Die ver­wei­ger­te Flug­gast­be­för­de­rung

Eine Wei­ge­rung, den Flug­gast zu beför­dern, kann grund­sätz­lich nur dann ange­nom­men wer­den, wenn sie die­sem gegen­über auch zum Aus­druck gebracht wird.

Die ver­wei­ger­te Flug­gast­be­för­de­rung

In dem hier ent­schie­de­nen Fall hat­te der Klä­ger behaup­tet, er sei am Abflug­tag bereits um 8.00 Uhr am Flug­ha­fen erschie­nen, habe aber wegen einer beson­ders lan­gen War­te­schlan­ge am Abfer­ti­gungs­schal­ter erst um 14.00 Uhr Gele­gen­heit gehabt, sein Gepäck auf­zu­ge­ben.

Der Bunds­ge­richts­hof lehn­te zunächst einen Aus­gleichs­an­spruch nach Art. 7 Flug­gast­rech­te­VO ab: Der von dem Klä­ger gebuch­te Flug wur­de plan­mä­ßig durch­ge­führt. Es liegt weder eine Annul­lie­rung des Flugs (Art. 5 Flug­gast­rech­te­VO) noch eine gro­ße Ver­spä­tung vor, die eine Aus­gleichs­zah­lung recht­fer­ti­gen könn­ten [1].

Auch ein Aus­gleichs­an­spruch wegen Nicht­be­för­de­rung (Art. 4 Abs. 3 Flug­gast­rech­te­VO) ver­sag­te der Bun­des­ge­richts­hof:

"Nicht­be­för­de­rung" ist nach Art. 2 Buchst. j Flug­gast­rech­te­VO die Wei­ge­rung, Flug­gäs­te zu beför­dern, die sich unter den in Art. 3 Abs. 2 genann­ten Bedin­gun­gen am Flug­steig ein­ge­fun­den haben. Der Flug­gast, der einen Anspruch wegen Nicht­be­för­de­rung gel­tend machen will, muss dem­nach grund­sätz­lich am Flug­steig anwe­send gewe­sen sein. Davon gehen sowohl der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on [2] als auch der Bun­des­ge­richts­hof aus [3].

Im Streit­fall ist der Klä­ger bis zur Been­di­gung des Ein­stei­ge­vor­gangs nicht am Flug­steig erschie­nen und ihm wur­de weder dort noch zu einem frü­he­ren Zeit­punkt der Ein­stieg ver­wei­gert.

Die Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ent­hält kein umfas­sen­des Regel­werk, das Ansprü­che auf Aus­gleichs­zah­lun­gen, Erstat­tung von Ent­gel­ten und Betreu­ungs­leis­tun­gen (Art. 7 bis Art. 9 Flug­gast­rech­te­VO) für sämt­li­che Fäl­le vor­sä­he, in denen der Flug­gast nicht oder nicht zu dem geschul­de­ten Zeit­punkt beför­dert wird. Durch die Ver­ord­nung wer­den unter den in ihr genann­ten Bedin­gun­gen Min­dest­rech­te für Flug­gäs­te in den Fäl­len der Nicht­be­för­de­rung gegen ihren Wil­len, der Annul­lie­rung des Flugs und der Ver­spä­tung des Flugs fest­ge­legt (Art. 1 Abs. 1 Flug­gast­rech­te­VO). Bei die­sen Min­dest­rech­ten han­delt es sich um gesetz­li­che Ansprü­che, die nicht aus dem Beför­de­rungs­ver­trag fol­gen, den der Flug­gast etwa mit dem Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men abge­schlos­sen hat. Viel­mehr rich­ten sich die dem Flug­gast ein­ge­räum­ten Ansprü­che gegen das aus­füh­ren­de Flug­un­ter­neh­men; ver­trag­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen die­sem und dem Flug­gast müs­sen nicht bestehen (Art. 2 Buchst. b Flug­gast­rech­te­VO). Sie spie­len für die Fra­ge, ob und mit wel­chem Inhalt dem Flug­gast ein Anspruch nach der Ver­ord­nung zusteht, auch kei­ne Rol­le [4]. Art. 12 Abs. 1 Flug­gast­rech­te­VO über­lässt es im Übri­gen dem (natio­na­len) Ver­trags­recht, ob das Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das die Nicht­be­för­de­rung im Sin­ne der Ver­ord­nung durch sein Ver­hal­ten ver­ur­sacht hat, eine wei­ter­ge­hen­de Ein­stands­pflicht trifft [5].

Nach die­sen Maß­stä­ben kann des­halb im Streit­fall eine Ver­wei­ge­rung der Beför­de­rung durch die beklag­te Flug­ge­sell­schaft nicht ange­nom­men wer­den. Selbst wenn man, wie auch vom Bun­des­ge­richts­hof [6] für mög­lich gehal­ten, eine vor­zei­ti­ge, vor dem Ein­tref­fen des Rei­sen­den am Flug­steig statt­fin­den­de Beför­de­rungs­ver­wei­ge­rung als von der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung umfasst ansieht, kann eine Wei­ge­rung, den Flug­gast zu beför­dern, grund­sätz­lich nur dann ange­nom­men wer­den, wenn sie die­sem gegen­über auch zum Aus­druck gebracht wird. Der in Art. 2 Buchst. j Flug­gast­rech­te­VO gewähl­te Begriff "Wei­ge­rung, Flug­gäs­te zu beför­dern" (engl. "refu­sal to car­ry pas­sen­gers on a flight"; franz. "refus de trans­por­ter des pas­sa­gers sur un vol") bedeu­tet, dass das Begeh­ren des Flug­gas­tes, an dem Flug teil­zu­neh­men, zurück­ge­wie­sen wird. Zu einem Ver­hal­ten oder einer Äuße­rung der Beklag­ten, mit denen eine vor­zei­ti­ge Zurück­wei­sung zum Aus­druck gebracht wor­den wäre, hat der Klä­ger nichts vor­ge­tra­gen. Allen­falls hät­te der Klä­ger eine sei­ne Beför­de­rung ableh­nen­de Äuße­rung oder ein ableh­nen­des Ver­hal­ten des Luft­fahrt­un­ter­neh­mens durch eige­nes Tun her­bei­füh­ren kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. April 2013 – X ZR 83/​12

  1. zur Aus­gleichs­zah­lung bei gro­ßer Ver­spä­tung vgl. EuGH, Urtei­le vom 19.11.2009 – C‑402/​07, C‑432/​07, Slg. 2009, I‑10923 = NJW 2010, 43 = RRa 2010, 93 Stur­ge­on u.a./Condor Flug­dienst GmbH und Böck u.a./Air Fran­ce; und vom 23.10.2012 – C- 581/​10 und C‑629/​10 Nel­son u.a./Deutsche Luft­han­sa AG und TUI Tra­vel Plc u.a./Civil Avia­ti­on Aut­ho­ri­ty; BGH, Urteil vom 18.02.2010 – Xa ZR 95/​06, NJW 2010, 2281 = RRa 2010, 93[]
  2. EuGH, Urtei­le vom 04.10.2012 – C‑321/​11, Rodrí­guez Cacha­fei­ro u.a./Iberia, Líne­as Aére­as de Espa­ña SA, EuZW 2012, 942 Rn.19; und C‑22/​11, Finn­air Oyi/​Timy Las­so­oy, EuZW 2012, 945 Rn. 25, 29[]
  3. BGH, Urteil vom 30.04.2009 – Xa ZR 78/​08, NJW 2009, 2740 = RRa 2009, 239; Urteil vom 28.08.2012 – X ZR 128/​11, WM 2012, 2302; Beschluss vom 09.12.2010 – Xa ZR 80/​10, RRa 2011, 84[]
  4. BGH, Urtei­le vom 30.04.2009 – Xa ZR 78/​08, NJW 2009, 2740 = RRa 2009, 239; und Xa ZR 79/​08, TranspR 2009, 323[]
  5. BGH, Urteil vom 30.04.2009 – Xa ZR 78/​08, NJW 2009, 2740 = RRa 2009, 239; EuGH, Urteil vom 23.10.2012 – C‑581/​10, C‑629/​10, Nel­son u.a./Deutsche Luft­han­sa AG und The Queen/​Civil Avia­ti­on Aut­ho­ri­ty, EuZW 2012, 906 Rn. 59[]
  6. BGH, Urteil vom 30.04.2009 – Xa ZR 78/​08, NJW 2009, 2740 = RRa 2009, 239 Rn. 7[]