För­der­schu­le mit einem fal­schen För­der­schwer­punkt

Mit den Gren­zen des Auf­nah­me­an­spruchs eines Schü­lers bezo­gen auf eine För­der­schu­le, deren För­der­schwer­punkt nicht dem ent­spricht, in dem son­der­päd­ago­gi­scher För­der­be­darf fest­ge­stellt wur­de, hat­te sich aktu­ell das Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin zu befas­sen:

För­der­schu­le mit einem fal­schen För­der­schwer­punkt

Der Auf­nah­me­an­spruch des Schü­lers ergibt sich in Meck­len­burg-Vor­pom­mern aus § 36 Abs. 1 Satz 1, § 34 Abs. 5 Satz 1 SchulG M‑V in Ver­bin­dung mit § 13 Abs. 1 der Ver­ord­nung zur Aus­ge­stal­tung der son­der­päd­ago­gi­schen För­de­rung (För­der­ver­ord­nung Son­der­päd­ago­gik – FöSo­VO) 1 und kann gegen­über dem Schul­trä­ger der Wunsch­schu­le gel­tend gemacht wer­den 2.

Aus die­sen Vor­schrif­ten folgt, dass die Ent­schei­dung, ob ein Schü­ler eine all­ge­mei­ne Schu­le oder eine För­der­schu­le und im zwei­ten Fall wel­che der auf den fest­ge­stell­ten För­der­be­darf aus­ge­rich­te­ten För­der­schu­len er besucht, die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten zu tref­fen haben, soweit dem nicht zwin­gen­de Grün­de ent­ge­gen ste­hen 3. Bei der Fra­ge nach sol­chen Grün­den ist im Hin­blick auf son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf ins­be­son­de­re das durch § 34 Abs. 4 bis 6 SchulG M‑V vor­ge­ge­be­ne Ver­fah­ren zu beach­ten. Auch der Gesetz­ge­ber in Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat die Pflicht zum Besuch einer (bestimm­ten) För­der­schu­le durch einen Anspruch auf son­der­päd­ago­gi­sche För­de­rung ersetzt und die Ent­schei­dung über den Schul­be­such wei­test­ge­hend den Erzie­hungs­be­rech­tig­ten über­las­sen (vgl. § 34 Abs. 5 Satz 1 SchulG M‑V; vgl. auch Rux/​Niehues, a.a.O., Rn. 722). Son­der­päd­ago­gi­sche För­de­rung dient der Her­stel­lung und Unter­stüt­zung von för­der­li­chen Ent­wick­lungs­be­din­gun­gen, und zwar grund­sätz­lich unab­hän­gig vom För­der­ort (vgl. § 2 Abs. 2 Satz 1 FöSo­VO), über den nach § 5 Abs. 8 Satz 1 FöSo­VO die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten ent­schei­den. Eine von deren Wunsch abwei­chen­de Ent­schei­dung der Schul­be­hör­de bedarf einer gesetz­li­chen Grund­la­ge wie etwa § 34 Abs. 5 Satz 3 SchulG M‑V. Das dar­in vor­ge­se­he­ne Ent­schei­dungs­recht wird der Schul­be­hör­de – eben­so wie das "Wider­spruchs­recht" nach § 34 Abs. 5 Satz 2 SchulG M‑V – aller­dings nur für den Fall zuste­hen, dass sich die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten – abwei­chend von der behörd­li­chen För­der­emp­feh­lung – für eine all­ge­mei­ne Schu­le, d.h. für inte­gra­ti­ven Unter­richt an der Regel­schu­le, anstatt für eine För­der­schu­le ent­schei­den 4.

Der vor­lie­gen­de Fall zeich­net sich durch die Beson­der­heit aus, dass der Sohn eine Wunsch­schu­le mit einem För­der­schwer­punkt besu­chen soll, der bei ihm nicht als (son­der­päd­ago­gisch) för­der­be­dürf­tig fest­ge­stellt wor­den ist. In einer sol­chen Fall­kon­stel­la­ti­on besteht nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts grund­sätz­lich kein (gebun­de­ner) Rechts­an­spruch auf Auf­nah­me in eine För­der­schu­le mit einem ande­ren För­der­schwer­punkt. Denn die Schul­pflicht kann ohne Wei­te­res an einer Regel­schu­le mit zusätz­li­cher son­der­päd­ago­gi­scher För­de­rung (sog. Inklu­si­on) bzw. an einer För­der­schu­le ent­spre­chend dem fest­ge­stell­ten För­der­be­darf erfüllt wer­den. Gleich­wohl sind Ein­zel­fäl­le ein­ge­tre­ten und auch künf­tig vor­stell­bar, in denen eine sol­che Beschu­lung nicht (mehr) erfolg­ver­spre­chend ist, etwa weil der Schü­ler dort geschei­tert ist und der Auf­nah­me an der Wunsch­schu­le kei­ne berech­tig­ten Inter­es­sen der dort beschul­ten Schü­ler ent­ge­gen ste­hen. Einen sol­chen Aus­nah­me­fall ver­mag das Ver­wal­tungs­ge­richt hier jedoch nicht zu erken­nen.

Die Mut­ter hat bereits nicht glaub­haft dar­ge­legt, dass die Beschu­lung ihres Soh­nes an der ört­lich zustän­di­gen Regel­schu­le bzw. an einer ent­spre­chen­den Pri­vat­schu­le mit zusätz­li­cher son­der­päd­ago­gi­scher För­de­rung oder aber an einer ent­spre­chen­den För­der­schu­le mit dem fest­ge­stell­ten son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf nicht (mehr) erfolg­ver­spre­chend sein soll­te. Hier­ge­gen spricht auch der Umstand, dass der Sohn zuletzt an einer Pri­vat­schu­le (Regel­schu­le) inte­gra­tiv beschult wur­de.

Der Sohn muss nicht wegen sei­ner kör­per­li­chen Behin­de­rung, son­dern wegen sei­ner Lern­schwä­che sowie sei­ner emo­tio­na­len und sozia­len Ent­wick­lung geför­dert wer­den. Dies kann an den ent­spre­chen­den För­der­schu­len, die für die­se För­der­schwer­punkt­be­rei­che das spe­zi­ell aus­ge­bil­de­te son­der­päd­ago­gi­sche Fach­per­so­nal vor­hal­ten, am bes­ten geleis­tet wer­den. Es kann nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts nicht ange­hen, dass der Sohn auf­grund sei­nes kom­ple­xen son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darfs nur des­we­gen eine För­der­schu­le mit dem För­der­schwer­punkt kör­per­li­che und moto­ri­sche Ent­wick­lung besu­chen soll, weil dort ver­schie­de­ne Schul­for­men unter einem Dach vor­ge­hal­ten wer­den.

Einen Auf­nah­me­an­spruch bezo­gen auf eine För­der­schu­le mit dem För­der­schwer­punkt kör­per­li­che und moto­ri­sche Ent­wick­lung hat die Mut­ter auch des­halb nicht glaub­haft gemacht, weil hier nicht mit der für eine Vor­weg­nah­me der Haupt­sa­che erfor­der­li­chen Wahr­schein­lich­keit davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass der Auf­nah­me kei­ne berech­tig­ten Inter­es­sen der dort beschul­ten Schü­ler ent­ge­gen ste­hen. Denn den dort beschul­ten schwerst- bzw. schwerst­mehr­fach­be­hin­der­ten Kin­dern kann eine gemein­sa­me Beschu­lung mit dem Sohn nicht zuge­mu­tet wer­den, der kein Gespür für Gefahr zeigt und auf­grund sei­nes kom­ple­xen Krank­heits­bil­des nicht in der Lage wäre, Mit­schü­ler am M. För­der­zen­trum vor kör­per­li­chen und see­li­schen Schä­den zu bewah­ren. Die dor­ti­ge Beschu­lung mag zwar für den Sohn das "Bes­te" sein, kei­nes­wegs aber für die davon betrof­fe­ne Schü­ler­schaft am M. För­der­zen­trum, die einen beson­de­ren Schutz auf­grund ihrer kör­per­li­chen Behin­de­rung ver­die­nen.

Auch mit Blick auf die kon­kur­rie­ren­den Grund­rech­te der Schü­ler kann dies nur bedeu­ten, dass das recht­li­che Inter­es­se des Soh­nes an einer Beschu­lung im M. För­der­zen­trum hin­ter den vor­ran­gi­gen Inter­es­sen der dor­ti­gen Schü­ler­schaft zurück­ste­hen muss. Daher kann auch im Rah­men einer rei­nen Fol­genab­wä­gung dem Eil­an­trag nicht statt­ge­ge­ben wer­den.

Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin, Beschluss vom 30. Juni 2015 – 6 B 296/​15

  1. vom 02.09.2009, GVOBl. M‑V S. 562[]
  2. vgl. hier­zu VG Schwe­rin, Beschlüs­se vom 06.05.2014 – 6 B 394/​14; und vom 22.01.2014 – 6 B 783/​13; unter Ver­weis auf OVG M‑V, Beschluss vom 31.07.2013 – 2 M 152/​13[]
  3. vgl. hier­zu auch Rux/​Niehues, Schul­recht, 5. Aufl., Rn. 720[]
  4. vgl. VG Schwe­rin, Beschlüs­se v. 22.01.2014, a.a.O., v. 26.01.2010 – 6 B 1142/​09 – u. v. 30.01.2013 – 6 B 877/​12[]