Vor­rich­tung zur Schäd­lings­be­kämp­fung

Wer eine Vor­rich­tung zur Her­stel­lung eines Pflan­zen­schutz­mit­tels anbie­tet, han­delt auch dann kei­ner im Pflan­zen­schutz­ge­setz ent­hal­te­nen Zulas­sungs­be­stim­mung zuwi­der, wenn das mit der Vor­rich­tung her­ge­stell­te Mit­tel ein nach § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG zulas­sungs­pflich­ti­ges, aber nicht zuge­las­se­nes Mit­tel ist.

Vor­rich­tung zur Schäd­lings­be­kämp­fung

Die Richt­li­nie über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken hat in ihrem Anwen­dungs­be­reich (Art. 3 der Richt­li­nie) zu einer voll­stän­di­gen Har­mo­ni­sie­rung des Lau­ter­keits­rechts geführt (vgl. Art. 4 der Richt­li­nie [1]). Sie regelt die Fra­ge der Unlau­ter­keit von Geschäfts­prak­ti­ken im Geschäfts­ver­kehr zwi­schen Unter­neh­men und Ver­brau­chern grund­sätz­lich abschlie­ßend [2]. Aller­dings lässt die Richt­li­nie 2005/​29/​EG die Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on und der Mit­glied­staa­ten in Bezug auf Gesund­heits- und Sicher­heits­aspek­te von Pro­duk­ten unbe­rührt (Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2005/​29/​EG). Dem­entspre­chend ist nach der Richt­li­nie die Anwen­dung des § 4 Nr. 11 UWG auf Bestim­mun­gen zuläs­sig, die Gesund­heits- und Sicher­heits­aspek­te von Pro­duk­ten in gemein­schafts­rechts­kon­for­mer Wei­se regeln. Das ist hin­sicht­lich der Vor­schrift des § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG der Fall.

Die Bestim­mung des § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG dient dem Schutz der Gesund­heit von Ver­brau­chern. Sie setzt Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 91/​414/​EWG des Rates vom 15.07.1991 über das Inver­kehr­brin­gen von Pflan­zen­schutz­mit­teln in gemein­schafts­rechts­kon­for­mer Wei­se um. Die Zulas­sungs­be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 91/​414/​EWG – und mit­hin auch ihr Art. 3 Abs. 1 – bezwe­cken den Schutz der mensch­li­chen Gesund­heit [3]. Die Anwen­dung des § 11 PflSchG wird durch die Richt­li­nie über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken daher nicht berührt (vgl. Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2005/​29/​EG). Zudem wider­spricht eine Geschäfts­pra­xis, die der zwin­gen­den Vor­schrift des § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG ent­ge­gen­steht, regel­mä­ßig den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt (vgl. Art. 5 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2005/​29/​EG). Unter den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen des Art. 5 Abs. 2 Buchst. b der Richt­li­nie 2005/​29/​EG ist eine der­ar­ti­ge Geschäfts­pra­xis daher unlau­ter.

Die Bestim­mung des § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG über die Zulas­sungs­pflicht von Pflan­zen­schutz­mit­teln zählt zu den Vor­schrif­ten, die dazu bestimmt sind, im Inter­es­se der Markt­teil­neh­mer, ins­be­son­de­re der Ver­brau­cher, das Markt­ver­hal­ten zu regeln [4]. Da die Zulas­sungs­vor­schrif­ten des Pflan­zen­schutz­ge­set­zes und der Richt­li­nie 91/​414/​EWG dem Schutz der Gesund­heit der Ver­brau­cher vor den Gefah­ren von Pflan­zen­schutz­mit­teln die­nen, ist die Ver­let­zung die­ser Bestim­mun­gen zudem geeig­net, die Inter­es­sen der Ver­brau­cher nicht uner­heb­lich im Sin­ne von § 3 UWG 2004 und spür­bar im Sin­ne von § 3 Abs. 1 UWG 2008 zu beein­träch­ti­gen.

Der Beklag­te ver­stößt durch das bean­stan­de­te Ver­hal­ten jedoch nicht gegen § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG. Nach die­ser Bestim­mung dür­fen Pflan­zen­schutz­mit­tel in der For­mu­lie­rung, in der ihre Abga­be an den Anwen­der vor­ge­se­hen ist, nur in den Ver­kehr gebracht wer­den, wenn sie vom Bun­des­amt für Ver­brau­cher­schutz und Lebens­mit­tel­si­cher­heit zuge­las­sen sind.

Das Beru­fungs­ge­richt hat ange­nom­men, Stick­stoff sei nicht als Pflan­zen­schutz­mit­tel im Sin­ne von § 2 Nr. 9, § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG anzu­se­hen. Er wir­ke selbst nicht toxisch auf die zu bekämp­fen­den Schäd­lin­ge, son­dern ver­drän­ge nur den von den Schäd­lin­gen zur Atmung benö­tig­ten Sauer­stoff und sei des­halb kein Wirk­stoff im Sin­ne von § 2 Nr. 9a PflSchG. Die­se Beur­tei­lung des Beru­fungs­ge­richts ist recht­li­chen Beden­ken aus­ge­setzt.

Nach § 2 Nr. 9 Buchst. a PflSchG sind Pflan­zen­schutz­mit­tel im Sin­ne des Pflan­zen­schutz­ge­set­zes unter ande­rem Stof­fe, die dazu bestimmt sind, Pflan­zen, leben­de Tei­le von Pflan­zen und Pflan­zen­er­zeug­nis­se vor Schad­or­ga­nis­men zu schüt­zen. Die Vor­schrift setzt Art. 2 Nr.01.1 der Richt­li­nie 91/​414/​EWG in das deut­sche Recht um. Nach die­ser Bestim­mung sind Pflan­zen­schutz­mit­tel im Sin­ne der Richt­li­nie 91/​414/​EWG unter ande­rem Wirk­stof­fe und Zube­rei­tun­gen, die einen oder meh­re­re Wirk­stof­fe ent­hal­ten, in der Form, in wel­cher sie an den Anwen­der gelie­fert wer­den, und die dazu bestimmt sind, Pflan­zen und Pflan­zen­er­zeug­nis­se vor Schad­or­ga­nis­men zu schüt­zen. Dem­entspre­chend muss ein Pflan­zen­schutz­mit­tel einen Wirk­stoff oder eine Wirk­stoff­zu­be­rei­tung ent­hal­ten, wobei Wirk­stof­fe gemäß § 2 Nr. 9a Buchst. a PflSchG unter ande­rem che­mi­sche Ele­men­te oder deren Ver­bin­dun­gen mit Wir­kung auf Schad­or­ga­nis­men oder – so die For­mu­lie­rung in Art. 2 Nr.04.1 in Ver­bin­dung mit Nr. 3 der Richt­li­nie 91/​414/​EWG – mit all­ge­mei­ner oder spe­zi­fi­scher Wir­kung gegen Schad­or­ga­nis­men sind.

Der Wort­laut der vor­ste­hen­den Bestim­mun­gen und der Zweck der Zulas­sungs­vor­schrif­ten, Risi­ken und Gefah­ren für die Gesund­heit von Men­schen ent­ge­gen­zu­wir­ken, könn­te dafür spre­chen, jede Wir­kung eines Stof­fes im Sin­ne von Art. 2 Nr. 3 der Richt­li­nie, der Pflan­zen oder Pflan­zen­er­zeug­nis­se vor Schad­or­ga­nis­men und damit unter ande­rem auch vor Tie­ren schüt­zen soll, die Schä­den ver­ur­sa­chen (vgl. § 2 Nr. 7 PflSchG, Art. 2 Nr. 8 der Richt­li­nie 91/​414/​EWG), als Pflan­zen­schutz­mit­tel ein­zu­stu­fen. Die Fra­ge, ob Stick­stoff, wenn er dazu bestimmt ist, Pflan­zen­er­zeug­nis­se vor Schad­or­ga­nis­men zu schüt­zen, ein Pflan­zen­schutz­mit­tel nach § 2 Nr. 9 PflSchG ist, braucht vor­lie­gend jedoch nicht ent­schie­den zu wer­den.

Auch wenn Stick­stoff die Vor­aus­set­zun­gen eines Pflan­zen­schutz­mit­tels im Sin­ne von § 2 Nr. 9 PflSchG erfüllt, ver­stößt der Beklag­te nicht gegen § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG, weil er den Stick­stoff nicht im Sin­ne die­ser Vor­schrift in den Ver­kehr bringt oder ein­führt. Da § 11 PflSchG richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen ist, ist für die Fra­ge des Inver­kehr­brin­gens die Defi­ni­ti­on nach Art. 2 Nr. 10 der Richt­li­nie 91/​414/​EWG maß­geb­lich. Danach ist ein Inver­kehr­brin­gen jeg­li­che ent­gelt­li­che oder unent­gelt­li­che Abga­be, aus­ge­nom­men die Abga­be zur Lage­rung mit anschlie­ßen­der Aus­fuhr aus dem Gebiet der Gemein­schaft (Art. 2 Nr. 10 Satz 1 der Richt­li­nie); die Ein­fuhr eines Pflan­zen­schutz­mit­tels in das Gebiet der Gemein­schaft wird als Inver­kehr­brin­gen ange­se­hen (Art. 2 Nr. 10 Satz 2 der Richt­li­nie).

Nach die­sen Maß­stä­ben bringt der Beklag­te das Pflan­zen­schutz­mit­tel – unter­stellt es han­delt sich bei Stick­stoff um ein Pflan­zen­schutz­mit­tel – nicht in den Ver­kehr. Der Beklag­te gibt den Stick­stoff selbst nicht an Drit­te ab, son­dern ver­treibt nur das Gerät, mit dem sich durch Fil­te­rung des Stick­stoffs aus der Umge­bungs­luft die erhöh­te Stick­stoff­kon­zen­tra­ti­on erzie­len lässt, zusam­men mit der Anlei­tung zur Schäd­lings­be­kämp­fung. Dies unter­fällt nicht der Zulas­sungs­pflicht nach § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG.

Das Inver­kehr­brin­gen von Gerä­ten zur Her­stel­lung von Pflan­zen­schutz­mit­teln ist im Pflan­zen­schutz­ge­setz – anders als das Inver­kehr­brin­gen von Gerä­ten zum Aus­brin­gen von Pflan­zen­schutz­mit­teln im Sin­ne von § 2 Nr. 11 PflSchG (Pflan­zen­schutz­ge­rä­te) – nicht gere­gelt. Zudem ist für Pflan­zen­schutz­ge­rä­te nach nähe­rer Maß­ga­be des § 25 PflSchG auch nur eine Erklä­rung gegen­über dem Juli­us Kühn­In­sti­tut und kei­ne Zulas­sung vor­ge­se­hen. Soweit der Beklag­te die Abneh­mer sei­ner Vor­rich­tung über deren Anwen­dung berät, hat er die­se Tätig­keit allen­falls gemäß § 9 PflSchG der zustän­di­gen Behör­de anzu­zei­gen.

Das Unter­las­sungs­be­geh­ren ist auch nicht inso­weit begrün­det, als es gegen die Anwen­dung des Ver­fah­rens gerich­tet ist. Aller­dings dür­fen Pflan­zen­schutz­mit­tel nach § 6a Abs. 1 Satz 1 PflSchG nur ange­wandt wer­den, wenn sie zuge­las­sen sind. Eine Aus­nah­me hier­von sieht § 6a Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 PflSchG für die Anwen­dung von Pflan­zen­schutz­mit­teln zu For­schungs, Unter­su­chungs- und Ver­suchs­zwe­cken vor. Es sind kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, dass der Beklag­te Stick­stoff zur Schäd­lings­be­kämp­fung in einer gegen § 6a Abs. 1 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 PflSchG ver­sto­ßen­den Wei­se ange­wandt hat.

Soweit Drit­te das Ver­fah­ren des Beklag­ten zur Schäd­lings­be­kämp­fung ein­set­zen, ist eine denk­ba­re Teil­nah­me des Beklag­ten durch Anstif­tung oder Bei­hil­fe an der Anwen­dung eines nicht zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­tels – unter­stellt es han­delt sich bei Stick­stoff um ein Pflan­zen­schutz­mit­tel – von dem Unter­las­sungs­an­trag nicht umfasst.

Der Unter­las­sungs­an­spruch folgt auch nicht aus § 8 Abs. 1, §§ 3, 4 Nr. 11 UWG in Ver­bin­dung mit § 12a ChemG. Nach der Bestim­mung des § 12a Satz 1 ChemG, die Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 98/​8/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.02.1998 über das Inver­kehr­brin­gen von Bio­zid­Pro­duk­ten umsetzt, dür­fen Bio­zid-Pro­duk­te im Inland mit Aus­nah­me der in § 12a Satz 2 ChemG ange­führ­ten Pro­duk­te und Grund­stof­fe nur in den Ver­kehr gebracht und ver­wen­det wer­den, wenn sie von der Zulas­sungs­stel­le zuge­las­sen sind. Dass die Anwen­dung gas­för­mi­gen Stick­stoffs zur Schäd­lings­be­kämp­fung die Vor­aus­set­zun­gen eines Bio­zid-Pro­dukts nach § 3b Abs. 1 Nr. 1 ChemG erfüllt und der Beklag­te selbst die­sen Stick­stoff außer­halb einer ver­fah­rens­ori­en­tier­ten For­schung und Ent­wick­lung (§ 12a Satz 2 Nr. 3 ChemG) ver­wen­det hat oder ein ent­spre­chen­des Ver­hal­ten droht – ein Inver­kehr­brin­gen im Sin­ne von § 3 Nr. 9 ChemG liegt ohne­hin nicht vor, ist nicht fest­ge­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Juni 2011 – I ZR 25/​10

  1. EuGH, Urteil vom 14.01.2010 – C‑304/​08, GRUR 2010, 244 Rn. 41 = WRP 2010, 232 – Zen­tra­le zur Bekämp­fung unlau­te­ren Wettbewerbs/​Plus Waren­han­dels­ge­sell­schaft[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 09.11.2010 – C‑540/​08, GRUR 2011, 76 Rn. 27 = WRP 2011, 45 – Media­print[]
  3. vgl. Erwä­gungs­grund 9 der Richt­li­nie[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 19.11.2009 – I ZR 186/​07, GRUR 2010, 160 Rn. 15 = WRP 2010, 250 – Quiz­alo­fop[]