Der Ritt auf dem Kamel

Ein Kamel­füh­rer kann sich in Deutsch­land nicht auf das Pri­vi­leg des Haus­tier­hal­ters, sich durch Nach­weis pflicht­ge­mä­ßen Ver­hal­tens von der Haf­tung zu befrei­en, beru­fen. Hat der Kamel­füh­rer nicht die erfor­der­li­che Sorg­falt wal­ten las­sen, kann bei einem Reit­un­fall ein Anspruch auf Schmer­zens­geld und Scha­dens­er­satz bestehen.

Der Ritt auf dem Kamel

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer ver­un­fall­ten Frau ein Schmer­zens­geld in Höhe von 70.000,00 Euro sowie Scha­dens­er­satz u.a. für Ver­dienst­aus­fall zuge­spro­chen. Gleich­zei­tig ist das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Hechin­gen 1 größ­ten­teils bestä­tigt wor­den. Die 27 Jah­re alte Klä­ge­rin hat­te mit ihrer Mut­ter bei der beklag­ten Kamel­farm einen ein­stün­di­gen Kamel­aus­ritt am 23. Sep­tem­ber 2012 im Land­kreis Sig­ma­rin­gen unter­nahm. Dabei lief der Inha­ber des Kamel­hofs zwi­schen den bei­den Kame­len und führ­te die­se an einer Ket­te. Die Kame­le wur­den ange­hal­ten, als die Grup­pe eini­ge Hun­de mit ihren Hal­tern pas­sier­te. Beim Wei­ter­lau­fen erschra­ken die Kame­le auf­grund des ein­set­zen­den Hun­de­ge­bells, lie­fen nach vor­ne und voll­führ­ten an der Füh­rungs­lei­ne eine abrup­te Links­wen­dung. Dadurch stürz­te die Klä­ge­rin und fiel aus einer Sitz­hö­he von 1,87 m kopf­über zu Boden. Sie erlitt schwe­re Kopf­ver­let­zun­gen sowie erheb­li­che Ein­schrän­kun­gen in ihrer Erwerbs­tä­tig­keit.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart auf die sog. Tier­hal­ter­haf­tung gemäß § 833 Satz 1 BGB ver­wie­sen, wobei eine sog. Exkul­pa­ti­ons­mög­lich­keit nach § 833 Satz 2 BGB nicht eröff­net sei, da es sich bei dem Kamel nicht– jeden­falls nicht in Deutsch­land, wo die Kamel­hal­tung sehr sel­ten sei – um ein Haus- und Nutz­tier hand­le. Somit kann der Kamel­füh­rer sich nicht auf das Pri­vi­leg des Haus­tier­hal­ters, sich durch Nach­weis pflicht­ge­mä­ßen Ver­hal­tens von der Haf­tung zu befrei­en, beru­fen.

Dane­ben kön­ne der Beklag­te sich aber auch des­halb nicht ent­las­ten, da er die bei der Beauf­sich­ti­gung der Kame­le erfor­der­li­che Sorg­falt nicht beob­ach­tet hat­te. Viel­mehr sei der Kamel­füh­rer gleich einem Fahr­zeug­len­ker für die Sicher­heit der Rei­te­rin, die das Kamel nicht selbst lenk­te, ver­ant­wort­lich und habe nicht allein bei­de Kame­le mit Führ­ket­te am Strick füh­ren dür­fen. So habe er nicht so gut auf die bei­den Tie­re ein­wir­ken und die Rei­te­rin nicht vor Gefah­ren durch die Schreck­re­ak­tio­nen der Kame­le schüt­zen kön­nen.

Dar­über­hin­aus hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ein Mit­ver­schul­den der Klä­ge­rin etwa wegen des Nicht­tra­gens eines Hel­mes, von dem der Beklag­te qua­si abge­ra­ten und sich dadurch ins­be­son­de­re sorg­falts­wid­rig ver­hal­ten hat­te, aus­ge­schlos­sen. Das Beru­fungs­ge­richt erhöh­te daher auf die Anschluss­be­ru­fung der Klä­ge­rin hin das erst­in­stanz­lich zuge­spro­che­ne Schmer­zens­geld von 50.000,00 Euro auf 70.000,00 Euro und bestä­tig­te im Wesent­li­chen den der ver­letz­ten Ärz­tin zuge­spro­che­nen Scha­dens­er­satz für den Ver­dienst­aus­fall für die Mona­te nach dem Unfall in Höhe von rund 21.000,00 Euro.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 7. Juni 2018 – 13 U 194/​17

  1. LG Hechin­gen, Urteil vom 23.11.2017 – 2 O 193/​13[]