Die Berliner Mietenbegrenzungsverordnung vom 28.04.20151 ist nicht wegen einer unzureichenden Veröffentlichung der Begründung unwirksam. Die Verordnungsbegründung ist in hinreichender Weise und rechtzeitig vor Inkrafttreten der Verordnung am 1.06.2015 veröffentlicht worden2.
Die auf der Grundlage der Ermächtigung des § 556d Abs. 2 BGB erlassene Mietenbegrenzungsverordnung für das Land Berlin vom 28.04.2015 (Verordnung 17/186)1 begegnet keinen durchgreifenden rechtlichen Bedenken3. Insbesondere ist sie nicht deswegen nichtig, weil sie aufgrund von Mängeln der Bekanntmachung nicht in einer den Anforderungen des Begründungsgebots gemäß § 556d Abs. 2 Satz 5 bis 7 BGB gerecht werdenden Weise begründet worden wäre4.
Bereits im Ansatz verfehlt ist für den Bundesgerichtshof allerdings die Sichtweise des Landgerichts Berlin5, das in § 556d Abs. 2 Satz 5 BGB vorgesehene Begründungserfordernis habe lediglich verfahrensrechtliche Bedeutung. Das Landgericht Berlin hat (erneut) verkannt, dass das Begründungsgebot auch dazu dient, in Anbetracht der mit der Bestimmung von Gebieten mit angespannten Wohnungsmärkten verbundenen Beschränkung der grundrechtlich geschützten Eigentumsfreiheit der Vermieter (Art. 14 Abs. 1 GG) die Verhältnismäßigkeit der von der Landesregierung vorzunehmenden Gebietsausweisung zu gewährleisten6. Damit kommt der Begründungspflicht auch materiellrechtlicher Gehalt zu7. Dies hat der Bundesgerichtshof in seinem Beschluss vom 27.05.20208, dem ein Urteil des Landgerichts Berlin vorausging9, bekräftigt.
Da die Pflicht zur Begründung der Gebietsverordnung somit zwingender Bestandteil der Ermächtigungsgrundlage des § 556d Abs. 2 Satz 5 BGB ist und eine Rechtsverordnung zur Bestimmung von Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt ohne öffentlich bei Inkrafttreten der Verordnung bekannt gemachte Verordnungsbegründung mit dem Wortlaut und dem Normzweck der Ermächtigungsgrundlage nicht vereinbar ist, handelt es sich um eine Wirksamkeitsvoraussetzung, deren Fehlen zur Nichtigkeit der Verordnung führt10.
Davon abgesehen wäre – was der Bundesgerichtshof in dem vorgenannten Beschluss ebenfalls ausgeführt und das Landgericht Berlin nicht zur Kenntnis genommen hat – im Falle einer unterbliebenen Veröffentlichung der Begründung durch staatliche Stellen die vom Landgericht Berlin vermisste Evidenz dieses Fehlers ohne Weiteres zu bejahen. Es besteht kein vernünftiger Zweifel daran, dass ein solches Versäumnis in Anbetracht der mit dem Begründungserfordernis verfolgten und durch ein reines Internum nicht verwirklichbaren Zielsetzung des Gesetzgebers einen (wesentlichen) Mangel darstellt11.
Allerdings ist die Berliner Mietenbegrenzungsverordnung – anders als es im Berufungsurteil sowie in dem dort in Bezug genommenen landgerichtlichen Urteil12 anklingt – in einer den Anforderungen des § 556d Abs. 2 Satz 5 bis 7 BGB gerecht werdenden Weise öffentlich begründet worden.
Zwar hat der Bundesgerichtshof von Berlin die Verordnungsbegründung nicht selbst veröffentlicht, diese jedoch dem Berliner Abgeordnetenhaus übersandt, das die Verordnung einschließlich ihrer Begründung als Drucksache 17/2272 auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Damit liegt eine der Öffentlichkeit leicht zugängliche Bekanntmachung durch eine amtliche Stelle vor13. Die Begründung der am 1.06.2015 in Kraft getretenen Verordnung wurde – was das Landgericht Berlin wie bereits in seinem Urteil vom 04.03.202114 zu übersehen scheint – am 28.05.2015 veröffentlicht15. Daher war die Verordnungsbegründung im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verordnung in einer den Anforderungen des Begründungsgebots gemäß § 556d Abs. 2 Satz 5 bis 7 BGB gerecht werdenden Weise der Öffentlichkeit zugänglich.
Bundesgerichtshof, Urteil vom 19. Januar 2022 – VIII ZR 123/21
- GVBl.2015 S. 101[↩][↩]
- Bestätigung des BGH, Urteils vom 27.05.2020 – VIII ZR 45/19, BGHZ 225, 352 Rn. 83 ff. sowie des BGH, Beschlusses vom 27.05.2020 – VIII ZR 292/19, WuM 2020, 488 Rn. 6 ff.[↩]
- ausführlich: BGH, Urteil vom 27.05.2020 – VIII ZR 45/19, BGHZ 225, 352 Rn. 80 ff.[↩]
- ausführlich: BGH, Urteil vom 27.05.2020 – VIII ZR 45/19, aaO Rn. 83 ff.[↩]
- LG Berlin, Urteil vom 15.04.2021 – 67 S 90/19[↩]
- Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Mietrechtsnovellierungsgesetz, BT-Drs. 18/3121, S. 28, mit Hinweis auf den allgemeinen Teil der Gesetzesbegründung, aaO S.19[↩]
- BGH, Urteil vom 17.07.2019 – VIII ZR 130/18, BGHZ 223, 30 Rn. 22[↩]
- BGH, Beschluss vom 27.05.2020 – VIII ZR 292/19, WuM 2020, 488 Rn. 9[↩]
- LG Berlin, Urteil vom 10.10.2019 – 67 S 80/19 24 f.[↩]
- BGH, Urteil vom 17.07.2019 – VIII ZR 130/18, BGHZ 223, 30 Rn. 42; BGH, Beschluss vom 27.05.2020 – VIII ZR 292/19, WuM 2020, 488 Rn. 9[↩]
- BGH, Beschluss vom 27.05.2020 – VIII ZR 292/19, aaO; vgl. auch BVerfGE 127, 293, 331 f.[↩]
- LG Berlin, Urteil vom 04.03.2021 – 67 S 309/20, Revisionsverfahren anhängig beim BGH – VIII ZR 94/21[↩]
- BGH, Urteile vom 27.05.2020 – VIII ZR 45/19, BGHZ 225, 352 Rn. 86 ff.; vom 11.11.2020 – VIII ZR 369/18, NZM 2021, 220 Rn. 38 f.; Beschluss vom 27.05.2020 – VIII ZR 292/19, WuM 2020, 488 Rn. 6, 14 ff.[↩]
- LG Berlin, Urteil vom 04.03.2021 – 67 S 309/20 16[↩]
- siehe BGH, Urteil vom 27.05.2020 – VIII ZR 45/19, BGHZ 225, 352 Rn. 87 aE[↩]











