Grund­dienst­bar­kei­ten mit fest­ge­leg­ter Aus­übungs­stel­le

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung von § 1023 BGB auf den Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten schei­det aus, wenn die Aus­übungs­stel­le rechts­ge­schäft­lich zum Inhalt der Dienst­bar­keit gemacht wor­den ist.

Grund­dienst­bar­kei­ten mit fest­ge­leg­ter Aus­übungs­stel­le

Das Gesetz sieht in § 1023 Abs. 1 BGB nur einen Anspruch des Eigen­tü­mers auf Ver­le­gung der Aus­übung einer Grund­dienst­bar­keit auf eine ande­re, für den Berech­tig­ten eben­so geeig­ne­te Stel­le vor, wenn die Aus­übung an der bis­he­ri­gen Stel­le für ihn beson­ders beschwer­lich ist. Die­se Rege­lung gilt gemäß § 1090 Abs. 2 BGB auch für den Eigen­tü­mer eines Grund­stücks, das – wie hier – mit einer beschränk­ten per­sön­li­chen Dienst­bar­keit belas­tet ist. Ob auch dem Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 1023 Abs. 1, § 1090 Abs. 2 BGB oder aus § 242 BGB in Ver­bin­dung mit die­sen Vor­schrif­ten ein Anspruch auf Ver­le­gung der Aus­übung der Dienst­bar­keit auf eine ande­re Stel­le des belas­te­ten Grund­stücks zuste­hen kann, ist umstrit­ten.

Nach einer vor allem im älte­ren Schrift­tum ver­tre­te­nen Auf­fas­sung soll nur der Eigen­tü­mer die Ver­le­gung der Aus­übung bean­spru­chen kön­nen 1, 5. Aufl., § 31 VI, S. 646; Staudinger/​Ring, BGB [1981], § 1023 Rn. 14; Soergel/​Stürner, BGB, 13. Aufl., § 1023 Rn. 1)). Die Ver­tre­ter die­ser Ansicht sehen in § 1023 BGB (aus­schließ­lich) eine beson­de­re Aus­prä­gung des Prin­zips der scho­nen­den Rechts­aus­übung – mit­hin einen Aus­fluss der Rech­te des Eigen­tü­mers aus § 1020 BGB 2, 5. Aufl., § 31 VI, S. 646)).

Nach der Gegen­mei­nung kann sich ein Anspruch des Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten auf Ver­le­gung der Aus­übung aus einer ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 1023 BGB 3 bzw. aus § 242 BGB 4 erge­ben. § 1023 BGB sei Aus­druck des Gebots der scho­nen­den Rechts­aus­übung (§ 1020 BGB), wie aber auch des Gebots der gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me, das auf dem zwi­schen den Betei­lig­ten bestehen­den gesetz­li­chen Schuld­ver­hält­nis bei einer Grund­dienst­bar­keit basie­re 5.

Rich­ti­ger­wei­se schei­det eine ent­spre­chen­de Anwen­dung von § 1023 BGB auf den Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten aus, wenn die Aus­übungs­stel­le wie hier rechts­ge­schäft­lich zum Inhalt der Dienst­bar­keit gemacht wor­den ist.

Die Aus­übung einer Dienst­bar­keit, die auf dem gesam­ten die­nen­den Grund­stück las­tet, kann auf den rea­len Teil des Grund­stücks beschränkt wer­den. Dabei steht es grund­sätz­lich im Belie­ben der Betei­lig­ten, ob sie die Bestim­mung des Aus­übungs­orts der tat­säch­li­chen Aus­übung über­las­sen oder rechts­ge­schäft­lich zum Inhalt der Dienst­bar­keit machen 6. Im zuletzt genann­ten Fall ist die Ver­ein­ba­rung als Inhalts­be­stim­mung in das Grund­buch ein­zu­tra­gen. Eine Ver­le­gung der Aus­übungs­stel­le erfor­dert dann eine ding­li­che Eini­gung (§§ 873, 877 BGB) über die Ände­rung des Inhalts der Dienst­bar­keit und deren Ein­tra­gung in das Grund­buch 7. Die Vor­schrift des § 1023 BGB, bei der es sich um einen beson­de­ren Anwen­dungs­fall der Schon­pflicht aus § 1020 BGB han­delt 8, sieht einen Ver­le­gungs­an­spruch auch für den Fall vor, dass die Aus­übungs­stel­le rechts­ge­schäft­lich bestimmt und damit Inhalt der Dienst­bar­keit gewor­den ist (§ 1023 Abs. 1 Satz 2 BGB). Sie legt dem Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten also nicht nur eine Ände­rung des tat­säch­li­chen Ver­hal­tens auf dem die­nen­den Grund­stück auf, wenn die Aus­übung der Dienst­bar­keit an der bis­he­ri­gen Stel­le für den Eigen­tü­mer beson­de­res beschwer­lich ist, son­dern kann auch sei­ne Ver­pflich­tung begrün­den, an einer Inhalts­än­de­rung der Dienst­bar­keit mit­zu­wir­ken 9.

Eine Grund­la­ge, auch den Dienst­bar­keits­ver­pflich­te­ten in bestimm­ten Fäl­len zu einer Inhalts­än­de­rung des Rechts zu zwin­gen, bie­tet § 1023 BGB indes­sen nicht.

Es fehlt bereits an der für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift not­wen­di­gen pla­nungs­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke 10. Der Gesetz­ge­ber ist davon aus­ge­gan­gen, dass dem Berech­tig­ten, der einem Anspruch des Ver­pflich­te­ten auf Ver­le­gung eines ver­ein­bar­ten Aus­übungs­orts aus­ge­setzt ist, eine Dienst­bar­keit ande­ren Inhalts "auf­ge­drängt" wird, und hat den Vor­gang als "zivil­recht­li­che Zwangs­ent­eig­nung" bezeich­net 11. Dies lässt den Aus­nah­me­cha­rak­ter der Vor­schrift erken­nen und damit den Schluss zu, dass der Ver­le­gungs­an­spruch bewusst nur für den Eigen­tü­mer geschaf­fen wor­den ist.

Dar­über hin­aus fehlt es, wenn eine bestimm­te Aus­übungs­stel­le Inhalt der Dienst­bar­keit gewor­den ist, an hin­rei­chen­den sach­li­chen Grün­den für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift. Das Inter­es­se des Berech­tig­ten an einer Aus­übung der Dienst­bar­keit ohne Beschwer­nis­se recht­fer­tigt es nicht, deren Inhalt zu ver­än­dern. Ist ein bestimm­ter Aus­übungs­ort Inhalt der Dienst­bar­keit gewor­den, kann und muss er sich dar­auf ein­rich­ten, dass ein wei­ter­ge­hen­des Recht zur Nut­zung des die­nen­den Grund­stücks als aus dem Grund­buch ersicht­lich nicht besteht. Auf der ande­ren Sei­te muss sich der Eigen­tü­mer, der eine inhalt­lich beschränk­te Dienst­bar­keit bewil­ligt hat, dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass die Beschrän­kung grund­sätz­lich Bestand hat. Deren Wir­kun­gen 12 dür­fen nicht durch einen Ver­le­gungs­an­spruch des Berech­tig­ten unter­lau­fen wer­den. Ent­spre­chen­des gilt für etwai­ge Rechts­nach­fol­ger; auch ihr Ver­trau­en dar­auf, dass das Grund­buch die Aus­übungs­stel­le der Dienst­bar­keit ver­läss­lich wie­der­gibt, ist grund­sätz­lich schutz­wür­dig.

Das Gebot gegen­sei­ti­ger Rück­sicht­nah­me, aus dem ein Ver­le­gungs­an­spruch des Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten ent­spre­chend § 1023 BGB teil­wei­se her­ge­lei­tet wird, ver­mag eine Inhalts­än­de­rung der Dienst­bar­keit gegen den Wil­len des Dienst­bar­keits­ver­pflich­te­ten nicht zu recht­fer­ti­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass das Begleit­schuld­ver­hält­nis, wel­ches als gesetz­li­che Fol­ge der Bestel­lung einer Dienst­bar­keit zwi­schen den Par­tei­en ent­steht 13 und eine Pflicht zu gegen­sei­ti­ger Rück­sicht­nah­me begrün­det, schon vom gedank­li­chen Ansatz her nicht zu einer Ände­rung des Inhalts der Dienst­bar­keit ver­pflich­ten kann, da sich die Pflich­ten nach Inhalt und Zweck der Dienst­bar­keit bestim­men 14. Dies muss in glei­cher Wei­se für einen unmit­tel­bar aus dem Gebot der gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me abge­lei­te­ten Ver­le­gungs­an­spruch gel­ten.

Ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Dienst­bar­keits­be­rech­tig­te in beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len nach Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) doch ein­mal die Ver­än­de­rung eines rechts­ge­schäft­lich bestimm­ten Aus­übungs­be­reichs einer Dienst­bar­keit ver­lan­gen kann, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. In Betracht käme dies jeden­falls nur unter der Vor­aus­set­zung, dass die Aus­übung der Dienst­bar­keit an der bis­her vor­ge­se­he­nen Stel­le auf­grund nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ner, nicht auf einer will­kür­li­chen Benut­zungs­än­de­rung 15 beru­hen­der Umstän­de für den Dienst­bar­keits­be­rech­tig­ten mit unzu­mut­ba­ren Nach­tei­len ver­bun­den ist. Bereits hier­an fehlt es im hier ent­schie­de­nen Fall, da die Erschwer­nis­se, die eine Aus­übung der Dienst­bar­keit an der ver­ein­bar­ten Stel­le ent­lang der Grund­stücks­gren­ze mit sich bringt, von Anfang an bestan­den haben. Dann ist es aber nicht unbil­lig, wenn sich die Berech­tig­ten an dem ver­ein­bar­ten Inhalt der Dienst­bar­keit fest­hal­ten las­sen müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Dezem­ber 2014 – V ZR 36/​14

  1. RGRK/​Busch, BGB, 3. Aufl., § 1023 Rn. 2; Loening/​Basch/​Straßmann, BGB, § 1023 Anm. 1; Wolff/​Raiser, Sachen­recht, 10. Bear­bei­tung, § 107 II, S. 441; Meisner/​Stern/​Hodes, Nach­bar­recht im Bun­des­ge­biet ((ohne Bay­ern[]
  2. RGRK/​Busch, BGB, 3. Aufl., § 1023 Rn. 2; Wolff/​Raiser, Sachen­recht, 10. Bear­bei­tung, § 107 II, S. 441; Staudinger/​Ring, BGB [1981], § 1023 Rn. 1; Soergel/​Stürner, BGB, 13. Aufl., § 1023 Rn. 1; so auch Goldmann/​Lilienthal, BGB, Bd. – II Sachen­recht, § 56 – II 1 c, S. 390; Meisner/​Stern/​Hodes, Nach­bar­recht im Bun­des­ge­biet ((ohne Bay­ern[]
  3. Münch­Komm-BGB/Joost, 6. Aufl., § 1023 Rn. 7; Bamberger/​Roth/​Wegmann, BGB, 3. Aufl., § 1023 Rn. 10 und bereits Wei­mar, JW 1933, 189[]
  4. Staudinger/​Mayer, BGB [2009], § 1023 Rn. 7; Palandt/​Bassenge, BGB, 73. Aufl., § 1023 Rn. 3; RGRK/​Rothe, BGB, 12. Aufl., § 1023 Rn. 3; Erman/​Grziwotz, BGB, 13. Aufl., § 1023 Rn. 2; PWW/​Prütting, BGB, 9. Aufl. § 1023 Rn. 4, die Anspruchs­grund­la­ge offen lässt NK-BGB/Ot­to, 3. Aufl., § 1023 BGB Rn. 1, 30; vgl. auch BayO­bLGZ 62, 24, 35 zu einer Gemein­de­ser­vi­tut alten Rechts[]
  5. Münch­Komm-BGB/Joost, 6. Aufl., § 1023 Rn. 1; Staudinger/​Mayer, BGB [2009], § 1023 Rn. 1; NK-BGB/Ot­to, 3. Aufl., § 1023 Rn. 1, 30; so auch OLG Koblenz, NJW-RR 2014, 401, 402; Westermann/​Gursky/​Eickmann, Sachen­recht, 8. Aufl., § 121 – IV 3 Rn. 21; juris-PK/­Münch, 7. Aufl., § 1023 Rn. 7[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.02.1984 – V ZB 8/​83, BGHZ 90, 181, 183[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 07.10.2005 – V ZR 140/​04, NJW-RR 2006, 237 Rn. 15; Beschluss vom 16.02.1984 – V ZB 8/​83, BGHZ 90, 181, 183; Urteil vom 21.11.1975 – V ZR 237/​73, WM 1976, 274, 275[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 25.02.1959 – V ZR 176/​57, LM § 242 (D) BGB Nr. 31[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 21.11.1975 – V ZR 237/​73, WM 1976, 274, 275; RGRK-BGB/Ro­the, 12. Aufl., § 1023 Rn. 4[]
  10. vgl. hier­zu all­ge­mein BGH, Urteil vom 14.12 2006 – IX ZR 92/​05, BGHZ 170, 187 Rn. 15[]
  11. vgl. Moti­ve III, S. 485 = Mug­dan, Mate­ria­li­en, Bd. III, S. 270; Pro­to­kol­le II, S. 314 ff. = Mug­dan, Mate­ria­li­en, Bd. III. S. 735 ff.[]
  12. vgl. z.B. § 1026 BGB[]
  13. BGH, Urteil vom 28.06.1985 – V ZR 111/​84, BGHZ 95, 144, 146 f.[]
  14. BGH, Urteil vom 19.09.2008 – V ZR 164/​07, NJW 2008, 3703 Rn. 17[]
  15. vgl. dazu BGH, Urteil vom 02.10.1998 – V ZR 301/​97, NJW-RR 1999, 166, 167[]