Ver­sor­gungs­ehe – und die Wider­le­gung der gesetz­li­chen Ver­mu­tung

Bei der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung (Wit­wen­geld) ste­hen der Wit­we für die Wider­le­gung der gesetz­li­chen Ver­mu­tung einer Ver­sor­gungs­ehe alle Beweis­mit­tel zur Ver­fü­gung. Es sind nicht nur "äuße­re, objek­tiv erkenn­ba­re", son­dern auch "inne­re, sub­jek­ti­ve" Umstän­de – ins­be­son­de­re die Moti­ve der Ehe­gat­ten bei der Hei­rat – von Bedeu­tung. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.

Ver­sor­gungs­ehe – und die Wider­le­gung der gesetz­li­chen Ver­mu­tung

Nach § 19 Abs. 1 BeamtVG erhält die Wit­we eines Lebens­zeit- oder Ruhe­stands­be­am­ten Wit­wen­geld. Das gilt aller­dings u.a. dann nicht, wenn die Ehe nicht min­des­tens ein Jahr gedau­ert hat, "es sei denn, dass nach den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les die Annah­me nicht gerecht­fer­tigt ist, dass es der allei­ni­ge oder über­wie­gen­de Zweck der Hei­rat war, der Wit­we eine Ver­sor­gung zu ver­schaf­fen." Nach § 28 BeamtVG gilt Ent­spre­chen­des für den Wit­wer einer Beam­tin.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall leb­ten die Klä­ge­rin und ihr spä­te­rer Ehe­mann – ein Beam­ter auf Lebens­zeit – seit 2004 in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft, hat­ten sich ver­lobt und nach drei Jah­ren Hoch­zeits­vor­be­rei­tun­gen getrof­fen, die Hei­rat dann aber zurück­ge­stellt. Im Herbst 2010 wur­de bei dem Beam­ten eine lebens­be­droh­li­che Krank­heit dia­gnos­ti­ziert, auf deren Behand­lung er zunächst gut ansprach. Im Janu­ar 2011 hei­ra­te­ten sie. Bei einer nach­fol­gen­den Behand­lung im Febru­ar 2011 trat eine Kom­pli­ka­ti­on auf, an der der Beam­te im März 2011 ver­starb.

Der Antrag der Ehe­frau auf Gewäh­rung von Wit­wen­geld ist beim Dienst­herrn und in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Trier 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in Koblenz 2 erfolg­los geblie­ben, weil nach dem äuße­ren Gesamt­bild der Hei­rat die Ver­sor­gungs­ab­sicht im Vor­der­grund gestan­den habe. Die gesetz­li­che Ver­mu­tung einer Ver­sor­gungs­ehe sei nicht durch objek­tiv erkenn­ba­re, äuße­re Umstän­de – auf die es allein ankom­me – wider­legt wor­den. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auf die Revi­si­on der Ehe­frau das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Koblenz zurück­ver­wie­sen:

Eine Beschrän­kung der Bewei­s­tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel bei der Wider­le­gung der gesetz­li­chen Ver­mu­tung einer Ver­sor­gungs­ehe, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, wäre mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes nach Art.19 Abs. 4 GG unver­ein­bar. Der Hin­ter­blie­be­ne trägt die Beweis­last für einen ande­ren Zweck der Hei­rat als den der Ver­sor­gung. Des­halb müs­sen ihm alle Beweis­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen.

Es ist Auf­ga­be der Ver­sor­gungs­be­hör­den und ggfs. danach der Gerich­te zu prü­fen, ob der Vor­trag hier­zu schlüs­sig und glaub­haft ist. Im Fal­le der Hei­rat (erst) in Kennt­nis einer lebens­be­droh­li­chen Erkran­kung des Beam­ten kann ein "beson­de­rer Umstand", der die Annah­me einer Ver­sor­gungs­ab­sicht wider­le­gen kann, dar­in lie­gen, dass der Hei­rats­ent­schluss schon vor der Erkran­kung gefasst wor­den war, die Hei­rat aber aus wirk­lich­keits­na­hen Grün­den auf­ge­scho­ben, der Hei­rats­ent­schluss jedoch nicht auf­ge­ge­ben wur­de.

Da die Fest­stel­lun­gen des OVG Rhein­land-Pfalz nicht aus­rei­chen, um den Zweck der Hei­rat im vor­lie­gen­den Fall zu beur­tei­len, war die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 28. Janu­ar 2016 – 2 C 21.2014 -

  1. VG Trier, Urteil vom 29.11.2011 – 1 K 1053/​11.TR[]
  2. OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 20.02.2013 – 10 A 10773/​12.OVG[]