Ver­wal­tungs­voll­stre­ckung und Insol­venz­an­fech­tung

Beauf­tragt eine Behör­de oder ein Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger eine ande­re zustän­di­ge Behör­de (etwa das Haupt­zoll­amt) mit der Voll­stre­ckung fäl­li­ger For­de­run­gen mit der Fol­ge, dass die­se für das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren als Gläu­bi­ge­rin der For­de­rung fin­giert wird, muss sich die ersu­chen­de Behör­de das Wis­sen des Sach­be­ar­bei­ters der ersuch­ten Behör­de zurech­nen las­sen.

Ver­wal­tungs­voll­stre­ckung und Insol­venz­an­fech­tung

Die Fra­ge, ob der Ein­zugs­stel­le bei der Beur­tei­lung der sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen des § 133 Abs. 1 InsO Kennt­nis­se des Sach­be­ar­bei­ters des Haupt­zoll­amts, des­sen sich die Stel­le bei der Voll­stre­ckung ihrer Beschei­de nach § 66 Abs. 1 Satz 1 SGB X, § 4 Buchst. b VwVG, § 249 Abs. 1 Satz 3 AO, § 1 Nr. 4 FVG bedient hat, ent­spre­chend § 166 Abs. 1 BGB zuzu­rech­nen sind, ist ohne wei­te­res zu beja­hen 1.

Soweit ver­tre­ten wird, das Wis­sen des Sach­be­ar­bei­ters kön­ne der Ein­zugs­stel­le nicht zuge­rech­net wer­den, weil ent­spre­chend dem Wis­sen des Gerichts­voll­zie­hers auch das des Voll­zie­hungs­be­am­ten des ersuch­ten Haupt­zoll­amts dem Gläu­bi­ger nicht zuzu­rech­nen sei 2, kann dies mit der hier in Rede ste­hen­den Zurech­nung der Kennt­nis des Sach­be­ar­bei­ters nicht gleich­ge­setzt wer­den. Aus dem hier gemäß § 5 Abs. 1 VwVG anzu­wen­den­den § 252 AO folgt eine gesetz­li­che Fik­ti­on, nach der Gläu­bi­ger des zu voll­stre­cken­den Anspruchs die Voll­stre­ckungs­be­hör­de wird, die mit der Voll­stre­ckung beauf­tragt ist. Dies gilt auch dann, wenn die Voll­stre­ckungs­be­hör­de Ansprü­che ande­rer Kör­per­schaf­ten voll­streckt. Die als Gläu­bi­ge­rin fin­gier­te Kör­per­schaft erwirbt danach die Pfän­dungs­pfand­rech­te an beweg­li­chen und unbe­weg­lich Sachen sowie die Pfän­dungs­pfand­rech­te an For­de­run­gen 3. Mate­ri­ell geht damit die For­de­rung zwar nicht auf die Voll­stre­ckungs­be­hör­de über. Der Gläu­bi­ger muss aber als befrie­digt ange­se­hen wer­den, wenn die zustän­di­ge Behör­de die For­de­rung voll­streckt hat.

Auf­grund die­ser Geset­zes­la­ge kann die ersuch­te Voll­stre­ckungs­be­hör­de nicht mit dem Gerichts­voll­zie­her gleich­ge­setzt wer­den, der nicht Ver­tre­ter des Gläu­bi­gers bei der Pfän­dung ist, son­dern allen Betei­lig­ten des Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens als Beam­ter gegen­über­steht 4. Soweit es um die Voll­stre­ckung geht, tritt die ersuch­te Voll­stre­ckungs­be­hör­de nicht neu­tral gegen­über allen Betei­lig­ten auf, son­dern rückt in die Gläu­bi­ger­stel­lung der Behör­de ein, in deren Auf­trag sie voll­streckt. Kennt­nis­se, die sie hin­sicht­lich einer even­tu­el­len Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners auf­grund die­ser Stel­lung erlangt, sind gege­be­nen­falls für die ersu­chen­de Behör­de zu sam­meln und an die­se wei­ter­zu­lei­ten.

Die­se von einem für Gerichts­voll­zie­her abwei­chen­de Auf­ga­be der ersuch­ten Voll­stre­ckungs­be­hör­de recht­fer­tigt es, die von ihr erlang­ten Kennt­nis­se der ersu­chen­den Behör­de zuzu­rech­nen. Dies ent­spricht dem all­ge­mei­nen Grund­satz, nach der jede am Rechts­ver­kehr teil­neh­men­de Orga­ni­sa­ti­on sicher­stel­len muss, dass die ihr zuge­hen­den rechts­er­heb­li­chen Infor­ma­tio­nen von ihren Ent­schei­dungs­trä­gern zur Kennt­nis genom­men wer­den kön­nen, und es des­halb so ein­rich­ten, dass ihre Reprä­sen­tan­ten, die dazu beru­fen sind, im Rechts­ver­kehr bestimm­te Auf­ga­ben in eige­ner Ver­ant­wor­tung wahr­zu­neh­men, die erkenn­bar erheb­li­chen Infor­ma­tio­nen tat­säch­lich an die ent­schei­den­den Per­so­nen wei­ter­lei­ten 5. Dies gilt auch für Behör­den 6.

Um eine Wis­sens­auf­spal­tung zu ver­mei­den, wenn eine Behör­de oder Sozi­al­ver­si­che­rung sich einer ande­ren Behör­de als Voll­stre­ckungs­or­gan bedient, darf sie sich nicht gegen die Erkennt­nis­se abschot­ten, wel­che die ersuch­te Behör­de bei der für sie durch­ge­führ­ten Voll­stre­ckung gewinnt. Dass es in die­sem Zusam­men­hang auf die Erkennt­nis des Sach­be­ar­bei­ters der voll­stre­cken­den Behör­de ankommt, ist eben­falls geklärt 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Febru­ar 2013 – IX ZR 115/​12

  1. vgl. OLG Mün­chen, ZIP 1992, 787, 788 f; Born­hei­mer in Pape/​Uhländer, InsO, § 130 Rn. 52; FKInsO/​Dauernheim, 7. Aufl., § 130 Rn. 54; Hmb­Komm-InsO/­Rog­ge/Lep­ti­en, 4. Aufl., § 130 Rn. 38; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 2. Aufl., § 130 Rn. 51; Schopp­mey­er in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2008, § 130 Rn. 148; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 130 Rn. 63[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 29.03.2012 – IX ZR 26/​10, NZS 2012, 581 Rn. 4[]
  3. ein­hel­li­ge Mei­nung, vgl. Beer­mann in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, AO, 2007, § 252 Rn. 6 ff; Klein/​Brockmeyer, AO, 11. Aufl., § 252 Rn. 1 f; Loo­se in Tipke/​Kruse, AO, 2012, § 252 Rn. 2[]
  4. vgl. OLG Mün­chen, aaO[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 12.11.1998 – IX ZR 145/​98, BGHZ 140, 54, 62; vom 15.12.2005 – IX ZR 227/​04, WM 2006, 194, 195 f; vom 16.07.2009 – IX ZR 118/​08, BGHZ 182, 85 Rn. 16; vom 15.04.2010 – IX ZR 62/​09, ZIn­sO 2010, 912 Rn. 11; so auch BSGE 100, 215 Rn.19[]
  6. BGH, Urteil vom 30.06.2011 – IX ZR 155/​08, BGHZ 190, 201 Rn. 17 f[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 30.06.2011, aaO Rn. 16 mwN[]