Dienst­leis­tungs­sta­tis­tik – und die Her­an­zie­hung zur Stich­pro­ben­er­he­bung

Die der­zei­ti­ge behörd­li­che Pra­xis bei der Her­an­zie­hung von Unter­neh­men zur Aus­kunft für die Dienst­leis­tungs­sta­tis­tik ist ermes­sens­feh­ler­haft. Das hat jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­den.

Dienst­leis­tungs­sta­tis­tik – und die Her­an­zie­hung zur Stich­pro­ben­er­he­bung

Die Dienst­leis­tungs­sta­tis­tik gibt Aus­kunft über die Ent­wick­lung der wirt­schaft­li­chen Tätig­keit im Dienst­leis­tungs­be­reich. Ihre Daten­grund­la­ge ermit­teln die Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­ter durch jähr­li­che bun­des­wei­te Befra­gung von höchs­tens 15 % der Unter­neh­men und frei­be­ruf­lich täti­gen Ein­rich­tun­gen aus dem Dienst­leis­tungs­sek­tor zu deren wirt­schaft­li­cher Tätig­keit. Die von der Erhe­bung betrof­fe­nen Unter­neh­men wer­den nach einem mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­schen Ver­fah­ren (Ney­man-Tschu­prow-Ver­fah­ren) aus­ge­wählt. Dabei wer­den alle poten­zi­ell aus­kunfts­pflich­ti­gen Unter­neh­men zunächst nach Bun­des­land, Wirt­schafts­zweig und Umsatz­grö­ße in Grup­pen (Schich­ten) ein­ge­teilt. Aus jeder die­ser Schich­ten wer­den sodann aus­kunfts­pflich­ti­ge Unter­neh­men nach dem Zufalls­prin­zip aus­ge­wählt. Nach dem von den Behör­den gewähl­ten mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­schen Ver­fah­ren kann es in beson­ders klei­nen und hete­ro­ge­nen Schich­ten gesche­hen, dass alle Unter­neh­men die­ser Schicht zur Aus­kunft her­an­ge­zo­gen wer­den (Total­schicht). Eine greif­ba­re Chan­ce auf Nich­t­her­an­zie­hung in Zukunft besteht für die­se Unter­neh­men dann nicht.

In den bei­den hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fäl­len gehör­ten die Klä­ger, eine Bau­ge­nos­sen­schaft und eine Rechts­an­walts­kanz­lei, einer soge­nann­ten Total­schicht an. Infol­ge­des­sen sind sie in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig jähr­lich ver­pflich­tet wor­den, ihre Unter­neh­mens­da­ten an die Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­ter zu über­mit­teln. Die Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­ter hal­ten die­ses Vor­ge­hen für ermes­sen­feh­ler­frei. Es beru­he auf einem aner­kann­ten mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­schen Ver­fah­ren, das im Rah­men des vor­ge­ge­be­nen Stich­pro­ben­um­fangs von 15 % der Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men eine opti­ma­le Ergeb­nis­ge­nau­ig­keit sicher­stel­le.

Wäh­rend im ers­ten Fall 1 das Säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Baut­zen der dor­ti­gen Kla­ge statt­gab 2, hat­te im zwei­ten Fall 3 die Kla­ge vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in Koblenz kei­nen Erfolg 4. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat jetzt die statt­ge­ben­de Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Baut­zen bestä­tigt und das gegen­tei­li­ge Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Koblenz geän­dert:

Die Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­ter haben bei der Aus­wahl der bei­den Unter­neh­men das ihnen ein­ge­räum­te Ermes­sen feh­ler­haft aus­ge­übt. Der Zweck der Ermes­sen­ser­mäch­ti­gung besteht bei einer Stich­pro­ben­er­he­bung in der Erzie­lung reprä­sen­ta­ti­ver, d.h. für den Erhe­bungs­zweck (noch) hin­rei­chend genau­er sta­tis­ti­scher Ergeb­nis­se. Den Sta­tis­tik­be­hör­den kommt zwar ein fach­wis­sen­schaft­li­cher Beur­tei­lungs­spiel­raum für die Fra­ge zu, wel­chen Grad an Genau­ig­keit die erziel­ten sta­tis­ti­schen Ergeb­nis­se danach errei­chen müs­sen. Die Behör­den haben hier­zu jedoch kei­ne fach­wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Fest­le­gung getrof­fen, son­dern ent­ge­gen dem Zweck der Ermes­sen­ser­mäch­ti­gung das Aus­wahl­ver­fah­ren allein auf die Erzie­lung mög­lichst genau­er Ergeb­nis­se aus­ge­rich­tet. Dar­in liegt zugleich ein Ver­stoß gegen den Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz, näm­lich das Gebot der Erfor­der­lich­keit. Danach ist bei Stich­pro­ben das­je­ni­ge Aus­wahl­ver­fah­ren anzu­wen­den, bei dem reprä­sen­ta­ti­ve Ergeb­nis­se mit der geringst­mög­li­chen Belas­tung der Aus­kunfts­pflich­ti­gen erzielt wer­den kön­nen. Dar­über hin­aus ver­stößt das von den Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­tern aus­ge­üb­te Aus­wahler­mes­sen gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Die­ser for­dert für das Aus­wahl­ver­fah­ren bei sta­tis­ti­schen Stich­pro­ben­er­he­bun­gen, dass die Belas­tung gleich­mä­ßig auf die aus­kunfts­pflich­ti­gen Unter­neh­men ver­teilt wird, soweit der Zweck der Erzie­lung reprä­sen­ta­ti­ver Ergeb­nis­se dies zulässt. Das von den Sta­tis­ti­schen Lan­des­äm­tern ange­wand­te Aus­wahl­ver­fah­ren mit dem Ziel einer opti­ma­len Ergeb­nis­ge­nau­ig­keit führt hin­ge­gen zu einer über die Jah­re anwach­sen­den und nicht gerecht­fer­tig­ten Ungleich­be­hand­lung von Unter­neh­men, die einer Total­schicht ange­hö­ren, gegen­über sol­chen Unter­neh­men, die einer regel­mä­ßig rotie­ren­den Schicht zuge­ord­net sind.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 15. März 2017 – 8 C 6.16 und 8 C 9.16

  1. BVerwG 8 C 9.16[]
  2. Sächs. OVG, Urteil vom 03.03.2016 – 3 A 547/​13[]
  3. BVerwG – 8 C 6.16[]
  4. OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 16.12.2015 – 10 A 10746/​15[]