Urteils­ver­kün­dung – und der feh­len­de Bei­sit­zer

Ein Urteil kann auch in Abwe­sen­heit eines Bei­sit­zers wirk­sam ver­kün­det wer­den.

Urteils­ver­kün­dung – und der feh­len­de Bei­sit­zer

Ein Urteil wird erst durch sei­ne förm­li­che Ver­laut­ba­rung mit allen pro­zes­sua­len und mate­ri­ell­recht­li­chen Wir­kun­gen exis­tent. Bis dahin liegt nur ein Ent­schei­dungs­ent­wurf vor, der allen­falls den Rechts­schein eines Urteils erzeu­gen kann [1].

Die Ver­laut­ba­rung eines Urteils erfolgt grund­sätz­lich öffent­lich im Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung oder in einem hier­für anbe­raum­ten Ter­min durch das Ver­le­sen der Urteils­for­mel (§ 112c Abs. 1 Satz 1 BRAO, § 116 Abs. 1 VwGO) durch den Vor­sit­zen­den vor dem ord­nungs­ge­mäß besetz­ten Gericht, des­sen Mit­glie­der jedoch nicht not­wen­dig die­sel­ben Rich­ter sein müs­sen, die das Urteil gefällt haben [2].

Dem Feh­len der Ver­laut­ba­rung ste­hen Ver­stö­ße gegen ele­men­ta­re, zum Wesen der Ver­laut­ba­rung gehö­ren­de Form­erfor­der­nis­se gleich, sodass von einer Ver­laut­ba­rung im Rechts­sin­ne nicht mehr gespro­chen wer­den kann.

Zu den zu wah­ren­den Min­dest­an­for­de­run­gen an eine Ver­laut­ba­rung gehört, dass sie vom Gericht beab­sich­tigt war oder von den Par­tei­en der­art ver­stan­den wer­den durf­te und dass die Par­tei­en vom Erlass und Inhalt der Ent­schei­dung förm­lich unter­rich­tet wur­den.

Zu den zu wah­ren­den Min­dest­an­for­de­run­gen an eine Ver­laut­ba­rung gehört, dass sie vom Gericht beab­sich­tigt war oder von den Par­tei­en der­art ver­stan­den wer­den durf­te und dass die Par­tei­en vom Erlass und Inhalt der Ent­schei­dung förm­lich unter­rich­tet wur­den.

Dies zeigt schon die Bestim­mung des § 311 Abs. 4 ZPO, wonach im Zivil­rechts­streit in einem geson­dert anbe­raum­ten Ver­kün­dungs­ter­min der Vor­sit­zen­de das Urteil allein ver­kün­den kann.

Aber auch die Annah­me eines Ver­fah­rens­feh­lers wür­de auch nicht zur Auf­he­bung des Urteils füh­ren. Eine Auf­he­bung einer Ent­schei­dung wegen eines Ver­fah­rens­feh­lers erfolgt nur dann, wenn die Ent­schei­dung dar­auf beruht oder beru­hen kann. Bei rein for­ma­len Ver­kün­dungs­män­geln ist dies regel­mä­ßig nicht der Fall.

Der Man­gel der Ver­kün­dung wäre im Übri­gen auch durch die Zustel­lung der Aus­fer­ti­gung des voll­stän­di­gen und unter­schrie­be­nen Urteils geheilt wor­den. Wird ein Urteil statt durch Ver­kün­dung in öffent­li­cher Sit­zung durch Zustel­lung ver­kün­det, liegt hier­in zwar ein auf die Wahl der Ver­laut­ba­rung beschränk­ter Ver­fah­rens­feh­ler [3], der aber nicht der­ar­tig ele­men­tar ist, dass er zur Unwirk­sam­keit des Urteils­er­las­ses führt [4]. Zwar liegt hier kei­ne Zustel­lungs­ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den vor [5]. Dies ist jedoch recht­lich uner­heb­lich. Der Vor­sit­zen­de hat das voll­stän­dig abge­fass­te und von allen mit­wir­ken­den Rich­tern unter­schrie­be­ne Urteil der Geschäfts­stel­le über­mit­telt. Die Zustel­lung ist von Amts wegen durch die Geschäfts­stel­le erfolgt (§ 112c Abs. 1 Satz 1 BRAO, § 56 Abs. 2 VwGO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Janu­ar 2016 – AnwZ (Brfg) 35/​15

  1. BGH, Beschluss vom 14.06.1954 – GSZ 3/​54, BGHZ 14, 39, 44; Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 37/​03, NJW 2004, 2019, 2020; vom 24.09.2013 – I ZR 133/​12, NJW 2014, 1304 Rn. 11[]
  2. Kopp/​Schenke, VwGO, 21. Aufl., § 116 Rn. 4[]
  3. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 37/​03, NJW 2004, 2019, 2020; vom 24.09.2013 – I ZR 133/​12, NJW 2014, 1304 Rn.20[]
  4. BGH, Urteil vom 12.03.2004, aaO; Beschluss vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11, NJW-RR 2012, 1025 Rn. 17; vom 21.06.2012 – V ZB 56/​12, NJW-RR 2012, 1359 Rn. 14[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 09.02.2015 – AnwZ (Brfg) 51/​13, Rn. 7[]