Die nach­träg­li­che Ver­ord­nung von Arz­nei­mit­tel und die Bei­hil­fe

Bei der nach­träg­li­chen Ver­ord­nung von Arz­nei­mit­teln besteht kein Bei­hil­fe­an­spruch. Aus dem Sinn des ärzt­li­chen Ver­ord­nungs­zwan­ges ergibt sich, dass die Ver­ord­nung vor der Beschaf­fung des Arz­nei­mit­tels vor­lie­gen muss. Die Annah­me eines Aus­nah­me­fal­les kommt allen­falls in Betracht, wenn eine vor­he­ri­ge Ver­ord­nung ent­we­der aus­ge­schlos­sen oder unzu­mut­bar war.

Die nach­träg­li­che Ver­ord­nung von Arz­nei­mit­tel und die Bei­hil­fe

Der Bei­hil­fe­an­spruch des Beam­ten bestimmt sich gemäß § 87 c Abs. 1 NBG 1 nach den Bei­hil­fe­vor­schrif­ten des Bun­des 2 (BhV). Zu dem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­punkt des Ent­ste­hens der Auf­wen­dun­gen war die Über­gangs­zeit, für die die Rege­lung des Bei­hil­fe­rechts auf­grund all­ge­mei­ner Ver­wal­tungs­vor­schrift noch hin­nehm­bar ist 3, noch nicht abge­lau­fen.

Gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 2 BhV sind aus Anlass einer Krank­heit die Auf­wen­dun­gen für die vom Arzt nach Art und Umfang schrift­lich ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­tel bei­hil­fe­fä­hig. Aus dem Sinn des ärzt­li­chen Ver­ord­nungs­zwan­ges ergibt sich, dass die Ver­ord­nung vor der Beschaf­fung des Arz­nei­mit­tels vor­lie­gen muss. Der Ver­ord­nungs­zwang soll die Beschaf­fung eines geeig­ne­ten Arz­nei­mit­tels sicher­stel­len und die Not­wen­dig­keit der Beschaf­fung glaub­haft machen. Die­se Zwe­cke kann die schrift­li­che ärzt­li­che Ver­ord­nung grund­sätz­lich nur erfül­len, wenn sie vor der Beschaf­fung des Arz­nei­mit­tels erfolgt und wenn sich aus der ärzt­li­chen Ver­ord­nung nicht nur die Not­wen­dig­keit dem Grun­de nach, son­dern auch Art und Umfang des Arz­nei­mit­tels erge­ben 4. Die­ser Aus­le­gung steht nicht ent­ge­gen, dass es Ein­zel­fäl­le wie den des Klä­gers geben kann, in denen die Zwe­cke des Ver­ord­nungs­zwan­ges einer nach­träg­li­chen Ver­ord­nung nicht zuwi­der lie­fen. Denn die Bei­hil­fe­vor­schrif­ten tref­fen im Inter­es­se der Ver­wal­tungs­prak­ti­ka­bi­li­tät zuläs­si­ger­wei­se pau­scha­lie­ren­de und typi­sie­ren­de Rege­lun­gen. Die sich dar­aus erge­ben­de Här­ten im Ein­zel­fall sind von den Beam­ten hin­zu­neh­men.

Sofern ent­ge­gen die­ser Sys­te­ma­tik die Mög­lich­keit einer aus­nahms­wei­sen nach­träg­li­chen Ver­ord­nung gese­hen wird 5, wären die Vor­aus­set­zun­gen für eine der­ar­ti­ge Aus­nah­me hier zu ver­nei­nen. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat in sei­nem Urteil kei­ne Kri­te­ri­en dafür defi­niert, hin­ge­gen geht die – vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg über­nom­me­ne – Kom­men­tie­rung von Schröder/​Beckmann/​Weber davon aus, dass ein Hin­de­rungs­grund für die vor­he­ri­ge Kon­sul­ta­ti­on eines Arz­tes vor­ge­le­gen haben muss. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver hat eine Aus­nah­me vom Ver­ord­nungs­zwang in Bezug auf Heil­be­hand­lun­gen allen­falls in Not­fäl­len, in denen die Behand­lung unver­züg­lich ein­ge­lei­tet wer­den muss, für mög­lich gehal­ten 6. Es ist daher davon aus­zu­ge­hen, dass die Annah­me eines Aus­nah­me­fal­les in Betracht kommt, wenn eine vor­he­ri­ge Ver­ord­nung ent­we­der aus­ge­schlos­sen oder unzu­mut­bar war. Dem Klä­ger und sei­ner Ehe­frau war es hin­ge­gen zumut­bar, für das benö­tig­te Medi­ka­ment Arim­idex eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Ver­ord­nung zu beschaf­fen. Sie hät­ten ent­we­der vor der Abrei­se nach Spa­ni­en dar­auf hin­wir­ken kön­nen, dass die behan­deln­de Frau­en­ärz­tin eine grö­ße­re Men­ge ver­ord­net, oder in Spa­ni­en einen Arzt zwecks Ver­schrei­bung auf­su­chen kön­nen. Der Klä­ger hat nicht dar­ge­legt, dass er aus unver­meid­ba­ren Grün­den vor dem Auf­bruch nach Spa­ni­en nicht erkannt hat, dass die ver­ord­ne­te Anzahl an Tablet­ten nicht aus­rei­chen wür­de. Außer­dem ist das vom Klä­ger ange­führ­te Motiv, zuguns­ten der Beklag­ten kei­ne unnö­ti­gen Kos­ten ver­ur­sa­chen zu wol­len, nicht geeig­net, die Unzu­mut­bar­keit der Kon­sul­ta­ti­on eines Arz­tes in Spa­ni­en zu begrün­den.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 12. April 2011 – 2 A 2386/​09

  1. in der bis zum 31.03.2009 gel­ten­den Fas­sung[]
  2. in der Fas­sung der 28. All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 30.01.2004[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.06.2004 – 2 C 50/​02, BVerw­GE 121, 103 ff.[]
  4. vgl. zur Ver­ord­nung von Hilfs­mit­teln gem. § 6 Abs. 1 Nr. 4 BhV: Nds. OVG, Urteil vom 13.10.1992 – 5 L 2413/​91, V.n.b.; im Ergeb­nis eben­so Schröder/​Beckmann/​Weber, Bei­hil­fe­vor­schrif­ten des Bun­des und der Län­der, zu § 6 BhV Anmer­kung 5 Zif­fer 6; Topka/​Möhle, Kom­men­tar zum Bei­hil­fe­recht Nie­der­sach­sens und des Bun­des, Erläu­te­rung zu § 6 Abs. 1 Nr. 2 BhV Zif­fer 4.5.1; VG Han­no­ver, Urtei­le vom 12.02.2010 – 2 A 1258/​08 (zur Ver­ord­nung einer Heil­be­hand­lung nach § 6 Abs. 1 Nr. 3); und vom 26.04.2010 – 13 A 1639/​08 (zur Ver­ord­nung eines Hilfs­mit­tels nach § 6 Abs. 1 Nr. 4 BhV) []
  5. vgl. Nds. OVG, Urteil vom 27.02.2001 – 5 L 5497/​98; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 07.03.1995 – 4 S 1192/​94; Schröder/​Beckmann/​Weber, a.a.O.[]
  6. VG Han­no­ver, Urteil vom 12.02.2010 – 2 A 1258/​08[]