Zulas­sung der Beru­fung – in den Urteils­grün­den

Eine Zulas­sung der Beru­fung muss nicht zwin­gend im Tenor des amts­ge­richt­li­chen Urteils aus­ge­spro­chen sein. Es genügt, wenn sie ledig­lich in den Grün­den des Urteils ent­hal­ten ist 1.

Zulas­sung der Beru­fung – in den Urteils­grün­den

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall strit­ten die Par­tei­en um den Bestand von Ansprü­chen aus einem Strom­lie­fe­rungs­ver­trag sowie die Rück­ge­währ von Über­zah­lun­gen. Das Amts­ge­richt, das den Streit­wert auf ins­ge­samt 531, 07 € fest­ge­setzt hat, hat die Kla­ge abge­wie­sen. In den Grün­den sei­ner Ent­schei­dung hat es vor der erteil­ten Rechts­mit­tel­be­leh­rung aus­ge­führt:

"Die Beru­fung ist zuzu­las­sen, weil die Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung besitzt bzw. die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts erfor­dert, § 511 Abs. 4 Nr. 1 ZPO."

Die hier­ge­gen vom Klä­ger form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te Beru­fung hat das Land­ge­richt Ber­lin unter Fest­set­zung eines Streit­werts für die Beru­fungs­in­stanz auf bis zu 500 € als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des 600 € nicht über­steigt 2. Hier­ge­gen wen­det sich der Klä­ger mit sei­ner Rechts­be­schwer­de – und erhielt vom Bun­des­ge­richts­hof Recht:

Die Rechts­be­schwer­de ist gemäß § 522 Abs. 1 Satz 4, § 574 Abs. 1 Nr. 1 ZPO statt­haft. Sie ist auch nach § 574 Abs. 2 ZPO zuläs­sig, weil die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts erfor­dert. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Beru­fung des Klä­gers zu Unrecht nach § 522 Abs. 1 ZPO als unzu­läs­sig ver­wor­fen. Indem es dabei dem Beklag­ten den Zugang zur Beru­fungs­in­stanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se ver­sagt hat, hat es zugleich des­sen ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Anspruch auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip) in zulas­sungs­re­le­van­ter Wei­se ver­letzt 3.

Die Rechts­be­schwer­de ist auch begrün­det.

Die Rechts­be­schwer­de weist mit Recht dar­auf hin, dass es im Streit­fall für die Statt­haf­tig­keit der Beru­fung auf den Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des nicht ankommt. Die Beru­fung ist viel­mehr gemäß § 511 Abs. 2 Nr. 2 ZPO zuläs­sig, weil das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges – mit Bin­dungs­wir­kung für das Beru­fungs­ge­richt – die Beru­fung nach § 511 Abs. 4 ZPO zuge­las­sen hat. Die­se Zulas­sung, die nicht zwin­gend im Tenor des amts­ge­richt­li­chen Urteils aus­ge­spro­chen sein muss­te, son­dern – wie hier – ledig­lich in den Grün­den ent­hal­ten zu sein brauch­te 4, hat das Beru­fungs­ge­richt nicht zur Kennt­nis genom­men und dadurch dem Klä­ger den Zugang zur Beru­fungs­in­stanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se ver­ei­telt.

Die Sache ist danach unter Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Beschlus­ses an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 577 Abs. 4 ZPO), wel­ches dem Beru­fungs­ver­fah­ren mit den sodann zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen Fort­gang zu geben hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. März 2016 – VIII ZB 88/​15

  1. Anschluss an BGH, Urteil vom 08.03.1956 – III ZR 265/​54, BGHZ 20, 188, 189 [Zulas­sung der Revi­si­on][]
  2. LG Ber­lin, Beschluss vom 02.11.2015 – 57 S 164/​15[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 08.04.2014 – VIII ZB 30/​13, WuM 2014, 427 Rn. 7; vom 04.06.2014 – IV ZB 2/​14, NJW-RR 2014, 1102 Rn. 7; jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.03.1956 – III ZR 265/​54, BGHZ 20, 188, 189 [zur Zulas­sung der Revi­si­on]; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.06.2011 – II ZB 20/​10, WM 2011, 1335 Rn. 1[]