Bei­hil­fe zur künst­li­chen Befruch­tung

Ein Beam­ter des Lan­des Baden-Würt­tem­berg kann für sei­ne Ehe­frau, die an Un­­fruchtbarkeit lei­det, grund­sätz­lich Bei­hil­fe zu den Auf­wen­dun­gen der Befruch­tung ihrer Eizel­len mit Samen­zel­len eines Spen­ders außer­halb des Mut­ter­leibs (hete­ro­lo­ge In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on) bean­spru­chen.

Bei­hil­fe zur künst­li­chen Befruch­tung

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall sind der Klä­ger, ein im Dienst des Lan­des Baden-Würt­tem­berg ste­hen­der Beam­ter, und sei­ne Ehe­frau unfrucht­bar. Der Klä­ger lei­det unter einer Azoo­sper­mie, d.h. ihm ist es infol­ge völ­li­gen Feh­lens von Samen­zel­len nicht mög­lich, gene­tisch eige­ne Kin­der zu zeu­gen. Bei der Ehe­frau des Klä­gers ist die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Eilei­ter gestört. Aus die­sem Grund lie­ßen der Klä­ger und sei­ne Ehe­frau Anfang 2010 eine künst­li­che Befruch­tung in Form der hete­ro­lo­gen In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on durch­füh­ren. Die Kos­ten hier­für ein­schließ­lich der hor­mo­nel­len Vor­be­hand­lung der Ehe­frau belie­fen sich auf rund 3 600 €. Das Land Baden-Würt­tem­berg lehn­te die Gewäh­rung von Bei­hil­fe hier­für ab.

Die Bei­hil­fe­vor­schrif­ten des Lan­des Baden-Würt­tem­berg ent­hal­ten kei­ne spe­zi­el­le Rege­lung über die Bei­hil­fe­fä­hig­keit medi­zi­ni­scher Maß­nah­men zur Her­bei­füh­rung einer Schwan­ger­schaft. Dem­ge­gen­über sehen die Bestim­mun­gen des Bun­des und der meis­ten ande­ren Län­der sowie das Recht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 27a SGB V) eine sol­che Rege­lung vor. Danach ist die Erstat­tungs­fä­hig­keit auf die künst­li­che Befruch­tung unter Ver­wen­dung der Ei- und Samen­zel­len von Ehe­gat­ten (homo­lo­ge künst­li­che Befruch­tung) beschränkt.

Ob die Auf­wen­dun­gen für eine Befruch­tung der Eizel­len der Ehe­frau eines Beam­ten mit den Samen­zel­len eines Spen­ders im Reagenz­glas bei­hil­fe­fä­hig sind, bestimmt sich daher in Baden-Würt­tem­berg nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die Bei­hil­fe­fä­hig­keit von Auf­wen­dun­gen bei Krank­heit.

In Anwen­dung die­ser Rege­lun­gen hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Sig­ma­rin­gen der Kla­ge im Umfang von rund 890 € statt­ge­ge­ben 1. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in Mann­heim hat die­ses Urteil geän­dert und die Kla­ge ins­ge­samt abge­wie­sen 2. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat jetzt das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs auf­ge­ho­ben und die Sache an die Vor­in­stanz nach Mann­heim zurück­ver­wie­sen:

Nach den all­ge­mei­nen baden-würt­tem­ber­gi­schen Vor­schrif­ten über die Bei­hil­fe im Krank­heits­fall sind aus Anlass einer Krank­heit Auf­wen­dun­gen für geson­dert erbrach­te und berech­ne­te ärzt­li­che Leis­tun­gen bei­hil­fe­fä­hig, wenn sie dem Grun­de nach not­wen­dig und der Höhe nach ange­mes­sen sind. Die orga­nisch beding­te Unfä­hig­keit des Klä­gers und sei­ner Ehe­frau, auf natür­li­chem Weg gene­tisch eige­ne Nach­kom­men zu zeu­gen bzw. zu emp­fan­gen, ist bei­hil­fe­recht­lich eine Krank­heit. Denn sie stellt einen regel­wid­ri­gen Kör­per­zu­stand dar, der vom Nor­mal­zu­stand der Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit erwach­se­ner Men­schen im zeu­gungs- bzw. gebär­fä­hi­gen Alter abweicht.

Ob die Auf­wen­dun­gen für die künst­li­che Befruch­tung mit den Samen­zel­len eines Spen­ders bei­hil­fe­recht­lich not­wen­dig sind, ist für den Klä­ger und sei­ne Ehe­frau getrennt und selbst­stän­dig zu beur­tei­len. Die­se Auf­wen­dun­gen sind bei­hil­fe­recht­lich not­wen­dig, wenn der ärzt­li­che Ein­griff die jewei­li­ge gestör­te Kör­per­funk­ti­on ersetzt und dadurch die Mög­lich­keit der Zeu­gung bzw. Emp­fäng­nis gene­tisch eige­ner Nach­kom­men (wieder-)eröffnet wird.

Das ist hin­sicht­lich des Klä­gers zu ver­nei­nen. Ihm kann auch durch die hete­ro­lo­ge In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on nicht zu einem von ihm gene­tisch abstam­men­den Kind ver­hol­fen wer­den.

Anders stellt es sich für die Ehe­frau des Klä­gers dar. Für sie kann Bei­hil­fe bean­sprucht wer­den, wenn auch die übri­gen Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Ob das der Fall ist, wird nun der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zu klä­ren haben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 10. Okto­ber 2013 – 5 C 32.12

  1. VG Sig­ma­rin­gen, Urteil vom 26.09.2011 – 3 K 3899/​10[]
  2. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 14.02.2012 – 2 S 3010/​11[]