Gerichts­stand­ver­ein­ba­rung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren

Auch im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren wird die Zustän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts durch eine nach­träg­li­che ander­wei­ti­ge Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung nicht berührt. Die (trotz­dem vor­ge­nom­me­ne) Ver­wei­sung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens ist aller­dings für das Gericht, an das die Sache ver­wie­sen wird, bin­dend.

Gerichts­stand­ver­ein­ba­rung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren

Zustän­dig­keit trotz spä­te­rer Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung

Die Ver­ein­ba­rung eines Gerichts­stands ist nach dem Ent­ste­hen der Strei­tig­keit gemäß § 38 Abs. 3 Nr. 1 ZPO mög­lich, berührt aber in ent­spre­chen­der Anwen-dung des § 261 Abs. 3 Nr. 2 ZPO die ein­mal bestehen­de Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren nicht. Die Vor­schrift des § 261 Abs. 3 Nr. 2 ZPO ist im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren zwar nicht unmit­tel­bar anwend­bar, weil eine Rechts­hän­gig­keit der Streit­sa­che nicht ein­tritt. Der Gesetz­ge­ber hat auch nicht bestimmt, ob im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren die Zustän­dig­keit des Gerichts durch eine Ver­än­de­rung der sie begrün­den­den Umstän­de berührt wird. Es ist jedoch sach­ge­recht, den in § 261 Abs. 3 Nr. 2 ZPO nie­der­ge­leg­ten Grund­satz auch auf das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren anzu­wen­den 1. Das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren soll vor allem die Ver­mei­dung oder die zügi­ge Erle­di­gung von Rechts­strei­tig­kei­ten för­dern und damit der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit die­nen. Die­sem Zweck ent­spricht es, das Ver­fah­ren mög­lichst bei dem zunächst ange­ru­fe­nen Gericht abzu­schlie­ßen 2. Hier­mit wäre nicht ver­ein­bar, könn­ten die Par­tei­en die Zustän­dig­keit des zunächst ange­ru­fe­nen Gerichts wäh­rend der gesam­ten Dau­er des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens durch die nach­träg­li­che Ver­ein­ba­rung eines aus­schließ­li­chen Gerichts­stands besei­ti­gen. Eine nach erfolg­ter Zustel­lung oder Über­sen­dung des Antrags auf Durch­füh­rung eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens an den Antrags­geg­ner getrof­fe­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung berührt die bestehen­de Zustän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren daher eben­so wenig wie im Kla­ge­ver­fah­ren 3.

Bin­dung an den unzu­tref­fen­den Ver­wei­sungs­be­schluss

Ver­wei­sungs­be­schlüs­se wir­ken in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO auch im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren bin­dend, wenn dem Antrags­geg­ner der Antrag auf Durch­füh­rung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens zuvor zuge­stellt oder über­sandt wor­den ist.

Ob Ver­wei­sungs­be­schlüs­se im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren Bin­dungs­wir­kung ent­fal­ten, wird nicht ein­heit­lich beur­teilt 4.

Die Vor­schrift des § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO ist im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren zwar nicht unmit­tel­bar anwend­bar, weil die­ses Ver­fah­ren kein Rechts­streit im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist. Allein das for­ma­le Argu­ment, das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren begrün­de nicht die in § 281 ZPO vor­aus­ge­setz­te Rechts­hän­gig­keit der Haupt­sa­che 5, spricht jedoch nicht gegen eine ent­spre­chen­de Anwen­dung die­ser Vor­schrift, wie sich etwa an der stän­di­gen Recht­spre­chung zeigt, die Ver­wei­sun­gen im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren Bin­dungs­wir­kung bei­misst 6. Es ist, so der BGH, viel­mehr sach­ge­recht, die Vor­schrift des § 281 ZPO auch auf das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ent­spre­chend anzu­wen­den. Sinn und Zweck der in § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO ange­ord­ne­ten Bin­dungs­wir­kung, Zustän­dig­keits­strei­tig­kei­ten und dadurch bewirk­te Ver­zö­ge­run­gen zu ver­mei­den und hier­zu auch sach­lich unrich­ti­ge Ver­wei­sungs­be­schlüs­se hin­zu­neh­men, sind im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren min­des­tens eben­so bedeut­sam wie im Kla­ge­ver­fah­ren. Das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren dient gera­de dazu, schnel­le Fest­stel­lun­gen zur Ver­mei­dung oder Vor­be­rei­tung eines Rechts­streits zu ermög­li­chen. Hier­mit wäre die ohne eine Bin­dungs­wir­kung eröff­ne­te Mög­lich­keit der Hin‑, Rück- oder Wei­ter­ver­wei­sung nicht zu ver­ein­ba­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2010 – Xa ARZ 14/​10

  1. OLG Cel­le OLGR 2005, 253, 254; OLG Frank­furt a.M. NJW-RR 1998, 1610; Fischer, MDR 2001, 608, 610[]
  2. BGH, Beschluss vom 22.07.2004 – VII ZB 3/​03, NZBau 2004, 550; OLG Schles­wig OLGR 2009, 828, 829[]
  3. dazu BGH, Beschluss vom 16.11.1962 – III ARZ 123/​62, NJW 1963, 585, 586; Bork in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 38 Rdn. 62; Zöller/​Greger, ZPO, 28. Aufl., § 261 Rdn. 12; a.A. Münch-Komm.ZPO/Becker-Eberhard, 3. Aufl., § 261 Rdn. 93[]
  4. befür­wor­tend OLG Bran­den­burg OLGR 2006, 677, 678; OLG Frank­furt a.M. NJW-RR 1998, 1610; Fischer, MDR 2001, 608, 611; Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 486 Rdn. 34; hier­zu nei­gend auch OLG Schles­wig OLGR 2009, 828, 829 f.; ableh­nend OLG Zwei­brü­cken OLGR 1998, 181; Musielak/​Huber, ZPO, 7. Aufl., § 486 Rdn. 3; Zöller/​Herget, ZPO, 28. Aufl., § 486 Rdn. 2; s. auch OLG Cel­le OLGR 2005, 253, 254[]
  5. so ins­be­son­de­re OLG Zwei­brü­cken OLGR 1998, 181[]
  6. statt aller BGH, Beschluss vom 09.03.1994 – XII ARZ 8/​94, NJW-RR 1994, 706[]