Das wäh­rend eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens in Auf­trag gege­be­ne pri­va­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Die Kos­ten eines pri­va­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens, das wäh­rend eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens vom Antrags­geg­ner in Auf­trag gege­ben wird, kön­nen gemäß § 494a Abs. 2 ZPO erstat­tungs­fä­hig sein.

Das wäh­rend eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens in Auf­trag gege­be­ne pri­va­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Die Antrag­stel­le­rin hat nach frucht­lo­sem Ablauf der gemäß § 494a Abs. 1 ZPO gesetz­ten Kla­ge­frist die dem Geg­ner ent­stan­de­nen Kos­ten zu tra­gen, § 494a Abs. 2 Satz 1 ZPO. Aller­dings ent­hält der Wort­laut die­ser Vor­schrift kei­ne dem § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO ver­gleich­ba­re Beschrän­kung des Umfangs der zu erstat­ten­den Kos­ten auf sol­che Kos­ten, die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­dig waren. Anders als die Rechts­be­schwer­de meint, folgt dar­aus jedoch nicht, dass die in § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO getrof­fe­ne Wer­tung dort kei­ne Beach­tung fän­de.

Sinn und Zweck des § 494a Abs. 2 Satz 1 ZPO gebie­ten, die Grund­sät­ze des § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO her­an­zu­zie­hen. Der Antrags­geg­ner ist so zu stel­len, als habe er in einem Haupt­sache­pro­zess obsiegt. Ver­zich­tet der Antrag­stel­ler wegen des ihm ungüns­ti­gen Beweis­ergeb­nis­ses auf die Erhe­bung einer Kla­ge, will § 494a Abs. 2 ZPO ver­hin­dern, dass er damit zugleich der Kos­ten­pflicht ent­geht, die sich aus der Abwei­sung einer sol­chen Kla­ge ergä­be 1. Der Antrags­geg­ner ist kos­ten­recht­lich so zu behan­deln, als habe er im Pro­zess obsiegt 2. In die­sem Fall könn­te er jedoch nicht sämt­li­che ihm ent­stan­de­nen Kos­ten erstat­tet ver­lan­gen, son­dern nur die, die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­dig waren, § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Das ist auch für den umge­kehr­ten Fall des Obsie­gens des Antrag­stel­lers im Pro­zess aner­kannt. Ihm sind die Kos­ten eines vor­ge­schal­te­ten selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens nur inso­weit zu erstat­ten, als sie zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung not­wen­dig waren 3.

Not­wen­dig im Sin­ne des § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO sind Kos­ten, die für Maß­nah­men anfal­len, die eine ver­stän­di­ge und wirt­schaft­lich ver­nünf­tig den­ken­de Par­tei als sach­dien­lich anse­hen darf. Für die Beur­tei­lung der Not­wen­dig­keit ist auf den Zeit­punkt der Ver­an­las­sung der die Kos­ten aus­lö­sen­den Maß­nah­me abzu­stel­len 4. Zu den erstat­tungs­fä­hi­gen Kos­ten kön­nen aus­nahms­wei­se die Kos­ten für die Ein­ho­lung eines Pri­vat­sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens gehö­ren, wenn sie unmit­tel­bar pro­zess­be­zo­gen sind 5.

Die­se für vor dem Rechts­streit oder wäh­rend des Rechts­streits beauf­trag­te Pri­vat­gut­ach­ten auf­ge­stell­ten Maß­stä­be gel­ten ent­spre­chend für Pri­vat­gut­ach­ten, die im Rah­men eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens ein­ge­holt wer­den. Dabei ist der Eigen­art des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens Rech­nung zu tra­gen. Die­ses dient dazu, Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Die Fest­stel­lun­gen oblie­gen regel­mä­ßig, in den Fäl­len des § 485 Abs. 2 ZPO stets, einem gericht­lich beauf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen. Beauf­tragt das Gericht einen Sach­ver­stän­di­gen, so ist aner­kannt, dass dane­ben die Ein­ho­lung eines Pri­vat­gut­ach­tens durch eine nicht sach­kun­di­ge Par­tei not­wen­dig sein kann, wenn sie ohne sach­ver­stän­di­ge Hil­fe zu einem sach­ge­rech­ten Vor­trag nicht in der Lage ist. Dazu gehö­ren die Fäl­le, in denen die Par­tei ohne sach­ver­stän­di­ge Hil­fe die Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen nicht über­prü­fen oder erschüt­tern oder das Fra­ge­recht ihm gegen­über nicht aus­üben kann 6.

Die Par­tei, die selbst über kei­ne hin­rei­chen­den Kennt­nis­se ver­fügt, hat ein aner­ken­nens­wer­tes Inter­es­se dar­an, einen eige­nen Sach­ver­stän­di­gen mög­lichst früh­zei­tig in die Beweis­auf­nah­me ein­zu­bin­den, um wesent­li­che Beweis­fra­gen zu for­mu­lie­ren, Hin­wei­se zu ertei­len, den gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen zu kon­trol­lie­ren, ins­be­son­de­re bei den im Rah­men einer Orts­be­sich­ti­gung fest­zu­stel­len­den Tat­sa­chen, und des­sen Ergeb­nis­se zu prü­fen. Die Ein­bin­dung eines pri­va­ten Sach­ver­stän­di­gen bereits im Vor­feld der Gut­ach­te­n­er­stel­lung ist des­halb unab­hän­gig davon aner­ken­nens­wert, ob der zu begut­ach­ten­de Gegen­stand Ver­än­de­run­gen unter­wor­fen ist und daher die vom gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen vor­ge­fun­de­nen Gege­ben­hei­ten für eine Über­prü­fung nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen. Das gilt ins­be­son­de­re auch im Hin­blick dar­auf, dass schon nach § 485 Abs. 3 ZPO eine neue Begut­ach­tung nur statt­fin­det, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 412 ZPO erfüllt sind.

Für die Beur­tei­lung der Not­wen­dig­keit der Kos­ten ist nicht auf die Erhe­bung der Kla­ge nach Been­di­gung der Beweis­erhe­bung abzu­stel­len. Dar­in läge eine unzu­läs­si­ge ex-post-Betrach­tung, die an einen Umstand anknüpf­te, des­sen Ein­tritt oder Nicht­ein­tritt bei der Beauf­tra­gung des Sach­ver­stän­di­gen durch die Antrags­geg­ne­rin nicht abseh­bar war 7. Es ist des­halb eben­falls uner­heb­lich, dass das Beschwer­de­ge­richt nicht fest­stel­len konn­te, ob die Antrags­geg­ne­rin die Fra­gen zum schrift­li­chen Gut­ach­ten an den Sach­ver­stän­di­gen nur des­halb for­mu­lie­ren konn­te, weil ihr das Pri­vat­gut­ach­ten vor­ge­le­gen hat.

Im kon­kre­ten, hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet dies:

Die Beauf­tra­gung des Inge­nieur­bü­ros St. und Part­ner erfolg­te durch die Antrags­geg­ne­rin in unmit­tel­ba­rem Bezug zum selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren, nach­dem die Ver­gleichs­be­mü­hun­gen der Par­tei­en geschei­tert waren und der gericht­lich bestell­te Sach­ver­stän­di­ge den Orts­ter­min anbe­raumt hat­te. Aus der Stun­den­auf­lis­tung folgt, dass der pri­va­te Sach­ver­stän­di­ge erst­mals in Vor­be­rei­tung des unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Orts­ter­mins tätig wur­de und die ver­schie­de­nen "Gut­ach­ten zum Gebäu­de" sich­te­te.

Die Antrags­geg­ne­rin ist im Hin­blick auf die von der Antrag­stel­le­rin gestell­ten Fra­gen nicht als umfas­send sach­kun­dig anzu­se­hen. Zwar han­delt es sich bei der Antrags­geg­ne­rin um ein welt­weit ope­rie­ren­des Unter­neh­men, das über eine Viel­zahl von Fach­in­ge­nieu­ren ver­fügt und tech­ni­sche Ange­bots­prü­fun­gen durch­führt. Die Beweis­fra­gen der Antrag­stel­le­rin waren im ers­ten Teil aber spe­zi­fisch auf die Sta­tik des von der Antrags­geg­ne­rin geprüf­ten Gebäu­des bezo­gen. Die Beur­tei­lung der Sta­tik gehör­te nicht zum Auf­ga­ben­be­reich der Antrags­geg­ne­rin. Des­halb konn­te eine Haf­tung nur in Betracht kom­men, wenn ein Man­gel in der Sta­tik bei der Bege­hung des Gebäu­des hät­te bemerkt wer­den kön­nen, wor­auf sich der zwei­te Teil der Beweis­fra­gen der Antrag­stel­le­rin bezog. Da es aber auf die Fra­ge einer Erkenn­bar­keit nur ankommt, wenn ein sta­ti­scher Man­gel besteht, hat­te die Antrags­geg­ne­rin ein berech­tig­tes Inter­es­se dar­an, aktiv das Beweis­ver­fah­ren auch zu dem ers­ten Teil des Fra­gen­ka­ta­logs zu beglei­ten. Dazu war es erfor­der­lich, die mit der Antrags­schrift ein­ge­reich­ten Gut­ach­ten, die dem gericht­lich zu bestel­len­den Sach­ver­stän­di­gen aus der Sicht der Antrag­stel­le­rin den Weg wei­sen soll­ten, einer pri­vat­sach­ver­stän­di­gen Wür­di­gung zu unter­zie­hen, den pri­va­ten Sach­ver­stän­di­gen in den Orts­ter­min ein­zu­bin­den und ihn das Gut­ach­ten des gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen prü­fen zu las­sen.

Auf die­ser Grund­la­ge ist weder der Umfang der abge­rech­ne­ten Stun­den noch der Stun­den­satz zu bean­stan­den. Ein pri­vat täti­ger Sach­ver­stän­di­ger ist nicht an den Stun­den­sät­zen für einen gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen zu mes­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Febru­ar 2013 – VII ZB 60/​11

  1. BGH, Beschluss vom 22.05.2003 VII ZB 30/​02, BauR 2003, 1255, 1256 = NZBau 2003, 500 = ZfBR 2003, 566[]
  2. BT-Drucks. 11/​8283, 48; BGH, Beschluss vom 22.05.2003 – VII ZB 30/​02, aaO[]
  3. OLG Jena, OLG­Re­port 2001, 252, 253; OLG Köln, NJW-RR 1997, 960; OLG Nürn­berg, Jur­Bü­ro 1996, 35; OLG Koblenz, Jur­Bü­ro 1996, 34, 35; Pau­ly, MDR 2008, 777; Ulrich, AnwBl.2003, 144, 148; Koeb­le in Kniffka/​Koeble, Kom­pen­di­um des Bau­rechts, 3. Aufl., 2. Teil Rn. 9[]
  4. BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 17/​11, BGHZ 192, 140 Rn. 1012 m.w.N.[]
  5. BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 17/​11, aaO Rn. 10; Beschluss vom 18.11.2008 – VI ZB 24/​08, VersR 2009, 563 Rn. 6; Beschluss vom 04.03.2008 – VI ZB 72/​06, NJW 2008, 1597 Rn. 6[]
  6. BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 17/​11, BGHZ 192, 140 Rn. 13 m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 17/​11, BGHZ 192, 140[]