Aus­gleichs­an­spruch des schei­den­den Tank­stel­len­päch­ters

Zur Berech­nung des Han­dels­ver­tre­ter­aus­gleichs­an­spruchs, der einem schei­den­den Tank­stel­len­päch­ter gegen das ver­pach­ten­de Mine­ral­öl­un­ter­neh­men zusteht, ist der Umsatz ent­schei­dend, der von dem schei­den­den Tank­stel­len­päch­ter mit Stamm­kun­den getä­tigt wur­de. Dies gilt sowohl im eigent­li­chen Tank­stel­len­ge­schäft wie auch für den Tank­stel­len­shop.

Aus­gleichs­an­spruch des schei­den­den Tank­stel­len­päch­ters

Auch im Shop­ge­schäft kön­nen, wie der jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, als Stamm­kun­den (Mehr­fach­kun­den) eines Tank­stel­len­hal­ters im All­ge­mei­nen die­je­ni­gen Kun­den ange­se­hen wer­den, die min­des­tens vier Mal im Jahr dort ein­ge­kauft haben 1.

Damit legt der Bun­des­ge­richts­hof bei der Ermitt­lung des dem wei­chen­den Tank­stel­len­päch­ter zuste­hen­den Aus­gleichs­an­spruchs die glei­chen Maß­stä­be an die Bestim­mung der Stamm­kun­den­ei­gen­schaft im Tank­ge­schäft und im Shop­be­reich an. Für den Kraft- und Schmier­stoff­be­reich hat der Bun­des­ge­richts­hof schon in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen den­je­ni­gen Kun­den als Stamm­kun­den ange­se­hen hat, der wenigs­tens vier­mal jähr­lich die Tank­stel­le auf­such­te.

Hin­ter­grund die­ser Dif­fe­ren­zie­rung nach der Stamm­kun­den­ei­gen­schaft ist, dass für die Berech­nung des Aus­gleichs­an­spruchs nach § 89b HGB von der letz­ten Jah­res­pro­vi­si­on nur der Teil zu berück­sich­ti­gen ist, den der Tank­stel­len­hal­ter für Umsät­ze mit von ihm gewor­be­nen Stamm­kun­den erhal­ten hat, weil nur mit die­sen Kun­den eine Geschäfts­ver­bin­dung im Sin­ne des § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB besteht 2. Dabei sind nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs im Kraft- und Schmier­stoff­ge­schäft die­je­ni­gen Kun­den als Stamm­kun­den anzu­se­hen, die an der Tank­stel­le min­des­tens vier­mal im Jahr tan­ken, ohne dass es dar­auf ankommt, wie sich die Tank­vor­gän­ge auf die Quar­ta­le ver­tei­len 3.

Als Stamm­kun­den sind alle Mehr­fach­kun­den anzu­se­hen, die inner­halb eines über­schau­ba­ren Zeit­raums, in dem übli­cher­wei­se mit Nach­be­stel­lun­gen zu rech­nen ist, mehr als nur ein­mal ein Geschäft mit dem Unter­neh­mer abge­schlos­sen haben oder vor­aus­sicht­lich abschlie­ßen wer­den 4.

Dies bedeu­tet aber nicht, dass schon jeder Zweit­kauf einen Kun­den zum Stamm­kun­den wer­den lässt. Wel­cher Zeit­raum bei der Prü­fung, ob eine Geschäfts­ver­bin­dung im oben genann­ten Sin­ne besteht, zugrun­de zu legen ist, hängt näm­lich von dem Gegen­stand des Geschäfts und den bran­chen­üb­li­chen Beson­der­hei­ten ab. Das Wie­der­ho­lungs­in­ter­vall für Fol­ge­ge­schäf­te ist bei häu­fig wie­der­keh­ren­den Ver­brauchs­ge­schäf­ten klei­ner zu bemes­sen als bei Geschäf­ten über lang­le­bi­ge Wirt­schafts­gü­ter 5. Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen ist, so der Bun­des­ge­richts­hofs, eine Zeit­span­ne von einem Jahr als maß­geb­li­cher Zeit­raum für die zu beur­tei­len­den Nach­käu­fe von Mehr­fach­kun­den im Shop­ge­schäft aus­rei­chend. Beim Ein­kauf der in einem Tank­stel­len­shop ange­bo­te­nen Waren han­delt es sich – eben­so wie beim Tan­ken – um ein All­tags­ge­schäft, so dass in bei­den Fäl­len für die Bewer­tung der Stamm­kun­den­ei­gen­schaft ein Zeit­raum von einem Jahr ange­setzt wer­den kann 6.

Eine Geschäfts­be­zie­hung nach § 89b Abs. 1 Nr. 1 HGB setzt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht vor­aus, dass die Kun­den mehr als nur gele­gent­li­che Fol­ge­ge­schäf­te mit dem Unter­neh­mer abschlie­ßen 7. Um die Stamm­kund­schaft von der übri­gen "unzu­ver­läs­si­gen, nicht zu erfas­sen­den Kund­schaft”, also der nur gele­gent­li­chen Lauf­kund­schaft abzu­gren­zen 8, ist letzt­lich allein die Nach­hal­tig­keit des Käu­fer­ver­hal­tens ent­schei­dend 9.

Eine gewis­se Nach­hal­tig­keit des Ein­kaufs­ver­hal­tens setzt im Shop­be­reich, so der Bun­des­ge­richts­hof, kei­nen häu­fi­ge­ren Ein­kauf vor­aus als im Tank­stel­len­be­reich:

Eine Dif­fe­ren­zie­rung der für die Stamm­kun­den­ei­gen­schaft aus­schlag­ge­ben­de Anzahl der im Pro­gno­se­zeit­raum zu täti­gen­den Nach­käu­fe aus­schließ­lich in Abhän­gig­keit von der zu ver­kau­fen­den Pro­dukt­grup­pe (Tank­stel­le oder Shop) lässt sich, so der Bun­des­ge­richts­hof, sei­ner Recht­spre­chung 10 nicht ent­neh­men. Ins­be­son­de­re in sei­nen drei Urtei­len vom 6. August 1997 hat der Bun­des­ge­richts­hof ledig­lich betont, dass der Anteil an Stamm­kun­den im Shop­ge­schäft nicht iden­tisch sein muss mit dem Anteil der Tank­stamm­kun­den. Dies erschließt sich schon dar­aus, dass nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung nicht jeder Tank­kun­de auch Shop­wa­ren ein­kauft, umge­kehrt aber auch nicht alle Shop­kun­den Kraft­stoff von der Tank­stel­le bezie­hen. Der BGH hat in den genann­ten Ent­schei­dun­gen aber, wie er jetzt aus­drück­lich klar­stellt, kei­ne Aus­sa­gen dar­über getrof­fen, dass die Ein­kaufs­fre­quenz bei Shop­wa­ren höher lie­gen müs­se als bei dem Bezug von Kraft- und Schmier­stof­fen.

Bei sei­ner pro­dukt­be­zo­ge­nen Sicht­wei­se bleibt nach Ansicht des BGH außer acht, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die Beur­tei­lung der Nach­hal­tig­keit des Käu­fer­ver­hal­tens nicht nur der Gegen­stand des Geschäfts, son­dern auch die bran­chen­üb­li­chen Beson­der­hei­ten maß­ge­bend sind (vgl. BGH, Urtei­le vom 12.09.2007, a.a.O.; vom 10.07.2002 – VIII ZR 158/​01, a.a.O.; jeweils m.w.N.)). Indem nur auf den Ver­kaufs­ge­gen­stand abge­stellt wird, wird, so der BGH, nicht berück­sich­tigt, dass das Käu­fer­ver­hal­ten bezüg­lich der an einer Tank­stel­le ange­bo­te­nen Waren nicht allein von dem Waren­sor­ti­ment bestimmt wird, das in Super­märk­ten oder Fach­märk­ten häu­fig güns­ti­ger erhält­lich ist. Daher las­sen sich. so der BGH wei­ter, Tank­stel­len­shops nicht mit den "gewöhn­li­chen" Ein­kaufs­märk­ten ver­glei­chen. Ihr Waren­sor­ti­ment rich­tet sich im Wesent­li­chen an Tank­kun­den, die hier ihren Rei­se­be­darf decken oder bei ihren sons­ti­gen Ein­käu­fen unbe­rück­sich­tigt ge-blie­be­ne Arti­kel erwer­ben. Dar­über hin­aus decken sie den Bedarf der­je­ni­gen Kun­den, die den Tank­stel­len­shop außer­halb der übli­chen Laden­schluss­zei­ten sons­ti­ger Märk­te zum Ein­kauf der ange­bo­te­nen Waren auf­su­chen.

Da ein Tank­stel­len­shop ande­re Käu­fer­be­dürf­nis­se als ein Super­markt oder Fach­markt bedient, kann allein aus dem Umstand, dass die dort ange­bo­te­nen Waren in der Regel häu­fi­ger benö­tigt wer­den als Kraft­stoff, kei­ne höhe­re Nach­kauf­fre­quenz abge­lei­tet wer­den. Zusätz­li­che Gesichts­punk­te, die abwei­chen­de Anfor­de­run­gen an die Stamm­kun­den­ei­gen­schaft bei Tank­kun­den und Shop­kun­den recht­fer­tig­ten, sind nicht ersicht­lich. Das Gegen­teil ist der Fall. Auch wenn es sich beim Tank- und Shop­be­reich um zwei getrenn­te Geschäfts­zwei­ge han­delt, darf näm­lich nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, dass aus Sicht der Kun­den ein enger Zusam­men­hang zwi­schen bei­den Berei­chen besteht (glei­che Öff­nungs­zei­ten, glei­che Geschäfts­räu­me, auf einen "Mit­nah­me­ef­fekt" abge-stimm­tes Waren­sor­ti­ment). Den (poten­ti­el­len) Kun­den wird durch das Shop­ge-schäft ein zusätz­li­ches Waren­an­ge­bot unter­brei­tet, wobei sich Mine­ral­öl­un­ter-neh­men und Tank­stel­len­hal­ter den Umstand zunut­ze machen, dass vie­le Kun-den ohne­hin wegen des Bedarfs an Kraft­stoff die Tank­stel­le auf­su­chen wer­den. Ange­sichts die­ser engen fak­ti­schen Ver­knüp­fung zwi­schen Tank- und Shop­ge­schäft und der unter­schied­li­chen von Ein­kaufs­märk­ten und Tank­stel­len­shops bedien­ten Kun­den­be­dürf­nis­se kön­nen auch im Shop­be­reich als Stamm­kun­den im All­ge­mei­nen die­je­ni­gen Käu­fer ange­se­hen wer­den, die min­des­tens vier Mal im Jahr dort Ein­käu­fe getä­tigt haben oder täti­gen. Wie im Tank­ge­schäft ist auch hier bei einem sol­chen Kun­den­ver­hal­ten die Annah­me gerecht­fer­tigt, dass eine Bin­dung an den Tank­stel­len­shop besteht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. April 2010 – VIII ZR 108/​09

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 12.09.2007 – VIII ZR 194/​06, VersR 2008, 214[]
  2. st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 11.11.2009 – VIII ZR 249/​08; vom 15.07.2009 – VIII ZR 171/​08, DB 2009, 2038, Tz. 16; vom 17.12.2008 – VIII ZR 159/​07, VersR 2009, 355, Tz. 35; vom 12.09.2007, a.a.O., Tz. 22; jeweils m.w.N.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 11.11.2009, a.a.O.; vom 15.07.2009, a.a.O.; vom 17.12.2008, a.a.O., Tz. 34 f., 40[]
  4. BGH, Urtei­le vom 17.12.2008, a.a.O., Tz. 35; vom 12.09.2007, a.a.O., Tz. 36; vom 12.02.2003 – VIII ZR 130/​01, a.a.O.; vom 06.08.1997 – VIII ZR 150/​96; VIII ZR 91/​96; und VIII ZR 92/​96, NJW 1998, 71; jeweils m.w.N.[]
  5. BGH, Urtei­le vom 12.09.2007, a.a.O.; vom 10.07.2002 – VIII ZR 158/​01; jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. zum Tank­ge­schäft: BGH, Urteil vom 12.09.2007, a.a.O., Tz. 38, 40[]
  7. BGH, Urteil vom 12.09.2007, a.a.O., Tz. 41; vgl. fer­ner BGH, Urtei­le vom 06.08.1997 – VIII ZR 150/​96, a.a.O., Tz. 34; VIII ZR 91/​96, a.a.O.; und VIII ZR 92/​96, a.a.O.; jeweils m.w.N.[]
  8. vgl. BGHZ 42, 244, 247; BGH, Urtei­le vom 06.08.1997 – VIII ZR 150/​96, a.a.O.; und VIII ZR 91/​96, a.a.O., Tz. 32; jeweils m.w.N.[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 12.09.2007, a.a.O., Tz. 40 ff.[]
  10. BGH, Urtei­le vom 17.12.2008, a.a.O.; und vom 06.08.1997 – VIII ZR 91/​96, a.a.O., Tz. 47; VIII ZR 150/​96, a.a.O.; VIII ZR 92/​96, a.a.O.[]