Ege­rer Stadt­wald

Immer wie­der ein­mal tau­chen Rechts­fäl­le auf, in denen es immer noch um die Rechts­fol­gen geht, die auf den II. Welt­krieg zurück gehen. Nach dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs fin­den sich die­se Fäl­le ver­mehr auch im Ver­hält­nis zu unse­ren öst­li­chen Nach­barn. Ein sol­cher Fall beschäf­tigt seit Jah­ren die baye­ri­sche Jus­tiz und aktu­ell das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg: der Ege­rer Stadt­wald.

Ege­rer Stadt­wald

Das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg ent­schied jetzt über die Kla­ge der Stadt Cheb (deutsch: Eger) auf Auf­he­bung der treu­hän­de­ri­schen Ver­wal­tung, die die Beklag­te, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bis heu­te über den "Ege­rer Stadt­wald" aus­übt. Es han­delt sich dabei um ca. 634 ha Wald­grund­stü­cke in der Gemein­de Neu­al­ben­reuth im Land­kreis Tir­schen­reuth, für die seit 1920 die Stadt Eger als Eigen­tü­me­rin im Grund­buch ein­ge­tra­gen ist. Nach Kriegs­en­de und der dar­auf fol­gen­den Ver­trei­bung der deutsch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung aus der Tsche­cho­slo­wa­kei, also auch aus Eger, wur­den die Eigen­tums­ver­hält­nis­se am Ege­rer Stadt­wald kon­tro­vers dis­ku­tiert. Dabei setz­te sich die Auf­fas­sung durch, dass durch die Aus­wechs­lung der in Eger ansäs­si­gen Bevöl­ke­rung nach 1945 die Iden­ti­tät die­ser Gemein­de und ihrer Ver­mö­gens­rech­te nicht berührt wor­den ist. Aller­dings wur­de das zum 1. Janu­ar 1965 in Kraft getre­te­nen "Rechts­trä­ger – Abwick­lungs­ge­setz", wel­ches ursprüng­lich nur die Rege­lung von Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen von Gebiets­kör­per­schaf­ten des Deut­schen Rei­ches in den Gren­zen vom 31.12.1937 zum Gegen­stand hat­te, auch auf Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de wie den Ege­rer Stadt­wald aus­ge­dehnt. Auf der Grund­la­ge die­ses Geset­zes ver­wal­tet die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bis heu­te die­se Grund­stü­cke.

Seit 1997 bemüht sich die Klä­ge­rin, die Stadt Cheb, ver­geb­lich, die vol­len Rech­te eines Eigen­tü­mers von der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik zu erhal­ten. Ein 2004 gestell­ter Antrag auf Grund­buch­be­rich­ti­gung dahin­ge­hend, den Eigen­tü­mer­na­men von "Stadt Eger" in "Stadt Cheb" umzu­be­zeich­nen, schei­ter­te dar­an, dass die Bun­des­re­pu­blik unter Hin­weis auf das Rechts­trä­ger – Abwick­lungs­ge­setz ihre Zustim­mung ver­sag­te. Auch ein von der Klä­ge­rin beim Bun­des­ver­mö­gens­amt in Amberg gestell­ter Antrag blieb erfolg­los.

Mit der beim Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg seit län­ge­rem anhän­gi­gen und zeit­wei­se nicht betrie­be­nen Kla­ge macht die Klä­ge­rin gel­tend, dass das Rechts­trä­ger – Abwick­lungs­ge­setz auf­grund der mitt­ler­wei­le ein­ge­tre­te­nen Ver­än­de­run­gen in den Bezie­hun­gen zwi­schen der Tsche­chi­schen Repu­blik und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht mehr Rechts­grund­la­ge für eine treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung durch den Bund sein kön­ne. Es bestün­den seit Jahr­zehn­ten diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen, seit dem 1.5.2004 sei die Tsche­chi­sche Repu­blik Mit­glied der EU. Das Gesetz habe sich erle­digt. Die Klä­ge­rin sei in ihrem Recht auf Eigen­tum ver­letzt. Das Ver­hal­ten der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik ver­sto­ße gegen Euro­pa­recht; das Ver­fah­ren sei aus­zu­set­zen und die Fra­ge der Ver­ein­bar­keit des Rechts­trä­ger – Abwick­lungs­ge­set­zes mit dem Euro­pa­recht dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor­zu­le­gen.

Die Beklag­te bezwei­felt die Zustän­dig­keit des Ver­wal­tungs­ge­richts. Hin­sicht­lich der abge­lehn­ten Grund­buch­be­rich­ti­gung sei der Zivil­rechts­weg eröff­net. Im Übri­gen lie­ge eine Strei­tig­keit ver­fas­sungs­recht­li­cher Art vor, über die das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht ent­schei­den dür­fe. Als Gebiets­kör­per­schaft und Trä­ge­rin von Hoheits­ge­walt kön­ne sich die Klä­ge­rin nicht auf die Grund­frei­hei­ten des Euro­pa­rechts beru­fen.

Das Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg gab nun der Stadt Cheb Recht und stell­te fest, dass die im Jahr 1965 durch das Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz ange­ord­ne­te treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung des "Ege­rer Stadt­wal­des" durch den Bund been­det ist.

Die Kla­ge der Stadt Eger ist nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Regens­burg zuläs­sig. Ins­be­son­de­re hat die Stadt Cheb ein berech­tig­tes Inter­es­se an der begehr­ten Fest­stel­lung, da die treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung ihr Eigen­tums­recht berührt. Sie ist näm­lich trotz der Ereig­nis­se vor, im und nach dem Zwei­ten Welt­krieg Eigen­tü­me­rin des Ege­rer Stadt­wal­des geblie­ben. Dies hat bereits 1959 und 1965 das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt ent­schie­den und 1972 noch­mals aus­drück­lich bestä­tigt. Die Stadt Eger ist danach weder durch die Ver­trei­bung der deut­schen Bevöl­ke­rung unter­ge­gan­gen, viel­mehr mit der Stadt Cheb iden­tisch, noch hat sie nach dem Zwei­ten Welt­krieg ihr Grund­ei­gen­tum an die Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Repu­blik ver­lo­ren. Auch nach Been­di­gung des kom­mu­nis­ti­schen Regimes in der Tsche­cho­slo­wa­kei und der Bil­dung zwei­er unab­hän­gi­ger Staa­ten am 1. Janu­ar 1993 (Tsche­chi­en und Slo­wa­kei) ist die Stadt Cheb Eigen­tü­me­rin des Ege­rer Stadt­wal­des geblie­ben. Sie kann als unein­ge­schränkt hand­lungs­fä­hi­ger Rechts­trä­ger frei von staat­li­cher Ein­fluss­nah­me über ihr Grund­ei­gen­tum ver­fü­gen, dem­ge­mäß die aus ihrem Grund­ei­gen­tum fol­gen­den Rech­te gegen­über der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik voll­um­fäng­lich gel­tend machen.

Die Kla­ge ist nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Regens­burg auch begrün­det. Zu die­sem Ergeb­nis gelangt das Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg auf­grund einer am Sinn und Zweck des Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­set­zes ori­en­tier­ten sowie ver­fas­sungs- und völ­ker­rechts­kon­for­men Aus­le­gung der ein­schlä­gi­gen Geset­zes­vor­schrif­ten. Nach dem Geset­zes­wort­laut dient die vor­läu­fi­ge treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung der Sicher­stel­lung und Erhal­tung der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de und endet mit einer end­gül­ti­gen zwi­schen­staat­li­chen Rege­lung der Rechts­ver­hält­nis­se an den Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den.

Nach­dem die recht­li­che Iden­ti­tät der Stadt Cheb mit der Stadt Eger durch meh­re­re Ent­schei­dun­gen des Baye­ri­schen Obers­ten Lan­des­ge­richts in der Ver­gan­gen­heit bereits bejaht wor­den ist, stell­te sich für das Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg vor allem die Fra­ge, ob die treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung für die Stadt Cheb noch fort­be­steht. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg hat dies ver­neint, da die Stadt Cheb einer­seits ein unein­ge­schränkt hand­lungs­fä­hi­ger Rechts­trä­ger ist und eine Ver­wal­tung zum Zweck der Sicher­stel­lung und Erhal­tung der Immo­bi­li­en des "Treu­ge­bers" nicht mehr erfor­der­lich ist.

Fer­ner haben sich die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se seit Inkraft­tre­ten des Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­set­zes grund­le­gend geän­dert. Bereits im Jahr 1973 wur­den diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen zur dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­ki­schen Sozia­lis­ti­schen Repu­blik auf­ge­nom­men. Nach Been­di­gung des kom­mu­nis­ti­schen Regimes und der Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands stimm­ten sowohl der Deut­sche Bun­des­tag wie auch das tsche­chi­sche Par­la­ment der Deutsch-Tsche­chi­sche Erklä­rung vom 21. Janu­ar 1997 zu. Die­se Erklä­rung dien­te unter ande­rem der Vor­be­rei­tung des EU-Bei­tritts der Tsche­chi­schen Repu­blik am 1. Mai 2004 und setz­te einen Schluss­strich unter gegen­sei­tig zuge­füg­tes Unrecht. Bei­de Sei­ten haben dar­in "respek­tiert, dass die ande­re Sei­te eine ande­re Rechts­auf­fas­sung hat" und sie haben erklärt, "dass ihre Bezie­hun­gen nicht mit aus der Ver­gan­gen­heit her­rüh­ren­den poli­ti­schen und recht­li­chen Fra­gen belas­tet wer­den" (vgl. Nr. IV der Deutsch-Tsche­chi­schen Erklä­rung). Das Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg sieht die­se Erklä­rung als zwi­schen­staat­li­che Rege­lung an, durch die die treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung obso­let gewor­den ist und somit kein Grund für ein "Zurück­be­hal­tungs­recht" für den Ege­rer Stadt­wald mehr besteht.

Dar­über hin­aus war für den EU-Bei­tritt Tsche­chi­ens ent­schei­dend, dass die gel­ten­de Rechts­ord­nung der Tsche­chi­schen Repu­blik nicht im Wider­spruch zur Rechts­ord­nung der Euro­päi­schen Uni­on ste­hen darf. Dass die­ses Erfor­der­nis erfüllt ist, wur­de durch ver­schie­de­ne Rechts­gut­ach­ten fest­ge­stellt, die von den euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen vor dem EU-Bei­tritt Tsche­chi­ens ein­ge­holt wur­den und dem Bei­tritt zugrun­de gelegt wur­den. Sie gelang­ten zum Ergeb­nis, dass die umstrit­te­nen "Benes-Dekre­te" einem Bei­tritt Tsche­chi­ens zur Euro­päi­schen Uni­on nicht ent­ge­gen­ste­hen. Aus Sicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Regens­burg wür­de damit ein "Zurück­be­hal­tungs­recht" letzt­end­lich dazu die­nen, recht­lich nicht durch­setz­ba­re Rechts­po­si­tio­nen zu ver­fol­gen. Des­halb ist jeden­falls eine ein­schrän­ken­de und völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung des § 27 Abs. 5 Satz 7 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz gebo­ten.

Hin­zu kommt, dass die Stadt Cheb als Kom­mu­ne und Eigen­tü­me­rin der Wald­grund­stü­cke nicht unmit­tel­bar für die auf­grund der "Benes-Dekre­te" erfolg­ten Ent­eig­nun­gen ver­ant­wort­lich gemacht wer­den wer­den kann.

Wie unter ande­rem die Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en bele­gen, erfolg­te die Unter­stel­lung von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den tsche­chi­scher Rechts­trä­ger unter die vor­läu­fi­ge treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung des Bun­des mit­tels § 27 Abs. 5 Satz 1 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz vor allem aus Grün­den des Gegen­sei­tig­keits­ver­hält­nis­ses. Die Ver­fü­gungs­be­fug­nis soll­te dem jewei­li­gen tsche­chi­schen Rechts­trä­ger solan­ge vor­ent­hal­ten wer­den, bis die sich aus der Ver­trei­bung und Ent­eig­nung der deutsch­stäm­mi­gen Bevöl­ke­rung aus dem Sude­ten­land erge­ben­den (ver­mö­gens­recht­li­chen) Fra­gen im Rah­men einer zwi­schen­staat­li­chen Ver­ein­ba­rung gelöst wor­den sind, mit­hin bis zu die­sem Zeit­punkt eine Art „Faust­pfand“ zurück­be­hal­ten wer­den. Aus­ge­hend von die­ser am Gegen­sei­tig­keits­prin­zip ori­en­tier­ten Ziel­set­zung ist § 27 Abs. 5 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz nicht ver­fas­sungs­wid­rig, die treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung des Ege­rer Stadt­wal­des mit Inkraft­tre­ten des Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz am 1. Novem­ber 1965 also wirk­sam gewor­den.

Die durch § 27 Abs. 5 Satz 1 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz ange­ord­ne­te treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung des Ege­rer Stadt­wal­des ist mitt­ler­wei­le been­det. Dies ist nach § 27 Abs. 5 Satz 7 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz dann der Fall, wenn eine "end­gül­ti­ge zwi­schen­staat­li­che Rege­lung der Rechts­ver­hält­nis­se" am jewei­li­gen Ver­mö­gens­ge­gen­stand erfolgt. Es exis­tiert zwar kei­ne spe­zi­ell den Ege­rer Stadt­wald betref­fen­de, aber mit der Deutsch-Tsche­chi­schen Erklä­rung vom 21. Janu­ar 1997 eine all­ge­mei­ne der­ar­ti­ge Rege­lung. Dies ergibt vor allem eine am Sinn und Zweck des § 27 Abs. 5 Satz 7 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz ori­en­tier­te sog. teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung. Das oben beschrie­be­ne Gegen­sei­tig­keits­prin­zip wur­de näm­lich mit die­ser völ­ker­recht­lich ver­bind­li­chen Erklä­rung auf­ge­ge­ben; sie setzt einen Schluss­strich unter gegen­sei­tig zuge­füg­tes Unrecht. In der von den dama­li­gen Regie­rungs­chefs und Außen­mi­nis­tern Deutsch­lands und Tsche­chi­ens unter­zeich­ne­ten Erklä­rung, der die Par­la­men­te bei­der Län­der aus­drück­lich zustimm­ten, heißt es näm­lich in Bezug auf ver­mö­gens­recht­li­che Fra­gen:

"Bei­de Sei­ten stim­men dar­in über­ein, dass das began­ge­ne Unrecht der Ver­gan­gen­heit ange­hört und wer­den daher ihre Bezie­hun­gen auf die Zukunft aus­rich­ten. Gera­de des­halb, weil sie sich der tra­gi­schen Kapi­tel ihrer Geschich­te bewusst blei­ben, sind sie ent­schlos­sen, in der Gestal­tung ihrer Bezie­hun­gen wei­ter­hin der Ver­stän­di­gung und dem gegen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men Vor­rang ein­zu­räu­men, wobei jede Sei­te ihrer Rechts­ord­nung ver­pflich­tet bleibt und respek­tiert, dass die ande­re Sei­te eine ande­re Rechts­auf­fas­sung hat. Bei­de Sei­ten erklä­ren des­halb, dass sie ihre Bezie­hun­gen nicht mit aus der Ver­gan­gen­heit her­rüh­ren­den poli­ti­schen und recht­li­chen Fra­gen belas­ten wer­den."

Die her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung der Erklä­rung hat der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Dr. Hel­mut Kohl in sei­ner Rede vor dem Deut­schen Bun­des­tag am 30. Janu­ar 1997 betont und erklärt, sie sol­le „hel­fen, gemein­sam den Teu­fels­kreis gegen­sei­ti­ger Auf­rech­nung und Schuld­zu­wei­sun­gen zu durch­bre­chen". Dass mit der Deutsch-Tsche­chi­schen Erklä­rung vom 21. Janu­ar 1997 eine "end­gül­ti­ge zwi­schen­staat­li­che Rege­lung" erfolgt ist, bestä­tigt zudem eine sog. völ­ker­rechts­kon­for­me Aus­le­gung des § 27 Abs. 5 Satz 7 Rechts­trä­ger-Abwick­lungs­ge­setz im Lich­te des gel­ten­den Völ­ker­rechts. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, auf die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich Bezug genom­men hat, ver­hält sich die Tsche­chi­sche Repu­blik durch das Fest­hal­ten an der durch die "Benes-Dekre­te" her­vor­ge­ru­fe­nen Eigen­tums­ord­nung nicht völ­ker­rechts­wid­rig. Die auf­grund die­ser Dekre­te erfolg­ten Kon­fis­ka­tio­nen sind gemäß besag­ter höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung hin­zu­neh­men, weil sie zu einem Zeit­punkt erfolg­ten, zu dem das betrof­fe­ne Eigen­tum kei­nen völ­ker­recht­li­chen Schutz genoss.

Ent­spre­chen­des gilt unter euro­pa­recht­li­chem Blick­win­kel. Die von euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen vor dem EU-Bei­tritt Tsche­chi­ens ein­ge­hol­ten Rechts­gut­ach­ten nam­haf­ter Rechts­wis­sen­schaft­ler gelang­ten zum Ergeb­nis, dass die gel­ten­de Rechts­ord­nung der Tsche­chi­schen Repu­blik – ein­schließ­lich der Fort­gel­tung der "Benes-Dekre­te" – nicht im Wider­spruch zur Rechts­ord­nung der Euro­päi­schen Uni­on steht, einem Bei­tritt Tsche­chi­ens zur Euro­päi­schen Uni­on also nicht ent­ge­gen­steht. Da folg­lich die durch die Kon­fis­ka­tio­nen auf­grund der "Benes-Dekre­te" her­vor­ge­ru­fe­nen Eigen­tums­ver­hält­nis­se völ­ker- und euro­pa­recht­lich Bestand haben, wür­de die mit der treu­hän­de­ri­schen Ver­wal­tung des Ege­rer Stadt­wal­des bezweck­te Zurück­be­hal­tung eines "Faust­pfands" dazu die­nen, recht­lich nicht durch­setz­ba­re Rechts­po­si­tio­nen zu ver­fol­gen. Die Zurück­be­hal­tung eines "Faust­pfands" wider­spricht auch dem völ­ker­recht­li­chen sog. Estop­pel-Prin­zip, weil mit der Deutsch-Tsche­chi­schen Erklä­rung ein völ­ker­recht­li­cher Ver­trau­ens­tat­be­stand geschaf­fen wur­de, die aus der Ver­gan­gen­heit her­rüh­ren­den Dif­fe­ren­zen auf sich beru­hen zu las­sen. Die Fra­ge des Fort­be­stan­des der nach dem Zwei­ten Welt­krieg in Tsche­chi­en ent­stan­de­nen Eigen­tums­ord­nung kann des­halb nicht mehr als „offe­ne Fra­ge“ ange­se­hen wer­den, die im Rah­men des Gegen­sei­tig­keits­prin­zips die Auf­recht­erhal­tung der treu­hän­de­ri­schen Ver­wal­tung des Ege­rer Stadt­wal­des recht­fer­tigt.

Davon zu tren­nen ist nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Regens­burg die Fra­ge, ob das tsche­chi­sche Resti­tu­ti­ons­ge­setz aus dem Jahr 1992 eine dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung ent­fal­tet. Zu die­ser Fra­ge lie­gen meh­re­re Äuße­run­gen des UN-Men­schen­rechtsau­schus­ses vor. In Indi­vi­du­al­be­schwer­de­sa­chen hat der Aus­schuss fest­ge­stellt, dass die tsche­chi­schen Ent­schä­di­gungs­re­ge­lun­gen gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 26 des Inter­na­tio­na­len Pak­tes über bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rech­te (IPb­pR) ver­sto­ßen. Das Argu­ment der feh­len­den tsche­chi­schen Staats­bür­ger­schaft für die Ver­weh­rung der Rück­erstat­tung oder der Ent­schä­di­gung sei unan­ge­mes­sen. Die zitier­ten Fäl­le zei­gen, dass den Hei­mat­ver­trie­be­nen trotz der nach der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on nicht angreif­ba­ren Kon­fis­ka­tio­nen gleich­wohl Ansprü­che gegen die Tsche­chi­sche Repu­blik zuste­hen könn­ten. Anknüp­fungs­punk­te wären dann aller­dings nicht unmit­tel­bar die Ent­eig­nun­gen in den Jah­ren 1945/​46, son­dern die gesetz­li­chen Rege­lun­gen aus dem Jahr 1992, die frei­lich an die Ent­eig­nun­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg anknüp­fen. Im Hin­blick auf Art. 26 IPb­pR könn­te die Tsche­chi­sche Repu­blik daher trotz der völ­ker­recht­lich hin­zu­neh­men­den Kon­fis­ka­tio­nen gleich­wohl ver­pflich­tet sein, den ver­trie­be­nen Sude­ten­deut­schen einen Anspruch ein­zu­räu­men.

Baye­ri­sches Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg, Urteil vom 3. Dezem­ber 2010 – RO 5 K 09.1350