Immer noch kei­ne gen­der­ge­rech­te Spra­che in Bankformularen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de bezo­gen auf die Ver­wen­dung geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che in Spar­kas­sen­vor­dru­cken und ‑for­mu­la­ren nicht zur Ent­schei­dung angenommen.

Immer noch kei­ne gen­der­ge­rech­te Spra­che in Bankformularen

Die Beschwer­de­füh­re­rin ist Kun­din einer Spar­kas­se, die im Geschäfts­ver­kehr For­mu­la­re und Vor­dru­cke ver­wen­det, die nur gram­ma­tisch männ­li­che, nicht aber auch gram­ma­tisch weib­li­che oder geschlechts­neu­tra­le Per­so­nen­be­zeich­nun­gen ent­hal­ten. Die Beschwer­de­füh­re­rin klag­te dar­auf, die Spar­kas­se zu ver­pflich­ten, ihr gegen­über For­mu­la­re und Vor­dru­cke zu ver­wen­den, die eine gram­ma­tisch weib­li­che Form vorsehen.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Saar­brü­cken wies die Kla­ge ab [1]; das Land­ge­richt Saar­brü­cken wies die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung zurück [2]. Auch die Revi­si­on zum Bun­des­ge­richts­hof blieb erfolg­los [3]. § 28 Satz 1 des Saar­län­di­schen Gleich­stel­lungs­ge­set­zes (SLGG) sei zwar objek­tiv­recht­lich anwend­bar, urteil­te der Bun­des­ge­richts­hof, begrün­de aber kei­ne sub­jek­ti­ven Rech­te der Beschwer­de­füh­re­rin. Die Norm ver­pflich­te nur die Dienst­stel­le zum ent­spre­chen­den Sprach­ge­brauch, begüns­ti­ge aber kei­nen abgrenz­ba­ren Per­so­nen­kreis. Einen all­ge­mei­nen Anspruch auf den Voll­zug sol­cher öffent­lich-recht­li­cher Nor­men gebe es nicht. Ent­spre­chend ste­he der Beschwer­de­füh­re­rin der gel­tend gemach­te Anspruch auch nicht in Ver­bin­dung mit § 823 Abs. 2, § 1004 BGB zu. Eben­so­we­nig fol­ge die­ser aus § 21 Abs. 1 AGG, denn eine recht­lich rele­van­te Ungleich­be­hand­lung der Beschwer­de­füh­re­rin gegen-über männ­li­chen Kun­den der Spar­kas­se las­se sich durch die Ver­wen­dung allein der gram­ma­tisch männ­li­chen Form in For­mu­la­ren und Vor­dru­cken nicht ent­neh­men. Durch das soge­nann­te gene­ri­sche Mas­ku­li­num wür­den nach dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch und Sprach­ver­ständ­nis Per­so­nen jeden natür­li­chen Geschlechts erfasst. Dies zei­ge sich gera­de mit Blick auf Geset­zes­tex­te. Ins­be­son­de­re das Grund­ge­setz selbst ver­wen­de an ver­schie­de­nen Stel­len das gene­ri­sche Mas­ku­li­num. Des­halb las­se sich der Anspruch auch nicht auf das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) oder auf Art. 3 Abs. 1, Abs. 2, Abs. 3 Satz 1 GG stüt­zen. Ins­be­son­de­re bedür­fe der sich aus Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG erge­ben­de Ver­fas­sungs­auf­trag, die tat­säch­li­che Gleich­be­rech­ti­gung durch­zu­set­zen, der Aus­ge­stal­tung durch den Gesetz­ge­ber. Abwei­chen­des erge­be sich auch nicht aus Ver­trag oder aus supra­na­tio­na­lem Recht.

Die dar­auf­hin erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, da sie den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen nicht genüge:

Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG (all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht) oder aus Art. 3 GG und den hier ver­bürg­ten Gleich­heits­an­for­de­run­gen rügt, setzt sie sich nicht mit dem vom Bun­des­ge­richts­hof ange­führ­ten Argu­ment aus­ein­an­der, dass das Grund­ge­setz selbst das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ver­wen­det. Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich hier­auf neben ande­ren Grün­den selb­stän­dig tra­gend sowohl zur Ver­nei­nung eines Anspruchs aus § 21 Abs. 1 AGG als auch zur Ver­nei­nung einer Ver­let­zung der von der Beschwer­de­füh­re­rin gel­tend gemach­ten Grund­rech­te beru­fen. Unge­ach­tet der Fra­ge, wie­weit die­se Argu­men­ta­ti­on im Ergeb­nis trägt, hät­te sich die Beschwer­de­füh­re­rin jeden­falls hier­mit näher aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Denn wenn eine fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dung auf meh­re­re je selb­stän­dig tra­gen­de Grün­de gestützt ist, ist es für eine zuläs­si­ge Ver­fas­sungs­be­schwer­de erfor­der­lich, dass sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de in einer den Anfor­de­run­gen des § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG genü­gen­den Wei­se gegen alle die­se selb­stän­dig tra­gen­den Grün­de wen­det [4].

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof sei­ne Ent­schei­dung dar­auf stützt, dass § 28 Satz 1 SLGG allein als objek­ti­ves Recht Gel­tung bean­spru­che, nicht aber auch sub­jek­ti­ve Rech­te ein­räu­me, greift die Beschwer­de­füh­re­rin dies gleich­falls nicht sub­stan­ti­iert an. Weder rügt sie eine Ver­let­zung der hier­durch mög­li­cher­wei­se berühr­ten Garan­tie des effek­ti­ven Rechts­schut­zes aus Art.19 Abs. 4 GG, noch setzt sie sich sonst unter ver­fas­sungs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten hier­mit auseinander.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Mai 2020 – 1 BvR 1074/​18

  1. AG Saar­brü­cken, Urteil vom 12.02.2016 – 36 C 300/​15 (12).[]
  2. LG Saar­brü­cken, Urteil vom 10.03.2017 – 1 S 4/​16[]
  3. BGH, Urteil vom 13.03.2018 – VIZR 143/​17[]
  4. vgl. BVerfGK 14, 402, 417 m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 22.01.2020 – 2 BvR 1807/​19, Rn. 18 f.; Hömig, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 92 Rn. 44 [Janu­ar 2020] m.w.N.[]