Die Namens­mit­tei­lung der Schöf­fen

Es besteht ein Anspruch auf Aus­kunft für Pres­se­ver­tre­ter gegen­über der Jus­tiz­ver­wal­tung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg über die Namen der Schöf­fen, die an einem durch­ge­führ­ten Straf­ver­fah­ren betei­ligt waren. Die­ser Aus­kunfts­an­spruch erfasst aber nicht die Namen des betei­lig­ten Pflicht­ver­tei­di­gers und des Staats­an­walts.

Die Namens­mit­tei­lung der Schöf­fen

So der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Rechts­an­walts und Redak­teurs einer juris­ti­schen Fach­zeit­schrift, der die Namen der Schöf­fen, des Pflicht­ver­tei­di­gers und des Staats­an­walts in einem Straf­ver­fah­ren vor dem Amts­ge­richts Nür­tin­gen begehrt hat. Der Klä­ger ist Redak­teur der juris­ti­schen Fach­zeit­schrift „Anwalts­nach­rich­ten Aus­län­der- und Asyl­recht“. Die­se ent­hält regel­mä­ßig die Rubrik „Die Ent­glei­sung“, in deren Bei­trä­gen Maß­nah­men und Äuße­run­gen von nament­lich genann­ten Mit­ar­bei­tern von Behör­den und Gerich­ten kri­ti­siert wer­den, die nach Auf­fas­sung der Autoren dis­kri­mi­nie­rend bzw. frem­den­feind­lich sind.

Der Klä­ger begehrt die Über­sen­dung eines – mit Aus­nah­me der per­sön­li­chen Anga­ben des Ver­ur­teil­ten – nicht anony­mi­sier­ten Abdrucks einer straf­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung des Amts­ge­richts Nür­tin­gen. Das Amts­ge­richt hat­te einen afgha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der als Asyl­be­wer­ber mit gefälsch­ten Papie­ren ein­ge­reist war, zu einer sechs­mo­na­ti­gen Jugend­stra­fe ohne Bewäh­rung ver­ur­teilt. Der Klä­ger beab­sich­tigt, die Ver­ur­tei­lung des Jugend­li­chen durch das Amts­ge­richts in der genann­ten Zeit­schrift zu the­ma­ti­sie­ren. Dabei will der Klä­ger den nament­lich benann­ten Per­so­nen, ins­be­son­de­re dem Pflicht­ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten Ver­ant­wor­tung für das Ver­fah­ren und sein Ergeb­nis zuwei­sen, das er als unver­hält­nis­mä­ßig ansieht.

Der Direk­tor des Amts­ge­richts stell­te dem Klä­ger dar­auf­hin eine anony­mi­sier­te Urteils­ko­pie zur Ver­fü­gung und teil­te den Namen der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin mit; die Namen der Schöf­fen, des Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le, des Ver­tei­di­gers und des Sit­zungs­ver­tre­ters der Staats­an­walt­schaft offen­bar­te er hin­ge­gen nicht. Der Klä­ger wand­te dage­gen ein, ein schutz­wür­di­ges pri­va­tes Inter­es­se stün­de der Bekannt­ga­be der Namen der Betei­lig­ten, ins­be­son­de­re auch des Ver­tei­di­gers, nicht ent­ge­gen. Die­ser ste­he als Organ der Rechts­pfle­ge eben­so im öffent­li­chen Leben wie ein Rich­ter. Gegen das kla­ge­ab­wei­sen­de Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart ist Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg deut­lich gemacht, dass ohne Hin­zu­tre­ten beson­de­rer Umstän­de regel­mä­ßig ein Anspruch auf Bekannt­ga­be der Namen der Schöf­fen besteht. Des­halb sei zwar grund­sätz­lich in jedem Ein­zel­fall eine Abwä­gung zwi­schen dem Infor­ma­ti­ons­recht der Pres­se und dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht (Geheim­hal­tungs­in­ter­es­se) des jeweils Betrof­fe­nen vor­zu­neh­men. Im vor­lie­gen­den Fall kom­me aber nach Wür­di­gung aller Umstän­de dem Infor­ma­ti­ons­recht der Pres­se Vor­rang zu. Die Schöf­fen hät­ten bei der Ent­schei­dung des Gerichts das­sel­be Stimm­recht wie die Berufs­rich­ter und ver­ant­wor­te­ten damit die getrof­fe­ne Ent­schei­dung in glei­cher Wei­se. Fer­ner müss­ten Schöf­fen stets mit einer Bericht­erstat­tung über Gerichts­ver­hand­lun­gen rech­nen, an denen sie teil­näh­men. Die Namens­nen­nung sei für das Ver­ständ­nis des Falls auch nicht unwe­sent­lich. Denn bei der Erör­te­rung einer bestimm­ten Spruch­pra­xis eines Gerichts kön­ne die Kennt­nis der Iden­ti­tät der urtei­len­den Per­so­nen von Inter­es­se sein. Dass die Schöf­fen bei einer Ver­öf­fent­li­chung unter Namens­nen­nung gleich­sam „an den Pran­ger gestellt“ oder stig­ma­ti­siert wür­den, sei nicht zu erwar­ten.

Dem Per­sön­lich­keits­recht des Pflicht­ver­tei­di­gers gebüh­re dage­gen bei der Abwä­gung Vor­rang. Sei­ne Namens­nen­nung sei für das Ver­ständ­nis des Fal­les nicht wesent­lich. Der Pflicht­ver­tei­di­ger tra­ge auch für den erfolg­ten Straf­aus­spruch unmit­tel­bar kei­ne Ver­ant­wor­tung. Glei­ches gel­te für den Staats­an­walt.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2013 – 1 S 509/​13