Bank­pro­vi­sio­nen bei Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­gen

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat den Umfang des Ver­brau­cher­schut­zes bei Kre­dit­ver­trä­gen prä­zi­siert: Ein Mit­glied­staat kann die Bank­pro­vi­sio­nen beschrän­ken, die ein Kre­dit­ge­ber erhe­ben darf.

Bank­pro­vi­sio­nen bei Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­gen

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf der Grund­la­ge der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie bestä­tigt, dass ein Mit­glied­staat die Bank­pro­vi­sio­nen beschrän­ken kann, die ein Kre­dit­ge­ber erhe­ben darf.

Die Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie 1, die von den Mit­glieds­staa­ten bis spä­tes­tens zum 12. Mai 2010 umzu­set­zen war, sieht vor, dass die Mit­glied­staa­ten in den von ihr har­mo­ni­sier­ten Berei­chen kei­ne Bestim­mun­gen in ihrem inner­staat­li­chen Recht auf­recht­erhal­ten oder ein­füh­ren dür­fen, die von den Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie abwei­chen. Sie hin­dert die Mit­glied­staa­ten jedoch nicht dar­an, die Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie nach Maß­ga­be des Uni­ons­rechts auch auf Berei­che anzu­wen­den, die nicht in ihren Gel­tungs­be­reich fal­len. Außer­dem tra­gen die Mit­glied­staa­ten dafür Sor­ge, dass ange­mes­se­ne und wirk­sa­me außer­ge­richt­li­che Ver­fah­ren zur Bei­le­gung ver­brau­cher­recht­li­cher Strei­tig­kei­ten, die Kre­dit­ver­trä­ge betref­fen, vor­han­den sind; dabei sind gege­be­nen­falls die bestehen­den Ein­rich­tun­gen zu nut­zen. Die Richt­li­nie gilt nicht für die am Tag des Inkraft­tre­tens der inner­staat­li­chen Umset­zungs­maß­nah­men bereits lau­fen­den Kre­dit­ver­trä­ge.

In Rumä­ni­en wur­de die Richt­li­nie durch eine am 22. Juni 2010 in Kraft getre­te­ne Ver­ord­nung in inner­staat­li­ches Recht umge­setzt. Die­se Ver­ord­nung sieht u. a. vor, dass der Kre­dit­ge­ber für den gewähr­ten Kre­dit nur eine Pro­vi­si­on für die Prü­fung der Unter­la­gen, eine Pro­vi­si­on für die Kre­dit- oder Kon­to­kor­rent­be­ar­bei­tung, eine Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung, Kos­ten für Ver­si­che­run­gen, gege­be­nen­falls Ver­zugs­kos­ten sowie eine ein­ma­li­ge Pro­vi­si­on für im Zusam­men­hang mit dem Antrag des Ver­brau­chers erbrach­te Dienst­leis­tun­gen erhe­ben darf.

Im vor­lie­gen­den Fall ist in den All­ge­mei­nen Bedin­gun­gen der zwi­schen der Volks­bank Româ­nia und ihren Kun­den vor Inkraft­tre­ten der Ver­ord­nung geschlos­se­nen Ver­trä­gen vor­ge­se­hen, dass der Kre­dit­neh­mer der Bank für die Ein­räu­mung des Kre­dits eine „Risi­ko­pro­vi­si­on“ in Höhe von 0,2 % des Kre­dit­be­trags schul­det, die monat­lich wäh­rend der gesam­ten Lauf­zeit des Kre­dits zu zah­len ist.

Die Auto­ri­ta­tea Na?ional? pen­tru Protec?ia Con­su­ma­to­rilor ? Comisaria­tul Jude?ean pen­tru Protec?ia Con­su­ma­to­rilor C?l?ra?i (CJPC) (Natio­na­le Ver­brau­cher­schutz­be­hör­de ? Kreis­kom­mis­sa­ri­at für Ver­brau­cher­schutz C?l?ra?i), die der Auf­fas­sung ist, dass die Erhe­bung die­ser Pro­vi­si­on von der Ver­ord­nung nicht vor­ge­se­hen sei, ver­häng­te gegen die Volks­bank ein Buß­geld und wei­te­re Sank­tio­nen.

Die Volks­bank mach­te bei der Judec?toria C?l?ra?i (Amts­ge­richt C?l?ra?i, Rumä­ni­en) gel­tend, dass bestimm­te Vor­schrif­ten der Ver­ord­nung gegen die Richt­li­nie ver­stie­ßen. Die­ses Gericht bit­tet den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on daher im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens, die Trag­wei­te die­ser Richt­li­nie zu bestim­men.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on äußert sich ers­tens zu dem Umstand, dass Mit­glied­staa­ten durch Grund­pfand­rech­te gesi­cher­te Kre­dit­ver­trä­ge in den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich einer inner­staat­li­chen Maß­nah­me zur Umset­zung der Richt­li­nie ein­be­zie­hen, obwohl die­se sie aus ihrem Gel­tungs­be­reich aus­schließt. Der Gerichts­hof betont, dass die Mit­glied­staa­ten die Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie nach Maß­ga­be des Uni­ons­rechts auf Berei­che anwen­den kön­nen, die nicht in deren Gel­tungs­be­reich fal­len. So kön­nen sie für nicht in den sach­li­chen Gel­tungs­be­reich die­ser Richt­li­nie fal­len­de Kre­dit­ver­trä­ge inner­staat­li­che Maß­nah­men bei­be­hal­ten oder ein­füh­ren, die den Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie oder man­chen ihrer Bestim­mun­gen ent­spre­chen, wie im vor­lie­gen­den Fall für durch Grund­pfand­rech­te gesi­cher­te Kre­dit­ver­trä­ge.

Zwei­tens prüft der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ein­be­zie­hung sol­cher, am Tag des Inkraft­tre­tens der inner­staat­li­chen Rege­lung bereits lau­fen­der Kre­dit­ver­trä­ge in den zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reich die­ser Rege­lung. Der Gerichts­hof stellt fest, dass es grund­sätz­lich Sache der Mit­glied­staa­ten ist, die Vor­aus­set­zun­gen fest­zu­le­gen, unter denen sie ihre natio­na­le Rege­lung zur Umset­zung die­ser Richt­li­nie auf Kre­dit­ver­trä­ge wie die im vor­lie­gen­den Fall in Rede ste­hen­den, die nicht in einen der Berei­che fal­len, für die der Uni­ons­ge­setz­ge­ber har­mo­ni­sier­te Vor­schrif­ten fest­le­gen woll­te, erstre­cken möch­ten. Folg­lich kön­nen die Mit­glied­staa­ten eine Über­gangs­maß­nah­me fest­le­gen, wonach die genann­ten inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten auch auf zum Zeit­punkt ihres Inkraft­tre­tens bereits lau­fen­de Ver­trä­ge anwend­bar sind.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist drit­tens der Ansicht, dass die Richt­li­nie es nicht ver­bie­tet, dass ein Mit­glied­staat den Kre­dit­in­sti­tu­ten Pflich­ten auf­er­legt, die in der Richt­li­nie nicht vor­ge­se­hen sind, was die Arten von Pro­vi­sio­nen betrifft, die die­se Kre­dit­in­sti­tu­te im Rah­men von Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­gen erhe­ben dür­fen. Denn im vor­lie­gen­den Fall stellt die in der rumä­ni­schen Ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Rege­lung, soweit sie eine erschöp­fen­de Lis­te der Bank­pro­vi­sio­nen ent­hält, die der Kre­dit­ge­ber vom Ver­brau­cher erhe­ben darf, eine Ver­brau­cher­schutz­re­ge­lung in einem von der Richt­li­nie nicht har­mo­ni­sier­ten Bereich dar.

Vier­tens nimmt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zum Argu­ment der Volks­bank Stel­lung, wonach die rumä­ni­sche Rege­lung dadurch, dass sie den Kre­dit­in­sti­tu­ten die Erhe­bung bestimm­ter Bank­pro­vi­sio­nen unter­sa­ge, dazu füh­re, dass von in ande­ren Mit­glied­staa­ten ansäs­si­gen Unter­neh­men ange­bo­te­ne Ver­brau­cher­kre­di­te den in Rumä­ni­en ansäs­si­gen Kun­den weni­ger leicht zugäng­lich sei­en, und folg­lich gegen die Uni­ons­be­stim­mun­gen über den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr ver­sto­ße. Hier­zu führt der Gerichts­hof aus, dass eine Rege­lung eines Mit­glied­staats nicht allein des­halb eine Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar­stellt, weil ande­re Mit­glied­staa­ten in ihrem Gebiet ansäs­si­ge Erbrin­ger gleich­ar­ti­ger Dienst­leis­tun­gen weni­ger stren­gen oder wirt­schaft­lich inter­es­san­te­ren Vor­schrif­ten unter­wer­fen. Der Gerichts­hof ist außer­dem der Auf­fas­sung, dass eine inner­staat­li­che Vor­schrift wie die im rumä­ni­schen Recht vor­ge­se­he­ne den Zugang zum Markt nicht weni­ger attrak­tiv macht und die Mög­lich­keit der betrof­fe­nen Unter­neh­men, ohne Wei­te­res mit den tra­di­tio­nell in Rumä­ni­en ansäs­si­gen Unter­neh­men wirk­sam in Wett­be­werb zu tre­ten, nicht erheb­lich ver­rin­gert.

Schließ­lich stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Richt­li­nie der rumä­ni­schen Rege­lung nicht ent­ge­gen­steht, die es den Ver­brau­chern bei Ver­brau­cher­kre­di­ten ermög­licht, sich unmit­tel­bar an eine Ver­brau­cher­schutz­be­hör­de zu wen­den, die dar­auf­hin gegen die Kre­dit­in­sti­tu­te wegen Ver­sto­ßes gegen die­se inner­staat­li­che Rege­lung Sank­tio­nen ver­hän­gen kann, ohne zuvor ein für der­ar­ti­ge Rechts­strei­tig­kei­ten vor­ge­se­he­nes Ver­fah­ren zur außer­ge­richt­li­chen Streit­bei­le­gung wie das im natio­na­len Recht vor­ge­se­he­ne in Anspruch neh­men zu müs­sen. Der Gerichts­hof führt näm­lich aus, dass die Richt­li­nie ver­langt, dass die im Bereich der außer­ge­richt­li­chen Streit­bei­le­gung vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren ange­mes­sen und wirk­sam sind. Folg­lich ist es Sache der Mit­glied­staa­ten, die Moda­li­tä­ten die­ser Ver­fah­ren ein­schließ­lich ihres mög­li­chen obli­ga­to­ri­schen Cha­rak­ters zu regeln; dabei haben sie die prak­ti­sche Wirk­sam­keit der Richt­li­nie zu gewähr­leis­ten.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 12. Juli 2012 – C‑602/​10 [SC Volks­bank Româ­nia SA /​Auto­ri­ta­tea Na?ional? pen­tru Protec?ia
Con­su­ma­to­rilor – Comisaria­tul Jude?ean pen­tru Protec?ia Con­su­ma­to­rilor C?l?ra?i (CJPC)]

  1. Richt­li­nie 2008/​48/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23. April 2008 über Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­ge und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 87/​102/​EWG des Rates (ABl. L 133, S. 66, sowie – Berich­ti­gun­gen – ABl. 2009, L 207, S. 14, ABl. 2010, L 199, S. 40, und ABl. 2011 L 234, S. 46).[]