Rechts­scheins­haf­tung des ver­meint­li­chen Mit­un­ter­neh­mers

Bei einem unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Rechts­ge­schäft kann ein Drit­ter auf­grund des von ihm erzeug­ten Rechts­scheins, er sei Mit­in­ha­ber des Unter­neh­mens, für die Erfül­lung des dar­auf beru­hen­den Ver­trags haf­ten.

Rechts­scheins­haf­tung des ver­meint­li­chen Mit­un­ter­neh­mers

Bei unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Rechts­ge­schäf­ten geht der Wil­le der Betei­lig­ten im Zwei­fel dahin, dass der Inha­ber des Unter­neh­mens, in des­sen Tätig­keits­be­reich das rechts­ge­schäft­li­che Han­deln fällt, und nicht der für das Unter­neh­men Han­deln­de der Ver­trags­part­ner wer­den soll 1. Damit wird bezweckt, dass – abge­se­hen von dem hier nicht ein­schlä­gi­gen Fall einer an das Unter­neh­men zu leis­ten­den ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­schen Leis­tung – für die Erfül­lung einer ver­trag­li­chen, ins­be­son­de­re einer ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­schen Leis­tung der Rechts­trä­ger des Unter­neh­mens ver­pflich­tet wird, der auf­grund der zu ihm gehö­ren­den Ver­mö­gens­gü­ter und sei­ner sons­ti­gen ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen die hin­rei­chen­den Mit­tel und Mög­lich­kei­ten hat, um die­se Leis­tung erfül­len zu kön­nen. Die Erfül­lung des Ver­trags soll nicht dar­an schei­tern, dass der Ver­trag eine Per­son ver­pflich­tet, der die­se Mit­tel und Mög­lich­kei­ten feh­len. Wei­ter­hin bezweckt die­ser Aus­le­gungs­grund­satz, jeman­den, der als Stell­ver­tre­ter han­deln woll­te, vor einer Ver­pflich­tung als Ver­trags­part­ner zu bewah­ren, wenn er sei­ne Ver­tre­ter­stel­lung nicht aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben hat, der Unter­neh­mens­be­zug des Rechts­ge­schäfts aber hin­rei­chend deut­lich zu erken­nen war 2.

Dem Aus­le­gungs­grund­satz zur per­so­nel­len Zuord­nung unter­neh­mens­be­zo­ge­ner Rechts­ge­schäf­te steht indes­sen eine Haf­tung aus Rechts­scheins­grün­den nicht ent­ge­gen 3. Die zusätz­li­che Haf­tung des­sen, der selbst einen Rechts­schein für die Stel­lung als Ver­trags­part­ner gesetzt hat oder für den ein sol­cher, ihm zuzu­rech­nen­der Rechts­schein gesetzt wur­de, min­dert nicht die Erfüll­bar­keit einer vom Rechts­ge­schäft vor­ge­se­he­nen Leis­tung, weil das hier­für vor­ge­se­he­ne Unter­neh­men als Ver­trags­part­ner ver­pflich­tet bleibt. In die­sen Fäl­len kann der kraft Rechts­schein Ver­pflich­te­te sich nicht dar­auf beru­fen, dass ein in Wahr­heit als Ver­tre­ter Han­deln­der bei unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Rechts­ge­schäf­ten vor einer Ver­pflich­tung als Ver­trags­part­ner geschützt wer­den soll, denn die­ser Schutz soll ihm nicht erlau­ben, einen von den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen abwei­chen­den Rechts­schein zu erwe­cken.

Dem­entspre­chend ist in der Recht­spre­chung die Rechts­schein­haf­tung ins­be­son­de­re für die Fäl­le einer Schein­so­zie­tät aner­kannt, wonach der als Sozi­us auf­tre­ten­de Schein­so­zi­us für die Ver­pflich­tun­gen der Sozie­tät eben­so haf­tet wie die wah­ren Inha­ber der Sozie­tät 4.

Im hier ent­schie­de­nen Fall sah der Bun­des­ge­richts­hof mit einem als "Rech­nung/​Bestätigung" bezeich­ne­ten Schrei­ben, dass außer von der Unter­neh­me­rin auch von ihrem Ange­stell­ten unter­zeich­net war, einen Rechts­schein gesetzt, auch der Ange­stell­te ste­he im Fal­le eines Ver­trags­schlus­ses für die dar­in fest­ge­leg­ten ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen ein, denn die­ses Schrei­ben war dar­auf gerich­tet, dass er gemein­sam mit der (inzwi­schen in Insol­venz gefal­le­nen) Unter­neh­me­rin wie ein Gesell­schaf­ter aus dem Ver­trag ver­pflich­tet wer­den soll­te.

Als Wil­lens­er­klä­rung obliegt die Aus­le­gung des Schrei­bens dem Tatrich­ter, der nach den Maß­stä­ben der §§ 133, 157, 164 Abs. 2 BGB sowie der Grund­sät­ze zur Aus­le­gung unter­neh­mens­be­zo­ge­ner Rechts­ge­schäf­te und zur Rechts­scheins­voll­macht die Gesamt­um­stän­de und die Inter­es­sen der Par­tei­en zu wür­di­gen hat, soweit sie erkenn­bar wur­den. Das Revi­si­ons­ge­richt prüft nur, ob der Aus­le­gungs­stoff voll­stän­dig berück­sich­tigt ist und gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln, Denk­ge­set­ze, Erfah­rungs­sät­ze oder Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­letzt sind 5.

Indem das Beru­fungs­ge­richt die "Rechnung/​Bestätigung" dahin ver­stan­den hat, dass auch der Ange­stell­te Ver­trags­part­ner wer­den soll­te, sind die­se Grund­sät­ze nicht ver­letzt. Dass die für die­se Aus­le­gung berück­sich­tig­ten Ele­men­te und wei­te­ren Umstän­de in ihrem Bedeu­tungs­ge­halt jeden­falls jeweils für sich nicht zwin­gend zu einem bestimm­ten Bedeu­tungs­ge­halt hin­sicht­lich der Per­son des Ver­trags­part­ners füh­ren, son­dern, wie es die Revi­si­on gel­tend macht, ambi­va­lent sind, zeigt kei­nen Ver­stoß gegen Aus­le­gungs­grund­sät­ze auf. Viel­mehr bewegt sich das Aus­le­gungs­er­geb­nis damit inner­halb des Bedeu­tungs­be­reichs, der aus die­sen Umstän­den abge­lei­tet wer­den kann.

Nach dem Rechts­schein des Schrei­bens soll­te dem Kun­den folg­lich als Ver­trags­part­ner eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts gegen­über­ste­hen, die aus zwei Gesell­schaf­tern besteht, die gesamt­schuld­ne­risch für die ihr Unter­neh­men tref­fen­den Ver­bind­lich­kei­ten aus dem Ver­trag ein­ste­hen wür­den. Damit soll­te dem Klä­ger ein grö­ße­res Haf­tungs­po­ten­zi­al für die Erfül­lung die­ser Ver­bind­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, als es den wah­ren Unter­neh­mens­ver­hält­nis­sen ent­spro­chen hät­te.

Der Ange­stell­te, der die­sen Rechts­schein in einer ihm zure­chen­ba­ren Wei­se ent­ste­hen ließ, muss sich daher so behan­deln las­sen, als wäre er gemein­sam mit der Unter­neh­me­rin Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft, mit der der Rei­se­ver­trag geschlos­sen wur­de.

Die Rechts­schein­haf­tung für die Erfül­lung ver­trag­li­cher Ansprü­che setzt aber grund­sätz­lich erst ein, wenn der Ver­trag infol­ge von Ent­schlie­ßun­gen des auf die­sen Rechts­schein Ver­trau­en­den voll­zo­gen, ins­be­son­de­re geschlos­sen wur­de. Aus Rechts­schein­grund­sät­zen kön­nen kei­ne wei­ter­ge­hen­den Ansprü­che her­ge­lei­tet wer­den, als sie bestün­den, wenn der Rechts­schein zuträ­fe, 6.

So kann nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch im vor­lie­gen­den Fall die Rechts­schein­haf­tung des Ange­stell­ten nicht allein auf das Schrei­ben gestützt wer­den, ohne der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob der Kun­de nach dem Schrei­ben noch ver­trag­li­che Erklä­run­gen gege­ben hat, die für den Abschluss des Ver­trags und den dar­aus fol­gen­den Rech­ten und Pflich­ten von Bedeu­tung waren. Denn wenn mit die­sem Schrei­ben ledig­lich ein Ver­trags­an­ge­bot ange­nom­men oder ein bereits geschlos­se­ner Ver­trag bestä­tigt wur­de, wäre eine dem erzeug­ten Rechts­schein ent­spre­chen­de Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts nicht Ver­trags­part­ner gewor­den, weil sie nicht schon im Ver­trags­an­ge­bot als Ver­trags­part­ner vor­ge­se­hen war.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Juli 2012 – X ZR 154/​11

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 03.02.1975 – II ZR 128/​73, BGHZ 64, 11, 14; vom 15.01.1990, aaO unter II 1.; vom 18.05.1998 – II ZR 355/​95, NJW 1998, 2897 unter 2 a; vom 18.12.2007 – X ZR 137/​04, NJW 2008, 1214 Rn. 11; jeweils mwN[]
  2. vgl. dazu BGH, Urteil vom 03.02.1975, aaO[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.01.1990, aaO unter II 2.; vom 18.05.1998, aaO unter II 2 b[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.03.1955 – I ZR 82/​53, BGHZ 17, 13, 15; vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341, 359; vom 16.04.2008 – VIII ZR 230/​07, NJW 2008, 2330 Rn. 10 mwN[]
  5. statt vie­ler: BGH, Urtei­le vom 20.04.2004 – X ZR 255/​02, NJW-RR 2004, 1464 unter II 1 b aa; vom 19.06.2007 – X ZR 61/​06, RRa 2007, 221 ff. Rn. 15; vom 26.10.2009 – II ZR 222/​08, NJW 2010, 64 Rn. 18; vom 30.09.2010 – Xa ZR 130/​08; NJW 2011, 599 Rn. 10[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.11.1956 – II ZR 32/​56, BGHZ 22, 234, 238; vom 20.01.1983 – VII ZR 32/​82, NJW 1983, 1308 unter II 2 d; Staudinger/​Schilken, BGB, Bearb.2009, § 167 Rn. 43 mwN.[]