Sta­si-Trai­ner für Sport­sol­da­ten

Die Bun­des­wehr muss auch einen Trai­ner, der frü­her für das DDR-Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) tätig war, als Trai­ner von Sport­sol­da­ten dul­den. Dies ent­schied jetzt das Bran­den­bur­gi­sche Ober­lan­des­ge­richt in dem Fall des Eis­kunst­lauf­trai­ners Ingo Steu­er, dem Trai­ner der deut­schen Meis­ter und Euro­pa­meis­ter im Eis­kunst­paar­lauf Aljo­na Sav­chen­ko und Robin Szol­ko­wy, der damit auch wie­der Sport­sol­da­ten trai­nie­ren darf.

Sta­si-Trai­ner für Sport­sol­da­ten

Ingo Steu­er, der bei sei­ner Ein­stel­lung bei der Bun­des­wehr als Sport­sol­dat, zunächst als Sport­ler, spä­ter als Trai­ner, zwei Mal die Fra­ge nach einer Tätig­keit für das MfS wahr­heits­wid­rig ver­neint hat­te, war von der Bun­des­wehr im März 2006 frist­los ent­las­sen wor­den. Im Herbst 2007 wur­de ihm mit­ge­teilt, dass die Bun­des­wehr es wegen sei­ner fal­schen Anga­ben bei sei­ner Ein­stel­lung nicht dul­den wer­de, dass er Sport­sol­da­ten trai­nie­re. Seit­dem trai­niert es kei­ne Sport­sol­da­ten mehr. Herr Szol­ko­wy ist seit Som­mer 2006 nicht mehr Sport­sol­dat.

Herr Steu­er hat in die­sem Ver­hal­ten der Bun­des­wehr eine Beein­träch­ti­gung sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit als frei­be­ruf­li­cher Trai­ner gese­hen, weil die Sport­för­der­grup­pe bei der Bun­des­wehr eine tra­gen­de Säu­le der Sport­för­de­rung für Leis­tungs­sport­ler sei. Sport­sol­da­ten könn­ten ihn als Trai­ner nicht wäh­len, ohne ihren Sta­tus und damit die Siche­rung ihrer Lebens­grund­la­ge zu ver­lie­ren.

Das erst­in­stanz­lich mit sei­ner Kla­ge befass­te Land­ge­richt Frank­furt (Oder) hat die gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erho­be­ne Kla­ge abge­wie­sen. Dage­gen hat das Bran­den­bur­gi­sche Ober­lan­des­ge­richts auf sei­ne Beru­fung die Bun­des­wehr ver­ur­teilt, ihn als Eis­kunst­lauf­trai­ner von Sport­sol­da­ten zu dul­den, wenn sie ihn als Trai­ner wäh­len, der sport­li­che Spit­zen­ver­band ihn beauf­tragt und der Deut­sche Olym­pi­sche Sport­bund sei­ne Tätig­keit befür­wor­tet.

Das Ver­hal­ten der Bun­des­wehr grei­fe in die gewerb­li­che Tätig­keit des Herrn Steu­er ein, so das Bran­den­bur­gi­sche Ober­lan­des­ge­richt, es habe für ihn den Effekt eines Boy­kotts. Deut­sche Spit­zen­sport­ler im Eis­kunst­lauf sei­en Sport­sol­da­ten mit Aus­nah­me der deut­schen Euro­pa­meis­ter im Paar­lauf, die von Herrn Steu­er trai­niert wer­den. Die Bun­des­wehr ver­hin­de­re, dass er Trai­ner­leis­tun­gen erbrin­gen und hier­durch Ein­nah­men erzie­len kön­ne.

Auch wenn Herr Steu­er bei sei­ner Ein­stel­lung ein schwe­res Dienst­ver­ge­hen began­gen habe, indem er auf Befra­gung sei­ne Tätig­keit für das MfS nicht offen­ge­legt habe, recht­fer­ti­ge dies bei einer Abwä­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les kei­ne ziel­ge­rich­te­te Behin­de­rung sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit als frei­be­ruf­li­cher Eis­kunst­lauf­trai­ner.

Herr Steu­er habe sei­ne Ver­pflich­tungs­er­klä­rung gegen­über dem MfS kurz nach sei­nem 18. Geburts­tag noch als Sport­ler unter­schrie­ben und durch sei­ne Tätig­keit als IM offen­bar kei­ner der von ihm bespit­zel­ten Per­so­nen einen kon­kre­ten Scha­den zuge­fügt. Er sei 12 Jah­re im Diens­te der Bun­des­wehr tätig gewe­sen und habe dort höchs­te Aus­zeich­nun­gen erhal­ten. Argu­men­te gegen die fach­li­che Eig­nung des Klä­gers exis­tier­ten nicht.

Schließ­lich sei es die Auf­ga­be des Spit­zen­ver­ban­des, der Deut­schen Eis­lauf Uni­on, und des Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bun­des, sich dar­über klar­zu­wer­den, ob sie ein Trai­ning durch Herrn Steu­er zulas­sen woll­ten oder nicht. Wenn sie nach Über­prü­fung sei­ner frü­he­ren Tätig­keit für das MfS kei­ne Ein­wän­de dage­gen hät­ten, dass er heu­te Spit­zen­sport­ler im Eis­kunst­lauf trai­nie­re, sei die Bun­des­wehr nicht berech­tigt, die­se sport­fach­li­che Ent­schei­dung außer Kraft zu set­zen.

Bran­den­bur­gi­sches Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 29. März 2011 – 6 U 66/​10