Demons­tra­ti­ons­zug am Volks­trau­er­tag?

Ist die kon­kret geplan­te Aus­ge­stal­tung einer Ver­samm­lung als Trau­er­marsch in hohem Maße geeig­net, den durch das Lan­des­fei­er­tags­ge­setz geschütz­ten Cha­rak­ter des Volks­trau­er­tags zu stö­ren, so ist ein Ver­bot die­ser Ver­samm­lung wegen einer Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit gerecht­fer­tigt.

Demons­tra­ti­ons­zug am Volks­trau­er­tag?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge des NPD-Kreis­ver­ban­des Deut­sche Wein­stra­ße abge­wie­sen, der sich damit gegen ein ihm gegen­über aus­ge­spro­che­nes Ver­bot der Kreis­ver­wal­tung Bad Dürk­heim gewehrt hat, am Volks­trau­er­tag einen Demons­tra­ti­ons­zug von Haß­loch nach Böhl-Iggel­heim ver­an­stal­ten zu dür­fen. Der NPD-Kreis­ver­band Deut­sche Wein­stra­ße mel­de­te Anfang Novem­ber 2011 einen für sechs Stun­den geplan­ten Trau­er­marsch für Sonn­tag, den 13. Novem­ber 2011, dem Volks­trau­er­tag, an. Danach soll­te die Ver­samm­lung um 14.00 Uhr auf dem Rat­haus­platz in Haß­loch mit einer Eröff­nungs­kund­ge­bung begin­nen und über den Fahr­rad- und Fuß­weg an der L 532 durch Böhl-Iggel­heim zu einem Gedenk­stein in unmit­tel­ba­rer Nähe der L 528 mit einer dort statt­fin­den­den Trau­er­kund­ge­bung fort­ge­setzt wer­den. Vom Gedenk­stein soll­te der Trau­er­marsch durch Böhl-Iggel­heim zum Denk­mal des „Deut­schen Befrei­ungs­krie­ges“ 1870/​71 in der Kir­chen­stra­ße füh­ren. Nach Anga­ben des kla­gen­den Kreis­ver­bands soll­te die Ver­samm­lung zum Geden­ken an die in den Krie­gen gefal­le­nen Sol­da­ten und Zivi­lis­ten sowie die in Böhl-Iggel­heim umge­kom­me­nen deut­schen Gefan­ge­nen des dor­ti­gen alli­ier­ten Gefan­ge­nen­la­gers statt­fin­den. Es soll­ten Fah­nen, Trans­pa­ren­te, Stell­schil­der, ein Hand­me­ga­fon, eine trans­por­ta­ble Laut­spre­cher­an­la­ge sowie ein Laut­spre­cher­fahr­zeug und Fackeln mit­ge­führt wer­den. Wäh­rend der Ver­samm­lung soll­ten ver­schie­de­ne Red­ner zu Wort kom­men und Flug­blät­ter über die Ereig­nis­se in den so genann­ten Rhein­wie­sen­la­gern und die hier­zu vom Klä­ger geführ­te Auf­klä­rungs­kam­pa­gne ver­teilt wer­den.

Am 10. Novem­ber 2011 unter­sag­ten sowohl der Land­kreis Bad Dürk­heim als auch der Rhein-Pfalz-Kreis den Trau­er­marsch der NPD mit der Begrün­dung, die­ser ver­sto­ße gegen das Lan­des­fei­er­tags­ge­setz; eine sta­tio­nä­re Kund­ge­bung am Denk­mal in Böhl-Iggel­heim ließ der Rhein-Pfalz-Kreis jedoch zu. Der NPD-Kreis­ver­band Deut­sche Wein­stra­ße erhob gegen die Ver­botsent­schei­dung des Land­krei­ses Bad Dürk­heim Kla­ge und mach­te gel­tend, das Lan­des­fei­er­tags­ge­setz sei gegen­über dem Ver­samm­lungs­ge­setz nach­ran­gig und kön­ne daher nicht zur Begrün­dung einer Ver­botsent­schei­dung her­an­ge­zo­gen wer­den. Die geplan­te Ver­samm­lung hät­te auch nicht dem Cha­rak­ter des Volks­trau­er­tags wider­spro­chen. Es sei der NPD nicht um die Durch­füh­rung einer öffent­li­chen Tanz­ver­an­stal­tung oder einer kom­mer­zi­el­len Grup­pen­wan­de­rung, son­dern um die Durch­füh­rung eines wür­di­gen Toten­ge­den­kens gegan­gen.

Das hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt anders gese­hen und in sei­ner Urteils­be­grün­dung aus­ge­führt, das Lan­des­fei­er­tags­ge­setz kon­kre­ti­sie­re den Schutz der Sonn­tags- und Fei­er­tags­ru­he und beschrän­ke das Recht auf Ver­samm­lun­gen unter frei­em Him­mel an bestimm­ten Fei­er­ta­gen. Am Volks­trau­er­tag sei­en ab 4.00 Uhr gene­rell öffent­li­che Ver­samm­lun­gen und Auf­zü­ge ver­bo­ten, soweit sie nicht der Reli­gi­ons­aus­übung dien­ten oder dem Cha­rak­ter des Fei­er­tags ent­sprä­chen. Der beklag­te Land­kreis habe zu Recht ange­nom­men, dass die von der NPD geplan­te Ver­samm­lung, bei der ein nicht erfor­der­li­cher Akus­tik­ver­stär­ker hät­te ver­wen­det und Flug­blät­ter über die so genann­te Rhein­wie­sen­la­ger­kam­pa­gne hät­ten ver­teilt wer­den sol­len, dem Cha­rak­ter des Volks­trau­er­ta­ges als Tag des stil­len Geden­kens an die Opfer der bei­den Welt­krie­ge und des Natio­nal­so­zia­lis­mus wider­spro­chen habe. Die kon­kret geplan­te Aus­ge­stal­tung der Ver­samm­lung als Trau­er­marsch sei in hohem Maße geeig­net gewe­sen, den durch das Lan­des­fei­er­tags­ge­setz geschütz­ten Cha­rak­ter des Volks­trau­er­tags zu stö­ren; das Ver­bot sei daher wegen einer Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit gerecht­fer­tigt gewe­sen. Hin­zu kom­me, dass bei Durch­füh­rung des Trau­er­mar­sches mit einem grö­ße­ren Auf­ge­bot an Poli­zei­kräf­ten im nähe­ren Umfeld des Auf­zugs hät­te gerech­net wer­den müs­sen, so dass auch des­halb eine emp­find­li­che Stö­rung der Fei­er­tags­ru­he zu befürch­ten gewe­sen sei.

Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt, Urteil vom 17. Juli 2012 – 5 K 1163/​11.NW