen im Dub­lin-Ver­fah­ren – und die Frist

Jeden­falls im Fall der Zustim­mung des ersuch­ten Mit­glied­staats zur Auf­nah­me begrün­den die in der Dub­lin II-Ver­ord­nung gere­gel­ten Fris­ten für die Stel­lung eines Auf­nah­me­ersu­chens kei­ne sub­jek­ti­ven Rech­te des Asyl­be­wer­bers.

Auf­nah­me­ersu­chen im Dub­lin-Ver­fah­ren – und die Frist

Daher konn­te es das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hier offen las­sen, ob das BAMF bei Stel­lung des Ersu­chens an Spa­ni­en in Bezug auf die Asyl­be­wer­be­rin die Frist nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dub­lin II-VO zu beach­ten hat­te und im Fal­le einer durch Frist­ver­säum­nis begrün­de­ten Zustän­dig­keit Spa­ni­ens für die Prü­fung des Asyl­an­trags sich die­se Zustän­dig­keit auch auf das mit der Asyl­be­wer­be­rin ein­ge­reis­te min­der­jäh­ri­ge Kind erstreck­te (Art. 4 Abs. 3 Dub­lin II-VO). Denn auf eine etwai­ge Nicht­be­ach­tung von Fris­ten für die Auf­nah­me oder Wie­der­auf­nah­me kön­nen sich die Asyl­be­wer­ber nicht beru­fen, weil die Fris­ten­re­ge­lung für sie kei­ne sub­jek­ti­ven Rech­te begrün­det.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat bereits ent­schie­den, dass das Feh­len einer Frist­vor­ga­be für die Stel­lung eines Wie­der­auf­nah­me­ersu­chens in der Dub­lin II-VO kei­ne Rege­lungs­lü­cke dar­stellt, die durch eine ana­lo­ge Anwen­dung von Art. 17 Abs. 1 Satz 2 Dub­lin II-VO zu schlie­ßen wäre1. Es fehlt aber an hin­rei­chen­den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen, dass auch die Asyl­be­wer­be­rin – wie ihre Kin­der – in Spa­ni­en einen Asyl­an­trag gestellt hat und des­halb auch auf sie das Ver­fah­ren der Wie­der­auf­nah­me nach Art.20 Dub­lin II-VO Anwen­dung fin­det. Hät­te die Asyl­be­wer­be­rin in Spa­ni­en kei­nen Asyl­an­trag gestellt, fän­den auf sie die Dub­lin-Regeln über die Auf­nah­me Anwen­dung und die Beklag­te hät­te mit der Unter­brei­tung des Gesuchs an Spa­ni­en mehr als zehn Mona­te nach der Asyl­an­trag­stel­lung die Drei-Monats-Frist des Art. 17 Abs. 1 Satz 2 Dub­lin II-VO ver­strei­chen las­sen. Damit wäre Deutsch­land für die Prü­fung des Asyl­an­trags zustän­dig.

Die Fra­ge, ob die Asyl­be­wer­be­rin vor­lie­gend n Spa­ni­en einen Asyl­an­trag gestellt hat, erweist sich jedoch nicht als ent­schei­dungs­er­heb­lich. Denn auf eine etwai­ge Nicht­be­ach­tung der in die­sem Fall zu beach­ten­den Drei-Monats-Frist für die Auf­nah­me nach Art. 17 Abs. 1 Satz 2 Dub­lin II-VO kön­nen sich die Asyl­be­wer­ber nicht beru­fen, weil die Fris­ten­re­ge­lung für sie kei­ne sub­jek­ti­ven Rech­te begrün­det.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in sei­nem Urteil in der Rechts­sa­che "Abdul­lahi" ent­schie­den, dass in einer Situa­ti­on wie der vor­lie­gen­den, in der der ersuch­te Mit­glied­staat der Auf­nah­me des Asyl­be­wer­bers zuge­stimmt hat, der Betrof­fe­ne der Ent­schei­dung, den Asyl­an­trag nicht zu prü­fen und den Asyl­be­wer­ber in einen ande­ren Mit­glied­staat zu über­stel­len, nur damit ent­ge­gen­tre­ten kann, dass er sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat gel­tend macht, die ernst­haf­te und durch Tat­sa­chen bestä­tig­te Grün­de für die Annah­me dar­stel­len, dass er tat­säch­lich Gefahr läuft, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 der GRC aus­ge­setzt zu wer­den2. Der­ar­ti­ge sys­te­mi­sche Män­gel sind im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren für Spa­ni­en weder gericht­lich fest­ge­stellt noch von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten vor­ge­tra­gen wor­den. In die­sem Fall kann sich ein Asyl­be­wer­ber nicht auf einen Frist­ab­lauf beru­fen, weil die Frist­be­stim­mun­gen des Dub­lin-Regimes für die (Wieder-)Aufnahme ledig­lich als zwi­schen den Mit­glied­staa­ten wir­ken­de Orga­ni­sa­ti­ons­vor­schrif­ten anzu­se­hen sind. Sie die­nen einer zeit­na­hen Fest­stel­lung des zustän­di­gen Mit­glied­staats, ohne dem Antrag­stel­ler dadurch einen Anspruch auf Prü­fung des Asyl­an­trags durch einen bestimm­ten Mit­glied­staat zu gewähr­leis­ten3. Ein erneu­ter Klä­rungs­be­darf die­ser Fra­ge ergibt sich inso­weit auch nicht aus zwei anhän­gi­gen Vor­la­ge­ver­fah­ren beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, da sich die­se nicht auf die Aus­le­gung der hier maß­geb­li­chen Dub­lin II-VO bezie­hen, son­dern auf die Fra­ge, ob die Rechts­la­ge bei Anwen­dung der Dub­lin III-VO anders zu beur­tei­len ist4.

Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen im Fall einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er eine Pflicht zum Selbst­ein­tritt des ersu­chen­den Mit­glied­staats nach Art. 3 Abs. 2 Dub­lin II-VO besteht5, braucht nicht ent­schie­den wer­den. Denn eine Ver­fah­rens­dau­er von etwas mehr als elf Mona­ten von der Asyl­an­trag­stel­lung bis zur Ertei­lung der Zustim­mung zur Wie­der­auf­nah­me weist jeden­falls kei­ne sol­che Über­län­ge auf.

Die Asyl­be­wer­ber kön­nen auch aus dem Recht auf eine gute Ver­wal­tung gemäß Art. 41 Abs. 1 der GRC kei­nen Anspruch auf Behand­lung ihrer Asyl­an­trä­ge durch Deutsch­land ablei­ten. Denn in der Recht­spre­chung des EuGH ist geklärt, dass sich die­ses Recht nach sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut aus­schließ­lich an die Orga­ne, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Uni­on rich­tet und nicht an die Mit­glied­staa­ten, selbst wenn die­se Uni­ons­recht anwen­den6.

Schließ­lich ergibt sich für die Asyl­be­wer­ber im Fall einer etwai­gen Frist­ver­let­zung bei der Stel­lung eines Auf­nah­me­ge­suchs an Spa­ni­en auch aus Art. 6 Abs. 1 EMRK kein Anspruch auf Behand­lung ihrer Asyl­an­trä­ge durch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Art. 6 Abs. 1 EMRK bezieht sich schon sei­nem Schutz­be­reich nach nicht auf das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor dem Bun­des­amt, son­dern ent­hält ledig­lich Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en für Gerichts­ver­fah­ren und im Übri­gen auch nur für sol­che Gerichts­ver­fah­ren, die zivil­recht­li­che Ansprü­che oder straf­recht­li­che Ankla­gen betref­fen. Hier­zu gehö­ren Strei­tig­kei­ten über Ein­rei­se, Auf­ent­halt und Aus­wei­sung von Aus­län­dern nicht7.

Die Abschie­bungs­an­ord­nung fin­det ihre Rechts­grund­la­ge in § 34a Abs. 1 AsylG. Die­se Vor­schrift ist mit den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen des Dub­lin-Rege­lungs­werks ver­ein­bar, wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 17.09.20158 näher aus­ge­führt hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Okto­ber 2015 – 1 C 32.2014 -

  1. BVerwG, Beschluss vom 15.04.2014 – 10 B 17.14; vgl. auch Beschluss vom 21.05.2014 – 10 B 31.14 []
  2. EuGH, Urteil vom 10.12 2013 – C‑394/​12 [ECLI:EU:C:2013:813], Abdul­lahi, Rn. 60 []
  3. so auch Hail­bron­ner, Aus­län­der­recht, Stand: März 2015, § 27a AsylVfG Rn. 65; Fun­ke-Kai­ser, in: GK-Auf­en­thG, Stand: Novem­ber 2014, § 27a AsylVfG Rn.196.01.; Berg­mann, ZAR 2015, 81, 84 []
  4. Vor­la­ge der Recht­bank Den Haag/​Nie­der­lan­de vom 12.02.2015 – C‑63/​15 – Ghe­zel­bash und Vor­la­ge des Kammar­rät­ten i Stock­holm/​Schweden vom 01.04.2015 – C‑155/​15 – Karim []
  5. vgl. dazu EuGH, Urtei­le vom 21.12 2011 – C‑411/​10 u.a., Rn. 108; und vom 14.11.2013 – C‑4/​11, Rn. 35 []
  6. EuGH, Urteil vom 11.12 2014 – C‑249/​13 [ECLI:EU:C:2014:2431], Boud­j­li­da, Rn. 32 m.w.N. []
  7. EGMR, Urteil vom 17.05.2011 – Nr. 43408/​08, Izev­bek­hai u.a./Irland, NVwZ 2012, 686 Rn. 83; Ent­schei­dung vom 24.03.2015 – Nr. 37074/​13, Kerkez/​Deutschland – EuGRZ 2015, 464 Rn. 40 []
  8. BVerwG, Urteil vom 17.09.2015 – 1 C 26.14 []