Chro­mo­so­men-Scree­ning – ohne Zustim­mung der Ethikkommission

Gene­ti­sche Unter­su­chun­gen an in vitro erzeug­ten Embryo­nen im Blas­to­zys­ten­sta­di­um (ca. 5 Tage nach der Befruch­tung) auf nume­ri­sche Chro­mo­so­men­ab­erra­tio­nen erfül­len die Vor­aus­set­zun­gen einer Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID) nach dem Embryo­nen­schutz­ge­setz (ESchG). Sie dür­fen daher nicht ohne zustim­men­de Bewer­tung einer Ethik­kom­mis­si­on für Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik vor­ge­nom­men werden.

Chro­mo­so­men-Scree­ning – ohne Zustim­mung der Ethikkommission

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­de­nen Strteit­fall unter­sag­te die beklag­te Behör­de der kla­gen­den Ärz­tin mit Bescheid vom 2. Juni 2015, in ihrer Zweig­nie­der­las­sung in Mün­chen Tro­phek­to­derm­dia­gnos­ti­ken durch­zu­füh­ren, ohne dass die Baye­ri­sche Ethik­kom­mis­si­on für Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik in jedem Ein­zel­fall eine zustim­men­de Bewer­tung abge­ge­ben hat.

Die dage­gen gerich­te­te Kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen1 und dem Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof2) ohne Erfolg geblie­ben; die von der Ärz­tin beab­sich­tig­te Unter­su­chung von mura­len Tro­phek­to­dermzel­len einer Blas­to­zys­te sei eine gene­ti­sche Unter­su­chung von Zel­len eines Embry­os i.S.v. § 3a Abs. 1 ESchG und unter­lie­ge damit gemäß § 3a Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 ESchG dem Erfor­der­nis der vor­he­ri­gen zustim­men­den Bewer­tung der Baye­ri­schen Ethik­kom­mis­si­on für Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik. Dass die Ärz­tin die Dia­gnos­tik vor­neh­men wol­le, um fest­zu­stel­len, ob die in vitro befruch­te­te Eizel­le fähig sei, sich in der Gebär­mut­ter ein­zu­nis­ten, und damit die Wahr­schein­lich­keit einer Schwan­ger­schaft trotz des ova­ri­el­len Alters der Eizel­le zu erhö­hen, ände­re dar­an nichts.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auch die Revi­si­on der Ärz­tin gegen das Beru­fungs­ur­teil des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs zurückgewiesen:

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Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat ohne Ver­stoß gegen Bun­des­recht ange­nom­men, dass es sich bei der Tro­phek­to­derm­dia­gnos­tik der Ärz­tin um eine PID i.S.d. § 3a Abs. 1 ESchG han­delt. Die Vor­schrift defi­niert die PID als gene­ti­sche Unter­su­chung von Zel­len eines Embry­os in vitro vor sei­nem Trans­fer in die Gebär­mut­ter. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind bei der Dia­gnos­tik der Ärz­tin erfüllt. Die Blas­to­zys­ten, denen die mura­len Tro­phek­to­dermzel­len ent­nom­men wer­den sol­len, sind Embryo­nen i.S.v. § 8 Abs. 1 ESchG. Danach gilt als Embryo die befruch­te­te, ent­wick­lungs­fä­hi­ge mensch­li­che Eizel­le vom Zeit­punkt der Kern­ver­schmel­zung an. Ent­wick­lungs­fä­hig­keit meint die Fähig­keit der befruch­te­ten Eizel­le zur Zell­tei­lung. Uner­heb­lich ist inso­weit, ob die jewei­li­ge Blas­to­zys­te die Fähig­keit zur Nida­ti­on hat. Mura­le Tro­phek­to­dermzel­len sind unab­hän­gig vom Grad ihrer Aus­dif­fe­ren­zie­rung Zel­len eines Embry­os i.S.d. § 3a Abs. 1 ESchG. Die Vor­schrift soll den Embryo in vitro davor schüt­zen, ohne recht­fer­ti­gen­den Grund nicht in den Ute­rus trans­fe­riert zu wer­den. Für die­sen Zweck kommt es nicht dar­auf an, ob die unter­such­ten Zel­len plu­ri­po­tent oder nicht mehr plu­ri­po­tent sind. Auch der von der Ärz­tin ver­folg­te Unter­su­chungs­zweck ist hier­für ohne Bedeu­tung. Schließ­lich sind die beab­sich­tig­ten Unter­su­chun­gen gene­ti­sche Unter­su­chun­gen im Sin­ne der Vor­schrift. Nach den beru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen han­delt es sich bei den von der Ärz­tin ange­wand­ten Unter­su­chungs­ver­fah­ren um zyto­ge­ne­ti­sche Ver­fah­ren, die der Fest­stel­lung chro­mo­so­ma­ler Fehl­ver­tei­lun­gen dienen.

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Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 2. Dezem­ber 2020 – 3 C 6.19

  1. VG Mün­chen, Urteil vom 07.09.20166 – M 18 K 15.2602[]
  2. BayVGH, Urteil vom 30.11.2018 – 20 B 18.290[]

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