Besei­ti­gungs­an­spruch des Grund­stücks­nach­barn

§ 902 Abs. 1 Satz 1 BGB fin­det auf den Besei­ti­gungs­an­spruch wegen einer Stö­rung in der Aus­übung des Grund­stücks­ei­gen­tums kei­ne Anwen­dung1.

Besei­ti­gungs­an­spruch des Grund­stücks­nach­barn

Auch nach der Ver­jäh­rung des Anspruchs aus § 1004 BGB bleibt der von dem Stö­rer geschaf­fe­ne Zustand rechts­wid­rig; er kann von dem Gestör­ten daher auf eige­ne Kos­ten besei­tigt wer­den.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Klä­ge­rin seit Okto­ber 1986 Eigen­tü­me­rin eines bebau­ten Grund­stücks, wel­ches an eine Stra­ße mit erheb­li­chem Gefäl­le angrenzt. Die Stra­ße wird seit 1986 oder 1987 durch eine von dem beklag­ten Markt errich­te­te Mau­er aus Stahl­be­ton abge­stützt. Die Mau­er wur­de mit einer Decken­plat­te, die über das Grund­stück der Klä­ge­rin ver­läuft, mit dem Wohn­ge­bäu­de der Klä­ge­rin ver­bun­den. Fer­ner ist auf der Stütz­mau­er ein Gelän­der errich­tet und in die Außen­mau­er des Gebäu­des ein­ge­putzt wor­den. Die Klä­ge­rin macht gel­tend, durch die Decken­plat­te wür­den erheb­li­che sta­ti­sche Kräf­te auf ihr Gebäu­de gelei­tet, was zu Ris­sen und Schä­den füh­re. Sie ver­langt von der Beklag­ten die Besei­ti­gung der auf ihrem Grund­stück befind­li­chen Decken­plat­te sowie eine Gestal­tung der Stütz­mau­er der­art, dass von die­ser kei­ne sta­ti­schen Kräf­te auf ihr Grund­stück ein­wirk­ten und das Gelän­der nicht mehr in ihrem Haus ver­an­kert sei. Der Beklag­te hat die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erho­ben.

Auch der Bun­des­ge­richts­hof hielt den Besei­ti­gungs­an­spruch für ver­jährt, bejah­te jedoch die Mög­lich­keit des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers, die Beein­träch­ti­gung selbst zu besei­ti­gen:

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs fin­det die Vor­schrift des § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB, wonach Ansprü­che aus ein­ge­tra­ge­nen Rech­ten nicht der Ver­jäh­rung unter­lie­gen, auf den Besei­ti­gungs­an­spruch des § 1004 BGB kei­ne Anwen­dung; die­ser ver­jährt daher inner­halb der regu­lä­ren Frist2.

An die­ser Auf­fas­sung ist trotz der gegen sie erho­be­nen Kri­tik fest­zu­hal­ten3. Denn das Grund­buch ver­laut­bart nur das ding­li­che Stamm­recht, nicht dage­gen die aus die­sem Recht fol­gen­den Ansprü­che4. Auch der Her­aus­ga­be­an­spruch des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers nach § 985 BGB, für den § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB nach all­ge­mei­ner Mei­nung gilt5, lässt sich nicht aus dem Grund­buch erse­hen; aus die­sem ergibt sich näm­lich nicht, wer Besit­zer des Grund­stücks ist und ob ein den Anspruch hin­dern­des Recht zum Besitz nach § 986 BGB besteht.

Maß­geb­li­cher Gesichts­punkt für die Anwen­dung oder Nicht­an­wen­dung der Vor­schrift des § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB ist viel­mehr deren Zweck, den Bestand der im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Rech­te dau­er­haft zu sichern6. Unver­jähr­bar sind des­halb alle Ansprü­che, die der Ver­wirk­li­chung des ein­ge­tra­ge­nen Rechts selbst die­nen und sicher­stel­len, dass die Grund­buch­ein­tra­gung nicht zu einer blo­ßen recht­li­chen Hül­se wird. Geht es dage­gen nur um eine Stö­rung in der Aus­übung des Rechts, wel­che die dem Grund­stücks­ei­gen­tü­mer zuste­hen­de Rechts­macht (§ 903 BGB) unbe­rührt lässt, steht der Schutz­zweck des § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB der Mög­lich­keit der Ver­jäh­rung eines auf Besei­ti­gung der Stö­rung gerich­te­ten Anspruchs nicht ent­ge­gen7.

Letz­te­res trifft ohne wei­te­res auf Stö­run­gen zu, deren Quel­le sich – wie hier – auf dem Grund­stück des gestör­ten Eigen­tü­mers befin­den, und die des­halb von die­sem im Rah­men sei­ner aus § 903 BGB fol­gen­den Rechts­macht besei­tigt wer­den kön­nen. Denn der von dem Stö­rer geschaf­fe­ne Zustand bleibt auch nach der Ver­jäh­rung des Anspruchs aus § 1004 BGB rechts­wid­rig, muss also von dem Eigen­tü­mer nicht gedul­det wer­den. Sind auf dem Grund­stück bei­spiels­wei­se frem­de Lei­tun­gen ver­legt, deren Besei­ti­gung der Eigen­tü­mer nach § 1004 BGB ver­lan­gen konn­te, ent­steht nach Ver­jäh­rung des Anspruchs nicht etwa ein Recht des Stö­rers, die Lei­tun­gen auf dem Grund­stück zu hal­ten8. Der Eigen­tü­mer ist viel­mehr berech­tigt, die­se von sei­nem Grund­stück zu ent­fer­nen; einen damit ver­bun­de­nen Ein­griff in sei­ne Sachen muss der Stö­rer dul­den. Die Ver­jäh­rung des Anspruchs aus § 1004 BGB hat ledig­lich zur Fol­ge, dass der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer die Stö­rung auf eige­ne Kos­ten besei­ti­gen muss. Die Gefahr, dass das ein­ge­tra­ge­ne Recht infol­ge der Ver­jäh­rung des Besei­ti­gungs­an­spruchs „inhalts­los“9 oder ein „Rechts­krüp­pel“10 wird, besteht daher nicht; eben­so­we­nig wird das Grund­stücks­ei­gen­tum fak­tisch mit einer aus dem Grund­buch nicht ersicht­li­chen Dul­dungs­dienst­bar­keit belas­tet11.

So liegt es auch hier. Der gegen den Beklag­ten ursprüng­lich bestehen­de Besei­ti­gungs­an­spruch dien­te nicht der Ver­wirk­li­chung des Eigen­tums­rechts der Klä­ge­rin, son­dern betraf eine blo­ße Stö­rung in der Aus­übung die­ses Rechts. Die Klä­ge­rin ist unge­ach­tet der Ver­jäh­rung des Besei­ti­gungs­an­spruchs berech­tigt, die auf ihr Grund­stück ragen­de Decken­plat­te zu ent­fer­nen und die Ver­an­ke­rung des Gelän­ders in der Außen­wand ihres Gebäu­des zu lösen (wegen der damit ver­bun­de­nen Fol­gen für die Sta­tik der Stütz­mau­er aller­dings nur nach ent­spre­chen­der Ankün­di­gung gegen­über dem Beklag­ten)). Es ist dann Sache des Beklag­ten, für eine neue, das Eigen­tum der Klä­ge­rin nicht beein­träch­ti­gen­de Abstüt­zung der Stra­ße zu sor­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Janu­ar 2011 – V ZR 141/​10

  1. Bestä­ti­gung u.a. von BGH, Urteil vom 23.02.1973 – V ZR 109/​71, BGHZ 60, 235, 238
  2. BGH, Urtei­le vom 23.02.1973 – V ZR 109/​71, BGHZ 60, 235, 238; vom 08.06.1979 – V ZR 46/​78, LM § 1004 BGB Nr. 156; vom 22.06.1990 – V ZR 3/​89, NJW 1990, 2555, 2556 (inso­weit in BGHZ 112, 1 nicht abge­druckt); vom 01.02.1994 – VI ZR 229/​92, BGHZ 125, 56, 63; vom 12.12.2003 – V ZR 98/​03, NJW 2004, 1035, 1036; und vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, NJW 2007, 2183 Rn. 14; eben­so: OLG Cel­le, NJW-RR 2007, 234, 235; Bamberger/​Roth/​Fritzsche, BGB, 2. Aufl., § 1004 Rn. 112; Palandt/​Bassenge, BGB, 70. Aufl., § 1004 Rn. 45
  3. vgl. LG Tübin­gen NJW-RR 1990, 338; Staudinger/​Gursky, BGB [2008], § 902 Rn. 9; ders., BGB [2006], § 1004 Rn. 201; Münch­Komm-BGB/­Koh­ler, 5. Aufl., § 902 Rn. 5; Münch­Komm-BGB/Bal­dus, 5. Aufl., § 1004 Rn. 121; Jau­er­nig, BGB, 13. Aufl., § 902 Rn. 1; Tous­saint in juris­PK-BGB, 4. Aufl., § 902 Rn. 14; Wil­helm, Sachen­recht, 4. Aufl., Rn. 1180; Picker, JuS 1974, 357, 358; Baur, JZ 1973, 560; Vol­mer, ZfIR 1999, 86, 87 f.). Rich­tig an der Kri­tik ist aller­dings, dass die Anwend­bar­keit von § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB nicht davon abhän­gen kann, ob sich der jewei­li­ge Anspruch aus dem Inhalt des Grund­buchs ergibt ((so noch BGH, Urteil vom 23.02.1973 – V ZR 109/​71, BGHZ 60, 235, 239
  4. vgl. Staudinger/​Gursky, BGB [2005], § 1004 Rn. 201; Baur, JZ 1973, 560
  5. BGH, Urteil vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, NJW 2007, 2183 Rn. 7
  6. Münch-Komm-BGB/Bal­dus, 5. Aufl., § 1004 Rn. 121; Staudinger/​Gursky, BGB [2008], § 902 Rn. 1
  7. BGH, Urteil vom 22.10.2010 – V ZR 43/​10, NJW 2011, 518 Rn. 21
  8. ver­kannt von Voll­mer, ZfIR 1999, 86, 88
  9. so Picker, JuS 1974, 357, 358
  10. vgl. Staudinger/​Gursky, BGB [2008], § 902 Rn. 1
  11. so aber Baur, JZ 1973, 560, 561
  12. Bestä­ti­gung u.a. von BGH, Urteil vom 23.02.1973 – V…

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