Bei­trags­be­mes­sung bei der Tier­seu­chen­kas­se

Die Tier­seu­chen­kas­se darf bei der Berech­nung ihrer Bei­trags­sät­ze auch Auf­wen­dun­gen für prä­ven­ti­ve Schutz­imp­fun­gen berück­sich­ti­gen.

Bei­trags­be­mes­sung bei der Tier­seu­chen­kas­se

Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für die in § 4 Nr. 2 der Haus­halts­sat­zung 2009 ent­hal­te­nen Fest­set­zun­gen ist § 20 Abs. 3 AGTierSG. Danach wer­den die Bei­trags­sät­ze in der Haus­halts­sat­zung fest­ge­legt. Hin­sicht­lich der Höhe der Bei­trags­sät­ze ord­net § 20 Abs. 4 Satz 1 AGTierSG eine Errech­nung aus dem vor­aus­sicht­li­chen Gesamt­auf­wand für die ein­zel­ne Tier­art an. Von den Tier­be­sit­zern wer­den dem­nach – tier­art­be­zo­gen – die zur Deckung des Auf­wands der Tier­seu­chen­kas­se erfor­der­li­chen Bei­trä­ge erho­ben (vgl. § 20 Abs. 1 Satz 1 AGTierSG). Ent­schei­dend ist somit, ob der kal­ku­la­to­risch ange­setz­te Auf­wand zur Erfül­lung der Auf­ga­ben der Tier­seu­chen­kas­se erfor­der­lich ist.

Die auf § 71 Abs. 1 Satz 1 TierSG 1 beru­hen­de Kom­pe­tenz­zu­wei­sung für die Tier­seu­chen­kas­se umfasst zwar nur Ent­schä­di­gun­gen für Tier­ver­lus­te. Dies ergibt sich bereits aus der amt­li­chen Über­schrift von § 66 TierSG, die den Abschnitt mit „Ent­schä­di­gung für Tier­ver­lus­te“ über­schreibt, und ist in § 66 TierSG auch aus­drück­lich ange­ord­net 2. Die finan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen für prä­ven­ti­ve Impf­maß­nah­men wer­den von der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge in § 71 Abs. 1 Satz 1 TierSG daher nicht umfasst.

Zutref­fend hat die Tier­seu­chen­kas­se indes aus­ge­führt, dass der Tier­seu­chen­kas­se Baden-Würt­tem­berg nicht nur die in § 9 Satz 1 AGTierSG ange­spro­che­ne Zustän­dig­keit für die Ent­schä­di­gun­gen nach den Vor­schrif­ten des Tier­seu­chen­ge­set­zes zuge­spro­chen wor­den ist. Denn die Sät­ze 2 bis 5 der Vor­schrift ent­hal­ten wei­te­re, durch das Lan­des­recht eigen­stän­dig begrün­de­te Auf­ga­ben der Tier­seu­chen­kas­se. Die­se lan­des­ge­setz­lich begrün­de­te Zustän­dig­keit ist in kom­pe­ten­zi­el­ler Hin­sicht nicht zu bean­stan­den. Zwar hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber von der ihm durch Art. 74 Abs. 1 Nr. 19 GG ein­ge­räum­ten Mög­lich­keit, Rege­lun­gen über Maß­nah­men gegen gemein­ge­fähr­li­che oder über­trag­ba­re Krank­hei­ten bei Tie­ren zu erlas­sen, Gebrauch gemacht. Die dies­be­züg­li­chen Vor­schrif­ten des Tier­seu­chen­ge­set­zes ste­hen den ein­schlä­gi­gen Auf­ga­ben­zu­wei­sun­gen in § 9 Satz 2 bis Satz 5 AGTierSG indes nicht ent­ge­gen. Denn abschlie­ßen­de Voll­re­ge­lun­gen, die eine Rechts­set­zung der Län­der aus­schlie­ßen wür­den (vgl. Art. 72 Abs. 1 GG), sind im Tier­seu­chen­ge­setz nur in Bezug auf die Ent­schä­di­gung für Tier­ver­lus­te getrof­fen 3. Bestim­mun­gen zu sons­ti­gen Bei­hil­fen oder finan­zi­el­len Unter­stüt­zun­gen ent­hält das Tier­seu­chen­ge­setz dage­gen nicht.

Die­se Lücke ist ange­sichts der ein­deu­ti­gen Motiv­la­ge 4 nicht abschlie­ßend und eine lan­des­recht­li­che Rege­lung ver­hin­dernd gedacht, son­dern belässt dem jewei­li­gen Lan­des­ge­setz­ge­ber Raum für eigen­stän­di­ge Ent­schei­dun­gen. Die Fra­ge der den Län­dern ver­blei­ben­den Rege­lungs­kom­pe­tenz ist im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren aus­drück­lich ange­spro­chen wor­den. Dabei hat­te der Bun­des­rat eine klar­stel­len­de Rege­lung ange­regt, um die den Län­dern zuste­hen­de Befug­nis, die Ver­wen­dung von Tier­seu­chen­bei­trä­gen für vor­beu­gen­de Maß­nah­men zu ermög­li­chen, deut­lich zu machen 5. Der Gegen­vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung sah zwar eben­falls eine Län­der­be­fug­nis für die Gewäh­rung wei­ter­ge­hen­der Bei­hil­fen vor, die­se war jedoch enger gefasst und tat­be­stand­lich an das Vor­lie­gen von Tier­schä­den geknüpft 6. Bei­de Ent­wür­fe sind nach Anru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses in der ver­ab­schie­de­ten Geset­zes­fas­sung indes gestri­chen wor­den. Aus­weis­lich der vom Bun­des­rat gege­be­nen Begrün­dung für die Anru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses wären durch die von der Bun­des­re­gie­rung vor­ge­se­he­nen Ände­run­gen „die Befug­nis­se der Län­der zur Rege­lung der Gewäh­rung von Bei­hil­fen aus Bei­trä­gen der Tier­seu­chen­kas­sen in nicht ver­tret­ba­rer Wei­se“ ein­ge­engt wor­den. Durch die Strei­chung soll­te es daher „den Län­dern über­las­sen blei­ben, Bei­hil­fe­re­ge­lun­gen in eige­ner Zustän­dig­keit zu tref­fen“ 7. Das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren belegt daher, dass die den Län­dern zukom­men­de Frei­heit für wei­ter­ge­hen­de Rege­lun­gen durch das Tier­seu­chen­ge­setz nicht beschränkt wer­den soll­te. Etwas ande­res folgt ent­ge­gen der vom Antrag­stel­ler in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­brach­ten Mei­nung auch nicht aus der Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung in § 79 TierSG. Die­se nimmt auf die mate­ri­el­len Rege­lun­gen des Tier­seu­chen­ge­set­zes Bezug („nach Maß­ga­be der §§ …“) und knüpft damit an die bereits beschrie­be­ne Auf­ga­ben­tei­lung von Bund und Län­dern an. Eine lan­des­recht­li­che Bestim­mung, mit der die Tier­seu­chen­kas­sen auch zur Gewäh­rung von Bei­hil­fen von Impf­kos­ten berech­tigt wer­den, ist daher nicht zu bean­stan­den 8.

Nach § 9 AGTierSG kann die Tier­seu­chen­kas­se Baden-Würt­tem­berg aber Schä­den und Auf­wen­dun­gen erset­zen, die durch Tier­seu­chen und ande­re Tier­krank­hei­ten und deren Bekämp­fung ent­ste­hen, und sie wirkt bei Vor­beu­gungs- und Bekämp­fungs­maß­nah­men gegen Tier­seu­chen und ande­re Tier­krank­hei­ten mit. Dies bezieht finan­zi­el­le Hil­fe­leis­tun­gen ein, weil die Tier­seu­chen­kas­se gemäß § 24 Abs. 1 Nr. 3 AGTierSG Bei­hil­fen auch zu den Kos­ten von Maß­nah­men zur Ver­hü­tung, Erken­nung und Bekämp­fung von Tier­seu­chen und ande­ren Tier­krank­hei­ten gewäh­ren kann 9. Mit die­ser breit gefä­cher­ten Auf­ga­ben­zu­wei­sung war der Zustän­dig­keits­be­reich bewusst über die Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen hin­aus zur Seu­chen- und Krank­heits­vor­beu­gung ver­la­gert wor­den 10.

Zu den gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Auf­ga­ben der Antrags­geg­ne­rin gehört damit auch die Gewäh­rung von Bei­hil­fen zu den Kos­ten von Maß­nah­men zur Ver­hü­tung von Tier­seu­chen, sodass die vom Antrag­stel­ler gerüg­te prä­ven­ti­ve Schutz­imp­fung gegen die Blau­zun­gen­krank­heit im Auf­ga­ben­be­reich der Antrags­geg­ne­rin liegt. Die inso­weit erfolg­ten finan­zi­el­len Unter­stüt­zun­gen gehö­ren so zum Gesamt­auf­wand der Auf­ga­ben­er­fül­lung der Antrags­geg­ne­rin und sind gemäß § 20 Abs. 4 Satz 1 AGTierSG der Bei­trags­er­rech­nung zugrun­de­zu­le­gen.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 12. August 2010 – 9 S 171/​10

  1. Tier­seu­chen­ge­setz in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 22.06.2004, BGBl. I S. 1260, ber. S. 3588; zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 13.12.2007, BGBl. I S. 2930[]
  2. vgl. hier­zu auch VGH Bad.-Württ., Urteil vom 10.05.2000 – 1 S 130/​00, RdL 2000, 275[]
  3. vgl. zu den auch inso­weit noch bestehen­den Lan­des­be­fug­nis­sen Geissler/​Rojahn/​Stein, Tier­seu­chen­recht in Deutsch­land und Euro­pa, Band 1, Stand: Juni 2010, § 71 TierSG Rn. 3[]
  4. vgl. hier­zu aus­führ­lich OVG NRW, Urteil vom 05.12.2007 – 13 A 92/​05, RdL 2008, 81[]
  5. vgl. BT-Drs. 8/​2646, S. 17[]
  6. vgl. BT-Drs. 8/​2646, S. 19 f.[]
  7. BT-Drs. 8/​3536, S. 2[]
  8. vgl. auch OVG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 02.12.2009 – 10 KN 155/​06, RdL 2010, 60; Nds. OVG, Urteil vom 19.12.2006 – 10 LC 80/​04, RdL 2007, 147; zu frei­wil­li­gen Bei­hil­fe­leis­tun­gen auch bereits VGH Bad.-Württ., Urteil vom 11.09.1992 – 7 S 152/​92[]
  9. vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 10.05.2000 – 1 S 130/​00, RdL 2000, 275[]
  10. vgl. LT-Drs. 6/​2991, S. 27[]