Pfän­dung in die Kre­dit­li­nie

Pfän­det der Gläu­bi­ger in eine dem Schuld­ner eröff­ne­te Kre­dit­li­nie, so ent­steht ein Pfand­recht erst mit dem Abruf der Kre­dit­mit­tel als Rechts­hand­lung des Schuld­ners1.

Pfän­dung in die Kre­dit­li­nie

Wich­tig ist dies ins­be­son­de­re in der spä­te­ren Insol­venz des Pfän­dungs­schuld­ners für eine Anfech­tung des Pfän­dungs­pfand­rechts durch den Insol­venz­ver­wal­ter, denn das von dem Pfän­dungs­gläu­bi­ger jeweils erlang­te Pfän­dungs­pfand­recht beruh­te – bei jedem Abruf aus der Kre­dit­li­nie – jeweils auf einer Rechts­hand­lung des Schuld­ne­rin.

Die von der Schuld­ne­rin ver­an­lass­ten Über­wei­sun­gen anfecht­ba­re Rechts­hand­lun­gen im Sin­ne des § 133 Abs. 1 Satz 1 InsO sind.

Die­se Vor­schrift setzt als Rechts­hand­lung ein wil­lens­ge­lei­te­tes, ver­ant­wor­tungs­ge­steu­er­tes Han­deln des Schuld­ners vor­aus. Der Schuld­ner muss dar­über ent­schei­den kön­nen, ob er eine Leis­tung erbringt oder ver­wei­gert. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind zwei­fel­los zu beja­hen, wenn der Schuld­ner eine Über­wei­sung ver­an­lasst, mögen für den Zah­lungs­emp­fän­ger auch zuvor die Ansprü­che auf Aus­zah­lung gepfän­det und zur Ein­zie­hung über­wie­sen wor­den sein2.

Jedoch kann die gemäß § 129 Abs. 1 InsO stets erfor­der­li­che objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, der Gläu­bi­ger habe ein unan­fecht­ba­res Pfän­dungs­pfand­recht erwor­ben, weil es inso­weit an einer wil­lens­ge­steu­er­ten Rechts­hand­lung der Schuld­ne­rin gefehlt habe, denn die­se habe an der Pfän­dungs­maß­nah­me nicht mit­ge­wirkt.

Der Zeit­punkt der Vor­nah­me einer Rechts­hand­lung bestimmt sich nach § 140 InsO. Nach Absatz 1 die­ser Bestim­mung kommt es auf den Zeit­punkt an, in dem die recht­li­chen Wir­kun­gen der Hand­lung ein­tre­ten. Bei beding­ten und befris­te­ten Rechts­hand­lun­gen bleibt aller­dings der Ein­tritt der Bedin­gung oder des Ter­mins außer Betracht (§ 140 Abs. 3 InsO). Eine For­de­rungs­pfän­dung ist grund­sätz­lich in dem Zeit­punkt vor­ge­nom­men, in dem der Pfän­dungs­be­schluss dem Dritt­schuld­ner zuge­stellt wird, weil damit ihre recht­li­chen Wir­kun­gen ein­tre­ten (§ 829 Abs. 3 ZPO, § 309 Abs. 2 Satz 1 AO). Soweit sich jedoch die Pfän­dung auf eine künf­ti­ge For­de­rung bezieht, wird ein Pfand­recht erst mit deren Ent­ste­hung begrün­det, so dass auch anfech­tungs­recht­lich auf die­sen Zeit­punkt abzu­stel­len ist3.

Die Pfän­dung der Ansprü­che der Schuld­ne­rin aus der offe­nen Kre­dit­li­nie war wirk­sam4. Ein Pfand­recht an For­de­run­gen aus dem Kre­dit­ver­hält­nis wur­de dadurch jedoch vor einem Abruf der Ein­zel­be­trä­ge durch die Schuld­ne­rin nicht begrün­det. Denn bei einem Dis­po­si­ti­ons­kre­dit besteht vor dem Abruf durch den Dar­le­hens­neh­mer noch kein Anspruch auf Aus­zah­lung gegen die Bank, den ein Pfand­gläu­bi­ger ohne Mit­wir­kung des Kre­dit­in­ha­bers ein­zie­hen könn­te. Der Kon­to­kor­rent­kre­dit stellt es viel­mehr ins Belie­ben des Kon­to­in­ha­bers, ob er die Kre­dit­li­nie in Anspruch nimmt. Des­halb wird ein Anspruch auf Aus­zah­lung erst durch den Abruf des Kun­den begrün­det5.

Vor dem Abruf des Kon­to­in­ha­bers ist dem­ge­mäß kein Anspruch auf Aus­zah­lung gegen die Bank vor­han­den, der einem Abtre­tungs- oder Pfän­dungs­gläu­bi­ger das Recht geben könn­te, sich ohne Mit­wir­kung des Kon­to­in­ha­bers Kre­dit­mit­tel aus­zah­len zu las­sen. Ob ein sol­cher Anspruch begrün­det wird, hängt damit allein von der per­sön­li­chen Ent­schei­dung des Kon­to­in­ha­bers ab. Die­se Befug­nis kann der Gläu­bi­ger nicht durch Pfän­dung des Abruf­rechts auf sich über­tra­gen und den Schuld­ner so zur Begrün­dung neu­er Ver­bind­lich­kei­ten zwin­gen6.

Das Pfand­recht des Gläu­bi­gers ist damit jeweils erst mit dem Abruf der Kre­dit­mit­tel durch die Über­wei­sungs­auf­trä­ge und damit durch eine Rechts­hand­lung der Schuld­ne­rin ent­stan­den.

Der Begriff der Rechts­hand­lung ist auch hier weit aus­zu­le­gen. Rechts­hand­lung ist jedes von einem Wil­len getra­ge­ne Han­deln, das recht­li­che Wir­kun­gen aus­löst und das Ver­mö­gen zum Nach­teil der Insol­venz­gläu­bi­ger ver­än­dern kann7. Hat der Schuld­ner aller­dings nur die Wahl, die gefor­der­te Leis­tung sofort zu erbrin­gen oder die Voll­stre­ckung durch die bereits anwend­ba­re Voll­zie­hungs­per­son zu dul­den, ist ein selbst­be­stimm­tes Han­deln aus­ge­schlos­sen8.

Vor­lie­gend kann aber kein Zwei­fel dar­an bestehen, dass der Abruf der Kre­dit­mit­tel durch Ver­an­las­sung der Über­wei­sun­gen durch die Schuld­ne­rin jeweils eine Rechts­hand­lung dar­stellt. Die Schuld­ne­rin hät­te die­se Über­wei­sun­gen ohne wei­te­res unter­las­sen kön­nen9.

Soweit das Beru­fungs­ge­richt meint, der Abruf für sich genom­men sei nicht anfecht­bar, weil die ein­sei­ti­ge Zah­lungs­an­wei­sung des Schuld­ners die Gläu­bi­ger noch nicht benach­tei­li­ge, solan­ge sie frei wider­ruf­lich sei, geht dies fehl.

Zum einen war nach dem zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt gel­ten­den Recht, näm­lich nach § 676a Abs. 4 BGB a.F., ein Über­wei­sungs­ver­trag nicht, wie das Beru­fungs­ge­richt annimmt, frei wider­ruf­lich, son­dern nur unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen künd­bar. Eine sol­che Kün­di­gung ist hier nicht erfolgt.

Jeden­falls ist aber nicht auf die Zeit vor Aus­füh­rung der Über­wei­sung abzu­stel­len, son­dern gera­de auf den Erfolg des Abrufs der Schuld­ne­rin, die Über­wei­sung durch die S. , durch wel­che die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung ein­trat. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat eine Zah­lung mit Mit­teln eines zuvor ein­ge­räum­ten und vom Schuld­ner abge­ru­fe­nen Dis­po­si­ti­ons­kre­dits auch gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gen­de Wir­kung10.

Soweit sich die gegen­tei­li­ge Ansicht schließ­lich für sei­ne Auf­fas­sung auf das BGH-Urteil vom 22. Janu­ar 200411 beruft, liegt dem ein Miss­ver­ständ­nis zugrun­de.

Rich­tig ist, dass die Revi­si­on des Insol­venz­ver­wal­ters in jenem Fall in Höhe von 5.652,29 DM mit der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen wor­den war, dass der Gläu­bi­ger außer­halb des von § 131 InsO geschütz­ten Zeit­raums ein Pfand­recht erwor­ben hat­te, soweit der Kre­dit in die­ser Zeit nicht aus­ge­schöpft war und der Schuld­ner ihn durch eine ihm zuzu­rech­nen­de Ver­fü­gung in Anspruch genom­men hat­te12. In jenem Fall hat­te der Insol­venz­ver­wal­ter aber kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, auf wel­che die Anfech­tung des Pfand­rechts, soweit es frü­her als drei Mona­te vor Stel­lung des Insol­venz­an­trags wirk­sam gewor­den war, hät­te gestützt wer­den kön­nen13. Gera­de um sol­che Tat­sa­chen, wel­che die Anfech­tung nach § 133 Abs. 1 InsO begrün­den, geht es vor­lie­gend.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Juni 2011 – IX ZR 179/​08

  1. Fort­füh­rung von BGH ZIP 2008, 131
  2. BGH, Urteil vom 10.02.2005 – IX ZR 211/​02, BGHZ 162, 143, 152; vom 25.10.2007 – IX ZR 157/​06, ZIP 2008, 131 Rn. 16; vom 09.07.2009 – IX ZR 86/​08, ZIP 2009, 1674 Rn. 21; vom 03.02.2011 – IX ZR 213/​09, ZIP 2011, 531 Rn. 5
  3. BGH, Urteil vom 22.01.2004 – IX ZR 39/​03, BGHZ 157, 350, 353 f
  4. vgl. BGH, Urteil vom 29.03.2001 – IX ZR 34/​00, BGHZ 147, 193, 196 ff
  5. BGH, Urteil vom 22.01.2004, aaO S. 355 mwN
  6. BGH, Urteil vom 22.01.2004, aaO S. 356
  7. BGH, Urteil vom 09.07.2009, aaO Rn. 21 mwN
  8. BGH, Urteil vom 10.02.2005, aaO S. 152; vom 03.02.2011 – IX ZR 213/​09, ZIP 2011, 531 Rn. 5
  9. vgl. BGH, Urteil vom 10.02.2005, aaO S. 152; vom 25.10.2007, aaO Rn. 16
  10. BGH, Urteil vom 25.10.2007, aaO Rn. 14; vom 06.10.2009 – IX ZR 191/​05, BGHZ 182, 317 Rn. 13 mwN
  11. BGH, Urteil vom 22.01.2004 – IX ZR 39/​03, aaO
  12. BGH, aaO, 357
  13. BGH, aaO, ZIP 2004, 513, 518 a.E.; inso­weit in BGHZ 157, 350, 361 nicht abge­druckt