Die Pflicht­ver­let­zun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters

Wenn das Insol­venz­ge­richt eine Viel­zahl von Pflicht­ver­let­zun­gen fest­stellt, die für sich allei­ne eine Ent­las­sung des Insol­venz­ver­wal­ters nicht recht­fer­ti­gen, ist es eine Fra­ge des Ein­zel­falls, ob die Gesamt­schau die­ser Pflicht­ver­let­zun­gen dazu führt, dass der Insol­venz­ver­wal­ter ent­las­sen wer­den kann.

Die Pflicht­ver­let­zun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters

Ein Insol­venz­ver­wal­ter ist nach § 59 Abs. 1 Satz 1 InsO zu ent­las­sen, wenn sein Ver­blei­ben im Amt unter Berück­sich­ti­gung der schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Ver­wal­ters die Belan­ge der Gläu­bi­ger und die Recht­mä­ßig­keit der Ver­fah­rens­ab­wick­lung objek­tiv nach­hal­tig beein­träch­ti­gen wür­de. Die­se Beein­träch­ti­gung muss fest­ste­hen. Die Aus­übung des Insol­venz­ver­wal­ter­am­tes ist durch Art. 12 GG geschützt. Ein­grif­fe sind nur zuläs­sig, soweit sie durch höher­wer­ti­ge Inter­es­sen des gemei­nen Wohls gerecht­fer­tigt sind, nicht wei­ter­ge­hen als es erfor­der­lich ist und den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit wah­ren 1. Die Stö­rung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zwi­schen Insol­venz­ver­wal­ter und Insol­venz­ge­richt reicht nie­mals für die Ent­las­sung des Ers­te­ren aus, wenn sie ledig­lich auf per­sön­li­chem Zwist beruht. Hat die Stö­rung ihren Grund in dem Ver­wal­ter vor­ge­wor­fe­nen Pflicht­ver­let­zun­gen, müs­sen die­se grund­sätz­lich fest­ste­hen 2.

Liegt eine Pflicht­ver­let­zung vor, die einen wich­ti­gen Grund zur Ent­las­sung des Insol­venz­ver­wal­ters dar­stellt, darf das Insol­venz­ge­richt von die­ser zwar nicht ledig­lich des­halb abse­hen, weil die Gläu­bi­ger wegen der Pflicht­ver­let­zung den Ver­wal­ter nach §§ 60, 61 InsO auf Scha­dens­er­satz in Anspruch neh­men kön­nen. Umge­kehrt ist jedoch nicht jede Pflicht­ver­let­zung, die einen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus­löst, zugleich ein wich­ti­ger Grund zur Ent­las­sung.

Die­se setzt grund­sätz­lich vor­aus, dass es in Anbe­tracht der Erheb­lich­keit der Pflicht­ver­let­zun­gen, ins­be­son­de­re ihrer Aus­wir­kun­gen auf den Ver­fah­rens­ab­lauf und die berech­tig­ten Belan­ge der Betei­lig­ten, sach­lich nicht mehr ver­tret­bar erscheint, den Ver­wal­ter im Amt zu belas­sen. Die­se Beur­tei­lung, die auf einer Abwä­gung aller jeweils bedeut­sa­men Umstän­de beruht, obliegt dem Tatrich­ter 3.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Annah­me eines sol­chen schwer­wie­gen­den Ver­sto­ßes gegen die Pflich­ten des Insol­venz­ver­wal­ters durch das Beschwer­de­ge­richt nicht bean­stan­det, wenn die­ser trotz mehr­ma­li­ger Fest­set­zun­gen und Bezah­lung eines Zwangs­gelds die ihm abver­lang­te Hand­lung nicht vor­nimmt 4 oder wenn mas­se­schä­di­gen­de Ver­hal­tens­wei­sen erheb­li­chen Umfangs in ande­ren Insol­venz­ver­fah­ren die gene­rel­le Unzu­ver­läs­sig­keit des Ver­wal­ters erwei­sen 5. Eben­so kann die Fest­stel­lung, der Insol­venz­ver­wal­ter habe die Ver­wer­tung der For­de­run­gen gegen die Ehe­frau des Schuld­ners wegen Ver­mö­gens­ver­schie­bun­gen und gegen die Schwes­ter des Schuld­ners wegen eines Pflicht­teils über Jah­re hin vor­werf­bar ver­zö­gert, sei­ne Ent­las­sung begrün­den 6. Ent­spre­chen­des kann gel­ten, wenn der Insol­venz­ver­wal­ter mit der Durch­füh­rung der ihm über­tra­ge­nen Zustel­lun­gen zu Las­ten der Mas­se einen Dritt­un­ter­neh­mer zu einem viel­fach über­höh­ten Ent­gelt beauf­tragt 7. Auch han­delt er pflicht­wid­rig, wenn er nicht von sich aus dem Insol­venz­ge­richt einen Sach­ver­halt anzeigt, der bei unvor­ein­ge­nom­me­ner, lebens­na­her Betrach­tungs­wei­se die ernst­li­che Besorg­nis recht­fer­ti­gen kann, dass er als befan­gen an sei­ner Amts­füh­rung ver­hin­dert ist 8, oder wenn er die Erle­di­gung einer ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­be von der Gewäh­rung einer erhöh­ten Ver­gü­tung abhän­gig macht 9.

Auch wenn ein sol­cher schwer­wie­gen­der Ver­stoß gegen die Pflich­ten des Insol­venz­ver­wal­ters, der sei­ne Ent­las­sung recht­fer­tigt, nicht fest­ge­stellt wer­den kann, son­dern nur vie­le nicht so schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zun­gen, die für sich allei­ne sei­ne Ent­las­sung nicht begrün­den, kann ein Insol­venz­ver­wal­ter nach § 59 Abs. 1 Satz 1 InsO ent­las­sen wer­den. Vor­aus­set­zung ist, dass bei einer Gesamt­schau der Pflicht­ver­let­zun­gen sein Belas­sen im Amt die Inter­es­sen der Gläu­bi­ger und die Recht­mä­ßig­keit der Ver­fah­rens­ab­wick­lung objek­tiv nach­hal­tig beein­träch­tigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Sep­tem­ber 2014 – IX ZB 11/​14

  1. BGH, Beschluss vom 08.12 2005 – IX ZB 308/​04, NZI 2006, 158 Rn. 8; vgl. auch BGH, Beschluss vom 12.01.2012 – IX ZB 157/​11, WM 2012, 280 Rn. 4; vom 19.01.2012 – IX ZB 25/​11, NZI 2012, 247 Rn. 8[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.12 2005, aaO Rn. 9; vgl. BGH, Beschluss vom 19.01.2012, aaO Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 08.12 2005, aaO Rn. 10[]
  4. BGH, Beschluss vom 12.01.2012, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 17.03.2011 – IX ZB 192/​10, NZI 2011, 282 Rn.20; vom 19.01.2012, aaO Rn. 9[]
  6. BGH, Beschluss vom 14.10.2010 – IX ZB 44/​09, NZI 2010, 998 Rn. 9[]
  7. BGH, Beschluss vom 19.01.2012, aaO Rn. 12[]
  8. BGH, Beschluss vom 19.01.2012, aaO Rn. 13[]
  9. BGH, Beschluss vom 19.01.2012 – IX ZB 21/​11, ZIn­sO 2012, 551 Rn. 14 ff[]