Der Weg­fall der Hof­ei­gen­schaft im Erb­fall

Ob beim Erb­fall trotz des im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Hof­ver­merks die Hof­ei­gen­schaft ent­fal­len war, beur­teilt sich danach, ob der Erb­las­ser den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb end­gül­tig ein­ge­stellt hat­te.

Der Weg­fall der Hof­ei­gen­schaft im Erb­fall

Die Hof­ei­gen­schaft kann auch bei fort­be­stehen­dem Hof­ver­merk ent­fal­len, wenn kei­ne land­wirt­schaft­li­che Besit­zung mehr vor­han­den ist 1. Maß­geb­lich ist inso­weit, ob die land­wirt­schaft­li­che Betriebs­ein­heit im Zeit­punkt des Erb­falls bereits auf Dau­er auf­ge­löst war 2. Ob das der Fall ist, ist weit­ge­hend eine Fra­ge tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung, die von dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur dar­auf über­prüft wer­den kann, ob das Beschwer­de­ge­richt sach­lich­recht­lich den rich­ti­gen Ansatz­punkt gewählt und die not­wen­di­gen Tat­sa­chen ver­fah­rens­feh­ler­frei fest­ge­stellt hat 3.

Bei der Beur­tei­lung, ob die land­wirt­schaft­li­che Betriebs­ein­heit dau­er­haft auf­ge­löst war, kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, ob eine Wie­der­her­stel­lung des land­wirt­schaft­li­chen Betriebs durch den poten­ti­el­len Hof­er­ben hin­rei­chend sicher zu erwar­ten ist. Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 16.10.1984 4 gibt dafür nichts her, denn inso­weit gibt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur die Stel­lung­nah­me des Deut­schen Bau­ern­ver­ban­des wie­der, die es in dem Ver­fah­ren ein­ge­holt hat­te.

Die Hof­ei­gen­schaft ist viel­mehr von der Per­son des mög­li­chen Hof­er­ben unab­hän­gig; ent­schei­dend ist, ob der Erb­las­ser den Betrieb im Zeit­punkt des Erb­falls end­gül­tig ein­ge­stellt hat­te. Hier­zu hat das Beschwer­de­ge­richt bis­her kei­ne aus­rei­chen­den, son­dern wider­sprüch­li­che Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Zum einen meint es, es lie­ge nicht nur eine vor­über­ge­hen­de Betriebs­ein­stel­lung mit der Mög­lich­keit einer jeder­zei­ti­gen Wie­der­auf­nah­me des land­wirt­schaft­li­chen Betriebs vor, son­dern es sei ein end­gül­ti­ger, dau­er­haf­ter Fort­fall der land­wirt­schaft­li­chen Betriebs­ein­heit anzu­neh­men. Zum ande­ren hält es in dem nächs­ten Satz ein Wie­der­anspan­nen des Hofes für mög­lich.

Nur ein nach dem Wil­len des Erb­las­sers ledig­lich vor­über­ge­hend ruhen­der ("ent­spann­ter") Betrieb kann wie­der­auf­ge­nom­men ("wie­der­an­ge­spannt") wer­den, nicht hin­ge­gen ein bereits dau­er­haft auf­ge­lös­ter 5. Kei­nes­falls kann eine land­wirt­schaft­li­che Besit­zung, die ihre Eigen­schaft als Hof im Zeit­punkt des Erb­falls bereits ver­lo­ren hat, den­noch als Son­der­ver­mö­gen nach höfe­recht­li­chen Grund­sät­zen ver­erbt wer­den 6. Dar­an ändert sich auch dann nichts, wenn im Zeit­punkt des Erb­falls (wie­der) ein poten­ti­el­ler Hof­er­be zur Ver­fü­gung steht, der zur Wie­der­auf­nah­me des Hofs bereit und in der Lage ist.

Hat der Erb­las­ser hin­ge­gen in objek­tiv nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se den Betrieb ledig­lich vor­über­ge­hend ein­ge­stellt, wird der Hof auch dann nach Maß­ga­be der Vor­schrif­ten der Höfe­ord­nung ver­erbt, wenn der Hof­er­be den Betrieb nicht wie­der auf­neh­men will 7. In die­sem Fall folgt aus der Ver­feh­lung des eigent­li­chen Zwecks der Son­der­erb­fol­ge, näm­lich der Erhal­tung land­wirt­schaft­li­cher Betrie­be als Ein­heit, gege­be­nen­falls ein erhöh­ter Aus­gleichs­an­spruch der wei­chen­den Mit­er­ben (§ 13 HöfeO).

e)) Ob ein mög­li­cher Hof­er­be im Zeit­punkt des Erb­falls tat­säch­lich wil­lens und in der Lage ist, den Betrieb wie­der anzu­span­nen, ist eine Fra­ge der hier nicht maß­geb­li­chen Wirt­schafts­fä­hig­keit im Sin­ne des § 6 Abs. 6 HöfeO 8. Für die Beur­tei­lung der Hof­ei­gen­schaft im Zeit­punkt des Erb­falls ist die Fra­ge nicht maß­geb­lich 9. Sie ist objek­tiv zu beur­tei­len und kann nicht unter­schied­lich nach der Per­son des mög­li­chen Hof­er­ben bejaht oder ver­neint wer­den 8. Zwar kann sich der Umstand, dass ein zur Wie­der­anspan­nung des Betriebs berei­ter Hof­er­be zur Ver­fü­gung steht, mit­tel­bar auch auf die Hof­ei­gen­schaft aus­wir­ken näm­lich dann, wenn der Erb­las­ser noch zu Leb­zei­ten objek­tiv nach­voll­zieh­bar zu erken­nen gege­ben hat, dass er ein Wie­der­anspan­nen des Betriebs gera­de mit Blick auf die­sen Hof­er­ben erwar­tet 10. Dann kann auch im Rah­men der tatrich­ter­li­chen Prü­fung, ob eine bloß vor­über­ge­hen­de Betriebs­ein­stel­lung vor­lag, ob also der Erb­las­ser in objek­tiv nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se von einer zukünf­ti­gen Wie­der­auf­nah­me aus­ging, berück­sich­tigt wer­den, ob das Vor­han­den­sein eines geeig­ne­ten Hof­er­ben die­se Vor­stel­lun­gen des Erb­las­sers objek­tiv stütz­te. Maß­geb­lich bleibt auch dann die Sicht des Erb­las­sers, nicht aber wie von dem Beschwer­de­ge­richt ange­nom­men die Per­son des poten­ti­el­len Hof­er­ben.

Die Fra­ge nach dem Bestehen und dem Weg­fall der Betriebs­ein­heit lässt sich nicht iso­liert auf­grund einer ein­zi­gen Tat­sa­che beant­wor­ten. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine Gesamt­wür­di­gung aller in Betracht kom­men­den Tat­sa­chen 8. Indi­zi­en kön­nen etwa der bau­li­che Zustand der Hof­stel­le, die über Jahr­zehn­te andau­ern­de Stück­land­ver­pach­tung der Grund­stü­cke, die lang andau­ern­de Bewirt­schaf­tungs­auf­ga­be durch den Erb­las­ser und des­sen Wil­le, den ehe­ma­li­gen Hof auf­zu­tei­len, sein 11.

Ein maß­geb­li­cher Gesichts­punkt ist der Wil­le des Erb­las­sers, dass von sei­ner Hof­stel­le aus nie wie­der Land­wirt­schaft betrie­ben wer­den kann oder soll 12. Ein sol­cher Wil­le wird gege­be­nen­falls im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung aller Ver­hält­nis­se indi­ziert, zumal die auf eine Auf­lö­sung des Hofes hin­wei­sen­den Umstän­de zumeist ohne­hin auf den Wil­len des Hof­ei­gen­tü­mers zurück­ge­hen 13. Aller­dings kann der blo­ße Wil­le des Erb­las­sers, sei­nen Grund­be­sitz trotz Betriebs­ein­stel­lung wei­ter als Hof zu behan­deln und nach höfe­recht­li­chen Grund­sät­zen zu ver­er­ben, dann nicht ent­schei­dend sein, wenn die Vor­aus­set­zun­gen der Hof­ei­gen­schaft nach § 1 HöfeO objek­tiv ent­fal­len sind, wenn also im Zeit­punkt des Erb­falls bei rea­lis­ti­scher Betrach­tungs­wei­se kei­ne Anhalts­punk­te dafür gege­ben sind, dass der Betrieb in Zukunft wie­der auf­ge­nom­men wer­den könn­te 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2013 – BLw 4/​12

  1. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 26.10.1999 – BLw 2/​99, NJW-RR 2000, 292[]
  2. BGH, Beschluss vom 26.10.1999 – BLw 2/​99, NJW-RR 2000, 292; Beschluss vom 28.04.1995 – BLw 73/​94, NJW-RR 1995, 1155, 1156; Beschluss vom 13.05.1982 – V BLw 20/​81, BGHZ 84, 78, 84; vgl. auch BGH, Beschluss vom 23.11.2012 – BLw 12/​11, Fam­RZ 2013, 622 Rn. 35; OLG Hamm, RdL 2007, 97, 98; Lange/​Wulff/​LüdtkeHandjery, HöfeO, 10. Aufl., § 1 Rn. 101; Faß­ben­der in: Faßbender/​Hötzel/​von Jeinsen/​Pikalo, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 115[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.10.1999 – BLw 2/​99, NJW-RR 2000, 292; Beschluss vom 28.04.1995 – BLw 73/​94, NJW-RR 1995, 1155, 1156; Beschluss vom 13.05.1982 – V BLw 20/​81, BGHZ 84, 78, 84[]
  4. BVerfG, Urteil vom 16.10.1984 – 1 BvL 17/​80[]
  5. Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 10. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 142, 144; Steffen/​Ernst, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 41; zu dem Aus­nah­me­fall des Rück­gän­gig­ma­chens der Hof­auf­ga­be zu Leb­zei­ten des Erb­las­sers vgl. BGH, Beschluss vom 28.09.2000 – - BLw 13/​00, juris Rn. 5; OLG Cel­le, RdL 2000, 193, 194; OLG Hamm, AUR 2006, 243, 245; Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 10. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 143; Steffen/​Ernst, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 47[]
  6. BGH, Beschluss vom 14.05.1987 – BLw 29/​85, Fam­RZ 1988, 497, 498; Beschluss vom 17.10.2011 – BLw 7/​11[]
  7. Faß­ben­der in: Faßbender/​Hötzel/​von Jeinsen/​Pikalo, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 115[]
  8. BGH, Beschluss vom 28.04.1995 – BLw 73/​94, NJW-RR 1995, 1155, 1156[][][]
  9. Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 10. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 143 f.; vgl. auch Steffen/​Ernst, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 46[]
  10. vgl. auch Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 10. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 143; Steffen/​Ernst, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 47 zum Rück­gän­gig­ma­chen der Hof­auf­ga­be zu Leb­zei­ten des Erb­las­sers[]
  11. BGH, Beschluss vom 26.10.1999 – BLw 2/​99, NJW-RR 2000, 292 f.; Beschluss vom 28.04.1995 – BLw 73/​94, NJW-RR 1995, 1155, 1156; Beschluss vom 13.05.1982 – V BLw 20/​81, BGHZ 84, 78, 83 f.[]
  12. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 28.09.2000 – BLw 13/​00; Beschluss vom 22.11.1956 – V BLw 42/​56, RdL 1957, 43, 44; Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 10. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 143[]
  13. BGH, Beschluss vom 29.03.2001 – BLw 20/​00, RdL 2005, 180, 181; Beschluss vom 28.09.2000 – BLw 13/​00; vgl. auch BGH, Beschluss vom 28.04.1995 – BLw 73/​94, NJW-RR 1995, 1155, 1156; OLG Hamm, RdL 2007, 97, 98[]
  14. OLG Olden­burg, Fam­RZ 2010, 1274, 1276; OLG Cel­le, RdL 2012, 50, 52 [die Rechts­be­schwer­de gegen die­se Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof als unzu­läs­sig ver­wor­fen: Beschluss vom 17.10.2011 – BLw 7/​11]; Wöhr­mann, Land­wirt­schafts­er­brecht, 3. Aufl., § 1 HöfeO Rn. 143; Steffen/​Ernst, HöfeO, 3. Aufl., § 1 Rn. 47; vgl. auch BVerfGE 67, 348, 368 f.[]