Erfül­lungs­ort beim grenz­über­schrei­ten­den Ver­sen­dungs­kauf

Bei einem grenz­über­schrei­ten­den Ver­sen­dungs­kauf ist für die Bestim­mung des Erfül­lungs­or­tes im Sin­ne von Art. 5 Nr. 1 Buchst. b ers­ter Spie­gel­strich EuGV­VO an den Ort anzu­knüp­fen, an dem die mit dem Kauf­ver­trag erstreb­te Über­tra­gung der Sachen vom Ver­käu­fer an den Käu­fer durch deren Ankunft an ihrem end­gül­ti­gen Bestim­mungs­ort voll­stän­dig abge­schlos­sen ist und der Käu­fer die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über die Waren erlangt hat oder hät­te erlan­gen müs­sen 1.

Erfül­lungs­ort beim grenz­über­schrei­ten­den Ver­sen­dungs­kauf

Ein nach Art. 5 Nr. 1 Buchst. b ers­ter Spie­gel­strich EuGV­VO bestehen­der beson­de­rer Gerichts­stand des Erfül­lungs­or­tes erfasst sämt­li­che Kla­gen aus ein und dem­sel­ben Ver­trag über den Ver­kauf beweg­li­cher Sachen und nicht nur die­je­ni­ge aus der Lie­fer­ver­pflich­tung an sich. Das gilt unge­ach­tet der jeweils gewähl­ten Kla­ge­art oder Rechts­schutz­form.

Eine Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te ist nach Maß­ga­be von Art. 5 Nr. 1 Buchst. a und b EuGV­VO gege­ben, wenn der Erfül­lungs­ort für die den Streit­ge­gen­stand bil­den­de Ver­pflich­tung zur Kauf­preis­zah­lung in Deutsch­land anzu­sie­deln ist.

Nach Art. 5 Nr. 1 Buchst. a EuGV­VO kann eine Per­son, die ihren (Wohn-)Sitz (Art. 59 f. EuGV­VO) im Hoheits­ge­biet eines Mit­glieds­staa­tes hat, vor dem Gericht des­je­ni­gen Ortes, an dem die Ver­pflich­tung erfüllt wor­den ist oder zu erfül­len wäre, ver­klagt wer­den, wenn ein Ver­trag oder Ansprü­che aus einem Ver­trag den Gegen­stand des Ver­fah­rens bil­den. Für den Ver­kauf beweg­li­cher Sachen wird die­se Bestim­mung in Art. 5 Nr. 1 Buchst. b ers­ter Spie­gel­strich EuGV­VO dahin ergänzt, dass im Sin­ne die­ser Vor­schrift und sofern nichts ande­res ver­ein­bart wor­den ist, der Erfül­lungs­ort der Ver­pflich­tung der Ort in einem Mit­glieds­staat ist, an dem die Sachen nach dem Ver­trag gelie­fert wor­den sind oder hät­ten gelie­fert wer­den müs­sen.

In der Recht­spre­chung und im rechts­wis­sen­schaft­li­chen Schrift­tum ist für den Ver­kauf beweg­li­cher Sachen umstrit­ten, an wel­chen Ort bei Feh­len einer bestimm­ten Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­par­tei­en im Fal­le einer Ver­sen­dung der Sachen für die Zustän­dig­keits­be­stim­mung anzu­knüp­fen ist. Teil­wei­se wird ange­nom­men, dies bestim­me sich nach dem zugrun­de lie­gen­den mate­ri­el­len Recht, hier vor­be­halt­lich abwei­chen­der ver­trag­li­cher Rege­lun­gen nach Art. 31 Buchst. a des Über­ein­kom­mens der Ver­ein­ten Natio­nen über Ver­trä­ge über den inter­na­tio­na­len Waren­kauf vom 5. Juli 1989 2, der gemäß Art. 1 Abs. 1 Buchst. a CISG auf die Ver­trags­be­zie­hun­gen Anwen­dung fin­det und wonach die Lie­fer­pflicht des Ver­käu­fers dar­in besteht, die Ware dem ers­ten Beför­de­rer zur Über­mitt­lung an den Käu­fer zu über­ge­ben. Nach ande­rer Auf­fas­sung hat die Bestim­mung nach rein tat­säch­li­chen Kri­te­ri­en ohne Rück­griff auf die jeweils zur Anwen­dung kom­men­den mate­ri­ell-recht­li­chen Rege­lun­gen auto­nom zu erfol­gen, hier nach dem Ort, an dem der Käu­fer die Ware als ver­trags­ge­mä­ße Lie­fe­rung tat­säch­lich abnimmt 3.

Auf Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 9. Juli 2008 4 hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on 5 die Fra­ge wie folgt beant­wor­tet:

"Art. 5 Nr. 1 Buchst. b ers­ter Gedan­ken­strich der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 ist dahin aus­zu­le­gen, dass bei Ver­sen­dungs­käu­fen der Ort, an dem die beweg­li­chen Sachen nach dem Ver­trag gelie­fert wor­den sind oder hät­ten gelie­fert wer­den müs­sen, auf der Grund­la­ge der Bestim­mun­gen die­ses Ver­trags zu bestim­men sind. Lässt sich der Lie­fer­ort auf die­ser Grund­la­ge ohne Bezug­nah­me auf das auf den Ver­trag anwend­ba­re mate­ri­el­le Recht nicht bestim­men, ist die­ser Ort der­je­ni­ge der kör­per­li­chen Über­ga­be der Waren, durch die der Käu­fer am end­gül­ti­gen Bestim­mungs­ort des Ver­kaufs­vor­gangs die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über die Waren erlangt hat oder hät­te erlan­gen müs­sen."

Zur Begrün­dung hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof im Wesent­li­chen aus­führt, dass sich bei einem Ver­trag über den Ver­kauf beweg­li­cher Sachen der in der Ver­ord­nung auto­nom defi­nier­te Lie­fer­ort der Waren in ers­ter Linie nach dem Wil­len der Ver­trags­par­tei­en bestim­me, so dass zunächst zu prü­fen sei, ob der Lie­fer­ort aus den Ver­trags­be­stim­mun­gen her­vor­ge­he. Kön­ne so der Lie­fer­ort ermit­telt wer-den, ohne auf das auf den Ver­trag anwend­ba­re mate­ri­el­le Recht Bezug zu neh­men, sei die­ser Ort als der Ort anzu­se­hen, an dem im Sin­ne von Art. 5 Nr. 1 Buchst. b ers­ter Gedan­ken­strich EuGV­VO gelie­fert wor­den sei oder hät­te gelie­fert wer­den müs­sen. Ent­hal­te der Ver­trag dage­gen kei­ne Bestim­mun­gen, die den Wil­len der Par­tei­en hin­sicht­lich des Lie­fer­or­tes der Waren ohne Rück­griff auf das anwend­ba­re mate­ri­el­le Recht erken­nen lie­ßen, sei nach Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Sys­te­ma­tik der Ver­ord­nung der Lie­fer­ort nicht dort anzu­sie­deln, wo die Waren an den ers­ten Beför­de­rer zur Über­mitt­lung an den Käu­fer über­ge­ben wer­den, son­dern am end­gül­ti­gen Bestim­mungs­ort, an dem die Ware dem Käu­fer kör­per­lich über­ge­ben wor­den sei oder hät­te über­ge­ben wer­den müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juni 2010 – VIII ZR 135/​08

  1. Anschluss an EuGH, NJW 2010, 1059[]
  2. BGBl. II S. 588 – CISG[]
  3. zum Mei­nungs­stand BGH, Beschluss vom 09.07.2008 – VIII ZR 184/​07, IHR 2008, 189, Tz. 18 ff.[]
  4. aaO[]
  5. EuGH, Urteil vom 25.02.2010 – C‑381/​08, NJW 2010, 1059 [Car Trim GmbH /​Key­Safe­ty Sys­tems Srl][]